Mit Video - Viele Flüchtlingsunterkünfte in Baden-Württemberg sind völlig überlastet. Um Abhilfe zu schaffen, baut das Land an der A81 bei Neuenstadt nun eine Zeltstadt. Eine Notlösung.

Heilbronn - Es riecht nach Plastik. Die Zeltplanen rascheln im Wind, die Zeltstangen knarzen. Von draußen sind das entfernte Rauschen der nahen Autobahn und dumpfes Stimmengewirr zu hören. Es ist stickig. Hier, in einem rund zehn mal 3,5 Meter großen Zelt, sollen demnächst bis zu acht erwachsene Flüchtlinge schlafen – auf doppelstöckigen Feldbetten und Stockbetten aus Metall.

Insgesamt 40 weiße Zelte reihen sich auf dem Gelände der alten Autobahnmeisterei von Neuenstadt am Kocher aneinander. Sie stehen dicht an dicht auf einem tristen Betonplatz vor ausgedienten Lkw-Garagen, Grünflächen gibt es kaum. Am Samstag haben die Aufbauarbeiten an der Zeltstadt begonnen, inzwischen sind die meisten der provisorischen Unterkünfte aufgebaut. Viel zu tun ist trotzdem noch: Bürgermeister Norbert Heuser hat erst am vergangenen Donnerstag erfahren, dass er rund 200 Flüchtlinge aus der Erstaufnahmeeinrichtung Ellwangen aufnehmen soll.

„Eine absolute Zwischenlösung“, sagt Regierungsvizepräsident Christian Schneider. Ellwangen sei derzeit völlig überlastet. Statt der vorgesehenen 1000 Flüchtlinge sind dort um die 1500 Menschen untergebracht. „Wir suchen händeringend nach Lösungen, um die Erstaufnahmeeinrichtungen im Land zu entlasten und Obdachlosigkeit der Flüchtlinge zu vermeiden“, sagt Schneider. Denn der Strom an Geflüchteten reißt nicht ab. Mit 52 000 Asylsuchenden rechnet Baden-Württemberg allein in diesem Jahr – mehr als doppelt so viele wie 2014. Im kommenden Jahr könnten es sogar bis zu 85 000 werden. Im Kreis Heilbronn soll nun die Zeltstadt Abhilfe schaffen. Vor allem alleinstehende Männer werden dort vorübergehend leben. Spätestens im Winter sollen die Zelte dann wieder abgebaut werden.

"Ergebnis einer gescheiterten Flüchtlingspolitik"

„Menschenunwürdig“ – so bezeichnet Guido Wolf, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, die entstehende Zeltstadt an der Autobahnausfahrt bei Neuenstadt. Sie sei das Ergebnis einer gescheiterten Flüchtlingspolitik. Ein Sprecher des Integrationsministeriums Baden-Württemberg rechtfertigt: „Eine Zeltstadt kann natürlich nicht das Ziel sein.“ Diese außergewöhnliche Maßnahme sei dem aktuell besonders hohen Zustrom an Flüchtlingen geschuldet. Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) plane aber, bis zum Winter in neuen Erstaufnahmeeinrichtungen 5700 weitere Plätze zu schaffen. Das sei auch Thema beim Stuttgarter Flüchtlingsgipfel am Montag gewesen.

Von außen ist das umzäunte Gelände an der A81 kaum als Zeltstadt erkennbar. Schräg hinter einigen Industriegebäuden stehen vier Männer in schwarzen Uniformen vor einem großen Tor. Rund um die Uhr bewachen sie den Eingang des noch unbewohnten Flüchtlingslagers. Ein bisschen Angst vor Brandanschlägen habe man schon, sagt einer der Wachmänner.

Angst ist im nahegelegenen Ortskern von Neuenstadt nicht zu spüren. Die meisten Einwohner sehen der Ankunft der Hilfesuchenden eher entspannt entgegen. „Wenn wir in Not woanders hinkommen würden, wären wir auch froh, wenn uns jemand aufnehmen würde“, sagt etwa die 68-jährige Margot Lohmann. So sei das doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Unverständnis herrscht eher über die Art der Unterbringung. „In Neuenstadt stehen viele Häuser leer“, sagt Jan David. „Statt in Zelten sollte man die Flüchtlinge lieber dort unterbringen.“ Der 27-jährige Barkeeper hat bisher nur gute Erfahrungen mit Asylsuchenden gemacht: „Die sind alle sehr nett und anständig. Ich glaube nicht, dass sich durch die Zeltstadt im Ort viel verändert.“

"Man muss den Menschen helfen"

Doch auch wenn die Stimmung in Neuenstadt vor allem positiv ist, gibt es durchaus gewisse Bedenken. „Ich bin nicht begeistert, direkt neben meinem Wohnort eine Flüchtlingsunterkunft zu haben, aber man muss den Menschen ja helfen“, sagt Peter von der Linde. Der 42-Jährige sorgt sich um zunehmende Kriminalität, doch das sei vermutlich nur gängigen Vorurteilen zuzuschreiben.

Viel Raum für Beschäftigung oder Privates bleibt nicht, in den engen Zelten auf dem Gelände der ehemaligen Autobahnmeisterei. Kaum aufsetzen kann man sich in den kurzen Feldbetten – zumindest, wenn man im unteren Bett liegt.

„Ich sehe eigentlich nicht die Gefahr, dass dort zu viel Langeweile entsteht“, sagt Petra Gänsler, Leiterin der Erstaufnahmeeinrichtung Ellwangen. Sie wird künftig auch die neue Unterkunft betreuen. „Wir sind sehr bemüht, in der Zeltstadt Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten“, sagt Gänsler. Und zeigt: In einer der großen Hallen auf dem Gelände wird ein Gemeinschaftsraum mit Beamer eingerichtet, zudem soll es Tischkicker und Tischtennisplatten geben. Auch sonst sei auf dem Gelände für das Nötigste gesorgt: Sanitäre Anlagen werden in einem Container zur Verfügung gestellt, für das Essen sorgt ein Caterer. „In etwa drei Wochen werden die Zelte durch stabilere und größere ersetzt“, sagt Gänsler. „Trotzdem muss das Ganze eine Notlösung bleiben.“

Noch wirkt die Zeltstadt mit den weißen Planen trist und verlassen. Noch riecht es nach Öl in den alten Hallen, der Boden ist abgewetzt, der Putz blättert von den Wänden. Ein roter Schriftzug warnt vor Vergiftungsgefahr bei laufenden Motoren. Dass hier schon in wenigen Tagen Menschen leben, essen und schlafen sollen, ist kaum vorstellbar. In einer der Hallen am Eingang zur Zeltstadt schrauben Helfer eifrig Metallbetten zusammen, bringen Schrauben und Plastikteile an. Nebenan stapeln sich Kartons voller Windeln, Toilettenpapier und eingeschweißte Matratzen. Bis Mitte der Woche muss alles fertig werden. Dann sollen die ersten Flüchtlinge eintreffen.

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