Das Auge des Gesetzes – bei Super-Recognisern hat der Begriff eine besondere Bedeutung. Foto: Delphimages - Fotolia

Die Stuttgarter Polizei hat ungewöhnliche Talente – sie erkennen die Gesichter von Menschen, die sie mal auf Fahndungsfotos gesehen haben. Zum Verdruss eines flüchtigen Straftäters.

Stuttgart - Der 34-Jährige hätte lieber doch nicht in der Stadtbahn am Polizeipräsidium am Pragsattel vorbeifahren sollen. Allerdings konnte er auch nicht ahnen, dass an jenem späten Abend noch ein Spezialist der Polizei in die U 15 Richtung Stammheim zusteigen würde. Einer mit einem besonderen Auge für Menschen. Ein sogenannter Super-Recogniser.

Dass die Stuttgarter Polizei etwa 70 Talente hat, die sich Gesichter besonders gut einprägen und in jeder beliebigen Situation wiedererkennen können, hat sich wieder einmal ausgezahlt. Dabei hatte ein 36-jähriger Beamter der Verkehrswegefahndung bei der Verkehrspolizei längst Feierabend, als er am Donnerstag kurz nach 22 Uhr in einer Stadtbahn in den Norden Stuttgarts unterwegs war. Doch dann wurde alles sofort wieder dienstlich.

Talentsuche mit Hilfe aus London

In der Bahn saß ein 34-Jähriger, dessen Bild in den Fahndungssystemen der Polizei registriert war – zur Festnahme ausgeschrieben. Der Betroffene, der seine Haftstrafe wegen Diebstahls nicht angetreten hatte, ahnte denn auch gleich Böses, als er bemerkte, wie die Augen eines anderen auf ihm ruhten. Schon an der nächsten Haltestelle, auf Höhe der Sieglestraße in Feuerbach, versuchte er sich auf und davon zu machen – und in der Dunkelheit des Industriegebiets von Feuerbach zu entkommen.

Wieso hatte er überhaupt erkannt werden können? Die Stuttgarter Polizei hatte im Februar 2018 an einem Projekt teilgenommen, bei dem Beamte gesucht wurden, die über ein besonderes Erinnerungsvermögen verfügen. Die sich Gesichtszüge so binnen Sekunden so gut einprägen können, dass sie die Betroffenen noch nach Jahren in einer Menschenmenge erkennen würden. Die Metropolitan Police in London hat seit Jahren eine Spezialeinheit solcher Super-Wiedererkenner – und zusammen mit einem Wissenschaftler der Universität Greenwich waren die Stuttgarter auf Talentsuche in den eigenen Reihen. Mit Erfolg.

Der Flüchtige hat ein Messer dabei

Im September 2019 etwa hatte ein Stuttgarter Super-Recogniser, ebenfalls im Feierabend, in Zuffenhausen einen EC-Kartendieb aufgespürt, dem er zufällig auf dem Gehweg begegnet war. Und auch der 34-Jährige im aktuellen Fall hatte keine Chance. „Der Kollege ist ein sehr guter Läufer“, sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann. Er spurtete dem Flüchtigen hinterher, mehrere Hundert Meter bis in die Magirusstraße. Dort gab der Mann dann auf. „Er hat dann auch sein mitgeführtes Messer herausgegeben“, sagt Sprecherin Ackermann. Der 34-Jährig, der mit Delikten quer durchs Strafgesetzbuch polizeibekannt ist, trat anschließend seine Haftstrafe an.

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