Drei, die offenbar aufeinander gewartet haben: Katja und Michael Richter mit Hund Eddie Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Katja und Michael Richter lernen einander in der geschlossenen Psychiatrie kennen. Heute sind die Unternehmertochter und der ehemalige Obdachlose verheiratet. Die Geschichte einer nicht alltäglichen Liebe.

Pläne? Ja, jede Menge haben sie davon. Ganz private und auch solche, die anderen das Leben erleichtern sollen. So haben Katja und Michael Richter sich zum Beispiel bei einem Gartenbauverein in Stuttgart auf die Warteliste für einen Schrebergarten setzen lassen, sind Mitglieder im Verein geworden. Ein Garten, das heißt, ein Stückchen Erde bebauen, aussäen und pflanzen, hegen und pflegen und irgendwann dann hoffentlich ernten. Mehr Ankommen, Bleiben und Heimatleben geht kaum. Katja Richter sagt: „Wir wollen das einfach mal ausprobieren.“ Und ihr Mann Michael ergänzt: „Wir kennen das ja gar nicht.“ Das Radieschen aussähen und regelmäßig Rasen mähen, die Regeln im Verein. Es ist wie so vieles neu im gemeinsamen Leben, das sich in einer geräumigen Dreizimmerdachgeschosswohnung im Stuttgarter Westen abspielt und noch gar nicht so lange andauert.

 

Draußen ziehen gerade neue Regenwolken auf. Drinnen am Esstisch sitzen die beiden bei einer Tasse Kaffee. Sie im grauen Pulli, Jeans und Sneakers. Er trägt eine knarzige braune Lederhose samt Weste, Schnürboots – und ein Hütchen. „Ich sah schon immer ein bisschen anders aus“, sagt er. Das muss sein. Nur in der Kirche bei seiner Hochzeit hat er die Kopfbedeckung kurz abgesetzt. 2022 haben die beiden sich kennengelernt, 2023 dann geheiratet. Schnell ging das. „Aber wenn, dann wollte ich es von Anfang an richtig angehen“, sagte Katja Richter.

Neue Liebe mit fünfzig

Denn natürlich gibt es Menschen in ihrem Umfeld, die gesagt haben, ob es nicht erst mal reiche, einfach so zusammenzuleben. Nein, tut es nicht. Er zieht bei ihr ein – in die Wohnung, in der sie seit 20 Jahren lebt. Sie nimmt seinen Nachnamen an. Es ist ihre erste Ehe, aber nicht ihre erste Partnerschaft. Ehemann Michael war schon einmal verheiratet. Das war vor fast einem halben Leben am anderen Ende Deutschlands. Beide sind jetzt 50 Jahre alt und leben eine für Außenstehende ungewöhnliche Liebe. Aber vielleicht ist auch nur der Ort, an dem diese Liebe beginnt, ein bisschen ungewöhnlich.

Als das Miteinander beginnt, haben beide 48 Jahre Leben auf dem Buckel und ihre Macken abbekommen. „Jeder hat doch seinen Rucksack“, sagt Katja Richter. Aber irgendwie hat es wohl sein müssen. Denn der Ort, an dem sie sich kennenlernen, hat mit Romantik so wenig zu tun wie eine Tankstelle an einer viel befahrenen Autobahn. Es ist die geschlossene Psychiatrie einer Stuttgarter Klinik. Genauer gesagt: einer der Raucherbalkone dort. Er drehte sich dort immer seine Zigaretten. Sie hätte das auch gern gekonnt, kommt aber erst mal nicht so richtig an ihn ran. Ihn lässt das herzlich kalt.

Der Tod seiner Hündin Gina

Sehr vergnüglich ist diese erste Begegnung wohl nicht gewesen. Beide sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie versucht gerade, mit ihrer psychischen Erkrankung einen Waffenstillstand zu schließen. Ihm hat der Tod seiner Hündin Gina den Boden unter den Füßen weggezogen. 14 Jahre hat er mit der Husky-Mischlingshündin zusammengelebt. 14 Stunden war er mit der Urne mit ihrer Asche im Rucksack mit dem Neun-Euro-Ticket unterwegs, um das Versprechen einzulösen, das er ihr gegeben hat. Bis zum Ende für sie da zu sein. Sie war schließlich auch immer für ihn da. Sein Ziel ist Remseck. Im Ortsteil Aldingen wirft er die Urne in den Neckar. Denn dort hat ihr gemeinsames Leben begonnen, nachdem er sie für 250 Euro über eine Ebay-Kleinanzeige als fünf Monate alten Welpen gekauft hatte. Dann sind seine Kräfte aufgebraucht. Das Wesen, das ihn 24 Stunden am Tag begleitet hat, ist nicht mehr da. Als er völlig verzweifelt mit Selbstmordgedanken in der Stuttgarter Klett-Passage sitzt, fällt er zwei Polizisten auf. Sie erkennen seine Notlage und dass er dringend Hilfe braucht. Sie bringen ihn in die Klinik.

Katja und Michael begegnen einander, als beide für Versteckspielen und Camouflage keine Kraft und wahrscheinlich auch keinen Nerv mehr haben. Mensch trifft auf Mensch. Mehr gilt nicht. Das Leben draußen, aus dem sie kommen, ist ohne Bedeutung. „Ich habe mich von ihm berühren lassen“, sagt Katja Richter im Rückblick mit klarer offener Stimme. Denn irgendwann ändert sich die Atmosphäre auf dem Raucherbalkon von abweisend in zugewandt. „Ich habe zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewusst, dass Michael obdachlos war.“ Und er weiß nicht, dass sein Gegenüber einzige Tochter einer schwäbischen Unternehmerfamilie ist. Ein wohlsituiertes, finanziell abgesichertes Leben führt. „Ich habe langsam wieder Vertrauen zu einem Menschen gefasst“, sagt Michael Richter, wenn er sich zurückerinnert. Er spricht leise. Dass er ursprünglich aus Norddeutschland kommt, ist unüberhörbar.

Das Leben auf der Straße

Denn genau das, sich anderen zu öffnen, hat er über viele Jahre verlernt und sich abtrainiert. Und doch hat er in den Jahren mit seiner Hündin gelernt, „immer für zwei zu entscheiden“. Die Entscheidung für einen Hund heißt als Obdachloser jedoch auch, nur schwer oder gar keine Unterkunft für die Nacht in einer Einrichtung zu finden. Bevor Michael Richter in eine neue Stadt weiterzieht, checkt er online, ob er dort mit Gina unterkommen kann. An Regentagen wie am Wochenende „hätte ich mich unter ein Dächchen gesetzt“, sagt er mit einem Blick zum Himmel. Das Leben auf der Straße macht ihn zu einem Experten des Überlebens mit extremen Organisationsqualitäten. Er werde oft gefragt, ob sein Leben jetzt besser sei. „Es ist anders“, sagt er.

Während er das erzählt, liegt entspannt Eddie auf dem Wohnzimmerboden. Beim Urlaub in Bulgarien ist der helle Mischlingsrüde mit dem Gemüt eines Buddhas in das Leben der Richters geschlüpft. Eddie lebte auf der Straße vor dem Hotel, Michael Richter fütterte ihn jeden Abend. Als das Ehepaar wieder nach Hause fliegt, ist klar: Eddie muss nachkommen. Über eine Tierschutzorganisation gelingt das. Und jetzt gehört er dazu. Für Katja Richter ist es der erste Hund. Seit Dezember sind sie nun zu dritt, und es sieht so aus, als sei es nie anders gewesen. Manche Dinge geschehen einfach. Man kann sich ihnen nicht entziehen.

Katja nimmt ihm seine Angst

Als Michael Richter zum ersten Mal auf der Straße schläft, ist er 15 Jahre alt. Er campiert auf dem Gitter eines Lichtschachtes, „weil es da warm ist“. Und er kriegt raus, dass der Kurpark seiner Heimatstadt Lüneburg morgens um fünf öffnet. Auf den Liegen dort dämmert er in den Tag hinein – und lernt, ja nicht zu tief zu schlafen, um jederzeit regieren zu könne. Das Leben draußen ist gefährlich. „Früher habe ich immer mit offenen Augen geküsst, hatte Angst, dass einer mit einem Knüppel kommt und zuschlägt“, sagt er. Erst bei Kati könne er die Augen zumachen und habe keine Angst mehr. Die dreht sich gerade eine Zigarette. Jeder lernt dazu in dieser Beziehung.

Als Teenager bleibt er immer wieder von zu Hause weg. Denn dort erlebt er körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. 20 Jahre prostituiert er sich in Hamburg. Er braucht das Geld. Bier, viel Bier, hilft ihm, dieses Leben auszuhalten. Nein, er hat keine guten Erinnerungen an Hamburg. Immer mal wieder hat er eine Wohnung, irgendwo in Deutschland, lässt aber auch manchmal alles stehen und liegen und geht einfach. Ab und zu arbeitet er als Tagelöhner, beginnt aber auch zu schnorren, wie er das nennt, wenn er dasitzt und von Passanten Geld bekommt. „Ich hab’ nie gesagt, gebt mir Geld. Ich habe freundlich gefragt: Wie geht’s dir?“, erzählt er. Er erlebt, wie Menschen ihm von ihren Problemen erzählen. Der Obdachlose als Kummeronkel und Überlebensexperte. Manchmal sitzt er da und stellt ein Schild vor sich. Auf dem steht: „Ich bin wie ihr.“

Auch beruflich gibt es einen Neuanfang

2006 kommt er nach Stuttgart zu seinem Punkkumpel nach Feuerbach. Über den Weg gelaufen sind sich Katja und er nicht bis zu jenem folgenreichen Tag in der Klinik. Hätte Katja Richter ihm Geld gegeben, wäre sie damals auf der Straße an ihm vorbeigegangen? Sie überlegt. „Ich war eher zögerlich.“ Sie sagt, was viele denken: Sie wolle nicht den Kauf von Alkohol unterstützen. „Aber auch das kann sinnvoll sein“, erklärt Michael Richter, „wenn jemand total auf Entzug ist und man dadurch einen Anfall oder einen Krampf vermeidet.“ Was solle er mit dem 38. Kaffee, den ein gut meinender Mensch hinstellt, fragt er. Der werde nur kalt.

Im Herbst wird der Mann, der Jahrzehnte auf der Straße gelebt hat, ein Onlinestudium für Sozialmanagement an der Universität Bremen beginnen, finanziert durch ein Stipendium der Klettstiftung. Er will lernen, wie man Sponsorengelder und Unterstützer für Obdachlose zusammenbringt. Gemeinsam mit seiner Frau ist ihm das in einem ersten Projekt schon mal gelungen: Für den 9. Juni haben sie einen Wohlfühltag im Nikodemus-Gemeindezentrum in Stuttgart-Botnang organisiert. Eingeladen sind obdachlose und nicht obdachlose Menschen. Es wird Essen geben und die Möglichkeit zum Duschen, Sehtests und Brillen, es werden Haare geschnitten, es gibt Kleidung, medizinische Versorgung für Mensch und Haustier. Und zum Abschluss gibt es noch für jeden Besucher und jede Besucherin eine Geschenktüte, die nützlichen Dingen für die Platte. „Das war Katja ganz wichtig“, sagt Michael Richter. Gerade organisiert er noch ein Zelt für die Duschen. Und irgendwie auch noch eine Trennwand, damit Frauen und Männer gleichzeitig duschen können. Es wird ihm gelingen. Er ist bestens vernetzt und offenbar sehr überzeugend, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Ein gemeinsames Projekt

Denn es gibt da noch einen anderen, viel größeren Traum der beiden: eine Pension für Obdachlose mit Hund, für Frauen und für Paare. Alle drei Gruppen haben’s schwer. Wer könnte das besser wissen als Michael Richter. Die Räumlichkeiten haben sie sich dafür auch schon ausgeguckt. Es ist die leer stehende Bosch-Villa in der Hölderlinstraße. Einen Businessplan haben Katja und Michael Richter bereits in der Tasche. Jetzt müssen sie noch den Besitzer und die Stadt überzeugen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihnen etwas Besonderes gelingt.

Wohlfühltag

Aktion
Unter dem Motto „Stark gegen Obdachlosigkeit“ haben Katja und Michael Richter im Nikodemus-Gemeindezentrum (Stuttgart-Botnang) einen Wohlfühltag organisiert. Er findet am Sonntag, 9. Juni, statt. Beginn ist um 11 Uhr. Eingeladen sind obdachlose und nicht obdachlose Menschen. Angeboten werden Essen, kostenlose Haarschnitte, Sehtests und Brillen, medizinische Versorgung für Mensch und Tier, Futter und Zusammensein.

Hilfe
Wer die Aktion unterstützen will, kann das unter https://www.betterplace.me/wohlfuehltag-fuer-obdachlose-menschen-in-stuttgart.