Degerloch, 26. Mai – einer dieser Abseits-Unfälle: Ein Klein-Lkw prallt ohne erkennbare Ursache gegen eine Ampel und verletzt eine Fußgängerin schwer. Foto: Franz Feyder

Autofahrer geraten auf Abwege, Fußgänger werden zu Opfern. Der tödliche Unfall am Olgaeck Anfang Mai ist kein Einzelfall – der Unfalltypus häuft sich in Stuttgart und der Region.

Falscher Zeitpunkt, falscher Ort. Eine 66-jährige Fußgängerin steht an einer Fußgängerampel an der B 27 in Degerloch und wartet auf Grün, um hinüber zum Albplatz zu kommen. Dann kommt alles anders. Die Frau wird wie aus heiterem Himmel vom Ampelmast getroffen und dabei schwer verletzt. Ein Kleinlastwagen hat die Ampel sowie zwei Poller auf dem Gehweg gerammt und gefällt. Dessen Fahrer war aus unklarer Ursache von der Fahrbahn abgekommen.

 

Wieder so eine Kollision im Abseits. Autofahrer verlieren die Kontrolle, geraten in Fußgängerbereiche und richten dabei schwere Verletzungen und Schäden an. Bei diesem Unfall am 26. Mai gegen 11.30 Uhr an der Kreuzung Rubens-/ Löffelstraße muss die Passantin schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Sachschaden an der Ampel und am Fahrzeug wird auf 20 000 Euro geschätzt. Der tödliche Unfall am Olgaeck Anfang Mai ist kein Einzelfall – der Unfalltypus häuft sich in Stuttgart und in der Region. Ob es Tote gibt, hängt dabei offenbar nur vom Zufall ab.

Zwei Männer erfasst, eine Frau kann sich retten

Warum der 23-jährige Fahrer des Pritschen-Lkw bei der Fahrt stadtauswärts in Richtung Möhringen nach rechts abdriftete, bleibt auch über eine Woche später unklar. War er abgelenkt? Wurde er abgedrängt? Der Unfall ereignete sich an derselben Stelle, an der vor einem Jahr ein Motorradpolizist im EM-Konvoi ums Leben gekommen war. „Mit Verweis auf das laufende Verfahren können wir zur Ursache keine Angaben machen“, sagt die Stuttgarter Polizeisprecherin Daniela Treude.

Der VW des 81-Jährigen erfasst in Dagersheim auf dem Gehweg zwei Passanten. Foto: SDMG/Dettenmeyer

Derweil hat sich am Montag gegen 14.25 Uhr an anderer Stelle der nächste Unfall mit demselben Muster ereignet. Im Böblinger Stadtteil Dagersheim kommt ein 81-jähriger Autofahrer mit seinem VW von der Hauptstraße ab, fährt unkontrolliert 50 Meter auf dem Gehweg vor eine Bäckerfiliale. Ein 36-Jähriger, mit Arbeiten an einer Grünanlage beschäftigt, wird erfasst und verletzt. Inzwischen ist ein weiterer Verletzter bekannt: „Außerdem wurde ein 23-Jähriger zur Seite geschleudert und leicht verletzt“, sagt Polizeisprecherin Veronica Zahler vom zuständigen Polizeipräsidium Ludwigsburg. Eine Frau habe sich als dritte betroffene Person mit einem Sprung zur Seite retten können. Noch ist unklar, ob die körperliche Verfassung des 81-Jährigen der Auslöser des Unfalls gewesen ist. „Der Führerschein des Mannes ist zwischenzeitlich sichergestellt“, sagt die Polizeisprecherin.

Mit schneller Aufklärung ist nicht zu rechnen

Immerhin kam es nicht ganz so schlimm wie am 2. Mai in der Stuttgarter Innenstadt. In der Charlottenstraße am Olgaeck war ein 42-jähriger Fahrer eines Mercedes-Geländewagens nach links von der Fahrbahn abgekommen und hatte das Geländer eines Fußgängerüberwegs an der Stadtbahn-Haltestelle niedergewalzt. Eine 46-jährige Frau erlitt dabei tödliche Verletzungen, weitere sieben Passanten wurden teils schwer verletzt. Die Ermittlungen gegen den 42-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung laufen – „deshalb können wir derzeit keine weiteren Auskünfte erteilen“, sagt Stefanie Ruben, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Unglücksort Olgaeck in Stuttgart-Mitte: Ein Geländewagen erfasst am 2. Mai acht Menschen. Foto: SDMG/Schulz

Mit einer schnellen Aufklärung ist nicht zu rechnen. Das zeigen schon andere Unglücke, die bereits ein Jahr zurückliegen. Am 15. Juni 2024 starben in Nürtingen (Kreis Esslingen) zwei Frauen im Alter von 27 und 28 Jahren, die, ähnlich wie zuletzt in Degerloch, an einer Fußgängerampel an der Europa- und Bahnhofstraße standen. Ein 54-jähriger Mercedes-Fahrer krachte ungebremst gegen den Ampelmasten, tötete die Frauen, verletzte einen 16-Jährigen schwer.

Welche Ursachen findet die Polizei in ihren Bilanzen?

Die Ermittlungen seien noch immer nicht abgeschlossen, stellt Staatsanwaltssprecherin Ruben auf Nachfrage fest. Zwar sei der Nürtinger Unfallfahrer unter dem Einfluss von Cannabis gewesen, sagt sie, aber: „Ob diese Substanzbeeinflussung auch unfallursächlich war, ist derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen.“

Ebenfalls noch ohne staatsanwaltlichen Befund ist der tödliche Unfall vom 22. Oktober 2024 in Esslingen-Weil, wo ein 54-Jähriger mit seinem SUV auf den Gehweg geschleudert wurde und eine 39-jährige Mutter mit ihren Söhnen, drei und sechs Jahre alt, tödlich verletzte. Bisher sind lediglich Alkohol oder Drogen als Ursache ausgeschlossen.

Gedenken an der Unfallstelle in Nürtingen: Am 15. Juni 2024 starben dort zwei Passantinnen. Foto: Andreas Rosar

Was aber sind überhaupt die Ursachen solcher Unfälle? Die Stuttgarter Polizei hat auf Anfrage unserer Zeitung die vergangenen fünf Jahre mit knapp 900 Unfällen dieses Typs mit verletzten Fußgängern unter die Lupe genommen – mit interessanten Erkenntnissen. Falsches Verhalten gegenüber Fußgängern wird zu 32 Prozent als Ursache registriert. Alkohol und Drogen machen dagegen nur drei Prozent der Ursachen aus.

Und warum kommen überhaupt Fahrzeuge aller Art von der Straße ab, unabhängig davon, ob Fußgänger getroffen werden? Auch hier gibt es, inklusive Radfahrer, entsprechende Erhebungen. Laut Polizei liegt die Rausch-Quote bei insgesamt 17 Prozent. Noch häufiger ist indes die nicht angepasste Geschwindigkeit die Ursache – mit einem Anteil von 24 Prozent. Waren die Fahrer vom Handydaddeln abgelenkt oder übermüdet oder körperlich beeinträchtigt? Statistisch spielen diese Ursachen offenbar keine große Rolle. Zusammen kommen diese drei Faktoren auf gerade mal sieben Prozent.