Mehr als 6000 Zeugenvernehmungen, aber keine heiße Spur im Fall Armani in Freiburg Foto: dpa

Die Aufklärungsquote bei Mord ist extrem hoch. Und doch gibt es immer wieder Fälle, in denen die Ermittler ratlos zurückbleiben – wie beim Tod des achtjährigen Armani R. aus Freiburg.

Freiburg/Stuttgart - Leise plätschert der Mühlbach in Richtung Dreisam. Über ihm, nur unweit der Kleingartenanlage Vogelnest im Westen Freiburgs, bilden elf Holzlatten einen Übergang. Nach und nach passieren Spaziergänger, Läufer und Radfahrer die Stelle. Ob sie um die düstere Vergangenheit dieses Orts wissen? Am frühen Morgen des 21. Juli 2014 lag hier, unterhalb der kleinen Brücke, die Leiche des achtjährigen Armani R. – halb im Bach, halb am Ufer. Ein Spaziergänger mit Hund fand den Jungen um 6.20 Uhr. Er war erwürgt worden. Nur: Von wem?

Seit zwei Jahren versucht die Polizei in Freiburg nun, den Täter zu finden. Sie arbeitete 2150 Spuren ab, befragte unzählige Anwohner, startete einen Aufruf in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ und kam im Zuge der Ermittlungen auf mehr als 6000 Zeugenvernehmungen – ohne Erfolg. Das Motiv ist bis heute unklar. 270 Aktenordner liegen nun bei der Staatsanwaltschaft. Sie prüft eine Einstellung des Verfahrens. Für Chefermittler Thomas Schönefeld ist dies eine unbefriedigende Situation. „Wenn man fast zwei Jahre an einem Fall ermittelt, geht das nicht spurlos an einem vorbei“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar. „ Zumal das Opfer ein Kind war.“

Gegen 18.15 Uhr verliert sich Armanis Spur

Armani R. war ein lebhafter Junge. Am späten Nachmittag des 20. Juli 2014 wollte er unbedingt noch mal auf einen Spielplatz im Freiburger Stadtteil Brühl, nahe seinem Elternhaus, um dort mit Kumpels zu kicken. Gegen 18 Uhr begann es aber zu regnen. Die Kinder machten sich auf den Heimweg. Zeugen sahen Armani um 18.15 Uhr, wie er unweit des Spielplatzes mit seinem Ball gegen eine Hauswand kickte. Danach verlor sich seine Spur. „Wir haben keine Zeugen, die sagen können, was Armani anschließend ­gemacht hat“, sagt Schönefeld.

Zunächst suchte der Vater noch selbst nach dem Jungen, um 20.50 Uhr meldete er ihn dann bei der Polizei vermisst. Bis tief in die Nacht durchkämmten Familienmitglieder und Einsatzkräfte mithilfe einer Hundestaffel das Viertel, um den Jungen zu finden. Der starke Niederschlag in jener Nacht – zeitweise regnete es in Freiburg neun Liter pro Quadratmeter und Stunde – erschwerte die Suche erheblich, die Spürnasen der Polizeihunde versagten. Und nicht nur das: „Aufgrund der schlechten Witterung haben wir auch nahezu keine verwertbaren Spuren am Opfer gefunden“, sagt Schönefeld.

Fundort ist nicht Tatort

Nur eines ist klar: Der Fundort im Stadtteil Betzenhausen, rund vier Kilometer entfernt vom Spielplatz, ist nicht der Tatort. Weil Armani teilweise im Wasser lag und die Temperatur des Leichnams deshalb schneller abkühlte, als er es an Land getan hätte, konnten die Rechtsmediziner auch den Todeszeitpunkt nicht exakt eingrenzen. Trotz der widrigen Umstände denken die Ermittler nicht ans Aufgeben.

Vorerst steht Armanis Tod aber in der Reihe der ungeklärten Morde im Land. Wie viele Fälle dieser Art noch ungelöst sind, konnte das Innenministerium auf Anfrage nicht in Erfahrung bringen. Auf den entscheidenden Hinweis warten die Ermittler unter anderem bei den Verbrechen an der Bankiersgattin Maria Bögerl aus Heidenheim im Mai 2010 und an der zweifachen Mutter Nadine Ertugrul aus Ludwigsburg im Oktober des vergangenen Jahres.

Die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten

Diese Fälle sind Ausnahmen, wie die Polizeilichen Kriminalstatistiken (PKS) des Bundeskriminalamts (BKA) zeigen. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten ist demnach seit Jahren hoch. 2015 klärten die Kriminalisten bundesweit 615 versuchte und vollendete Morde bei 649 neuen Fällen (94,8 Prozent). In Baden-Württemberg lösten die Beamten laut Landeskriminalamt (LKA) sogar 66 Fälle, bei 69 neuen Morden (95,6 Prozent). Einer der Gründe für die hohe Quote sei, dass die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten seien, sagt LKA-Sprecher Horst Haug. Diese könnten in aller Regel geklärt werden.

Zeugenerinnerungen verblassen im Lauf der Zeit

Deutlich aufwendiger gestalten sich sogenannte Fahndungsmorde. Bei ihnen gilt: „Je schneller man nach der Tatentdeckung den Personalapparat anwerfen kann, je besser die Spurenlage ist, desto höher ist die Chance, dass man die Tat in den ersten 76 Stunden aufklären kann“, sagt Michael Kühner, früher Leiter der Mordkommission und Vizepräsident der Polizei in Stuttgart, seit 2008 im Ruhestand. Klappe dies nicht, schwinde die Wahrscheinlichkeit einer Aufklärung. Denn mit zunehmender zeitlicher Distanz zur Tat werde die Arbeit für die Ermittler immer kniffliger. Eines der Probleme: Zeugenerinnerungen ­verblassen.

Kühner betont, wie wichtig es ist, dass das Team aus Vernehmungsbeamten, Kriminaltechnikern und Datenbankspezialisten funktioniere. „Es ist nicht so wie im Fernsehen, dass es einen Chef gibt, der alles kann und alles weiß“, sagt Kühner, „die Qualität des gesamten Teams ist letztendlich entscheidend für die Bearbeitung und Aufklärung eines Falls.“

Entwicklung der Kriminaltechnik hilft enorm

Aber auch wenn die Polizei noch so gründlich ermittelt, gibt es immer wieder Momente, in denen sie an Grenzen stößt. „Wenn man nicht beweisen kann, dass der Verdächtige die Tat begangen hat, und er nicht gesteht, muss man ihn gehen lassen“, sagt Kühner. Eine wichtige Rolle spielt daher die Entwicklung der Kriminaltechnik. Vor allem das vom britischen Humangenetiker Alec John Jeffreys erfundene Laborverfahren, das es möglich macht, den genetischen Fingerabdruck eines Menschen zu ermitteln, war ein gewaltiger Fortschritt für die Polizei. In den vergangenen 30 Jahren ist die DNA-Analyse-Methode immer weiter verfeinert worden. So benötigen Spezialisten heute nur noch kleinste menschliche Körperzellen aus einem Haar, einer Schuppe oder Hautabriebspuren, um Spuren an einem Tatort abgleichen und nicht selten auch einem Tatverdächtigen zuordnen zu können.

Doch nicht immer gibt es DNA-Treffer. Manches Mal fehlt auch ein anderer belastbarer Beweis. Und so bleiben Morde, bei denen allein die Hoffnung bleibt, den Täter noch überführen zu können. „Es gibt Fälle, die bleiben ein Leben lang ungeklärt“, sagt Kühner, „damit muss man als Polizist zurechtkommen.“

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