Horst (l.) und Adrian Gaiser haben einen Beruf, der selten ist. Entsprechend gefragt sind ihre Dienste. Foto: Caroline Holowiecki

Vater und Sohn aus Stuttgart-Plieningen betreiben im Heusteigviertel einen Handwerksbetrieb mit Seltenheitswert. Nun müssen sie nach fast 30 Jahren dort raus. Das bringt Horst und Adrian Gaiser in die Bredouille.

S-Süd/S-Plieningen - Es ist, als betrete man eine Galerie. Bilder und Spiegel bedecken die Wände, zahlreiche Kunstwerke lehnen in Stapeln an Türrahmen oder liegen auf Arbeitstischen. Hier geht es um Kunst – und vor allem um Handwerkskunst. Seit 1992 gibt es das „Atelier für Kunst und Rahmen“ im Heusteigviertel. Geführt wird es vom Vater-Sohn-Gespann Horst (65) und Adrian Gaiser (29) aus Stuttgart-Plieningen. In der angrenzenden Werkstatt wird gerahmt, restauriert und vergoldet. Gerade Letzteres macht den Drei-Mann-Betrieb zur beliebten Adresse.

Junior- und Seniorchef müssen die Koffer packen

Gelernte Vergolder, wie Vater und Sohn es beide sind, sind selten geworden. „In meinem Lehrjahr waren wir sieben deutschlandweit“, sagt Adrian Gaiser. Doch statt im kommenden Jahr das 30-jährige Firmenbestehen zu feiern, müssen Junior- und Seniorchef die Koffer packen. Bis Februar 2022 müssen sie raus. Sie haben die Kündigung für ihre Gewerberäume erhalten – ohne Angabe von Gründen, wie sie monieren.

Der schmucke Altbau gehört der Immobilienfirma Hildenbrandt. Sie hat das Gebäude vor einigen Jahren erworben. „Wir lieben Häuser, auch alte Häuser“, sagt der Geschäftsführer Erich Hildenbrandt. Während seine Noch-Mieter ihm unterstellen, er wolle durch die Kündigung des Festvertrags künftig seinen Gewinn maximieren, spricht er von persönlichen Differenzen. „Jeder Vermieter hat irgendwann die Nase voll“, sagt er. Zur Art der Auseinandersetzung schweigt er.

Dass es ein Zerwürfnis gibt, leugnet Horst Gaiser nicht. Vielmehr habe es „von Anfang an Probleme“ gegeben. Er spricht von einer Misskommunikation, auch von einem Wasserschaden oder fremden Baumaschinen auf seinen angemieteten Flächen. „Ich war der Leidtragende“, sagt er. Wo genau der Disput seinen Anfang genommen hat, ist für Außenstehende nicht zu beurteilen. Die Gaisers jedenfalls haben nun ihrerseits ein Problem.

Staatsgalerie, Kunstmuseum und Staatliche Schlösser als Referenz

Umziehen werde schwierig, glauben sie. „Gewerbemieten liegen bei bis zu 25 Euro pro Quadratmeter. Wir sind ein kleiner Handwerksbetrieb. Wir können keine 4000 Euro zahlen“, sagt Horst Gaiser. Zudem: Der aktuelle Standort an der Ecke Schlosser- und Weißenburgstraße hat Flair. Man habe sie hier einen guten Namen erarbeitet. Als Referenzen werden auf der Homepage die Staatsgalerie, das Kunstmuseum, die Staatlichen Schlösser und Gärten oder das Staatsministerium genannt. „Von vielen Kunden kommen mittlerweile die Kinder“, sagt Horst Gaiser. Diesen bewährten Standort wolle man ungern etwa gegen ein Gewerbegebiet eintauschen. Werde man nicht fündig, müsse man im schlimmsten Fall den Betrieb aufgeben. „Das wäre das Extremum“, sagt Adrian Gaiser.

Sein Vater wirkt frustriert. „Denen sind gewachsene Strukturen egal“, wettert er in Richtung Immobilienfirma. In der Konsequenz verschwänden immer mehr Traditionsfirmen aus dem Stadtbild. Erich Hildenbrandt sagt: „Ich bin kein Wohltäter, ich muss auch verdienen.“ Gleichwohl stellt er klar: Seine Firma renoviere niemanden raus. Er bedauere den bevorstehenden Auszug des Ateliers sogar, „ich finde das Geschäft auch schön. Wir machen es nicht, weil wir einen neuen Mietvertrag in der Hinterhand haben“. Doch das Tischtuch sei zerschnitten.

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