Mit Vollgas auf die Bahnhofsunterführung: Ein typischer Unfall in Freiberg am Neckar. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer

Der Unfall eines 91-jährigen Autofahrers in Freiberg am Neckar gehört zu einer Reihe spektakulärer Fälle in der Region. Welches Risiko birgt die Technik für Senioren?

Eigentlich hat der Audi-Fahrer nur ausparken wollen. Rückwärts raus aus dem Stellplatz vor einem kleinen Geschäft an der Bahnhofstraße. Doch dann wird der Wagen zum Geschoss. Rückwärts mit Vollgas auf die Fußgängertreppen des S-Bahn-Halts zu. Das Auto prallt gegen das Gelände, wird förmlich aufgebockt und bleibt in der Luft hängen. Die Karambolage am Dienstag in Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg) ist wieder ein trauriger Höhepunkt einer Reihe solcher Fälle in der Region.

 

Ein Blick in die Polizeidatenbank unserer Zeitung zeigt: Mindestens 520 000 Euro Schaden, eine Tote und zwölf Verletzte in der Region Stuttgart in diesem Jahr – durch Automatikautos außer Kontrolle. Die wenigsten Fahrerinnen und Fahrer sind jünger als 75 Jahre. Die jüngste ist 38, der Freiberger Fahrer ist mit 91 Jahren der älteste.

Alle kommen mit dem Schrecken davon

„Warum der Audi-Fahrer zu heftig auf das Gaspedal kam, ist noch ungeklärt“, sagt Victoria Zahler, Sprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Glücklicherweise seien keine Fußgänger gefährdet gewesen, als das Auto am Dienstag gegen 11 Uhr über den Bahnhofsvorplatz raste. Weniger dem Glück als dem stabilen Bau des Geländers dürfte zu verdanken sein, dass das Fahrzeug nicht in die Fußgängerunterführung stürzte. Der Unfallfahrer kam mit dem Schrecken davon. Der Schaden wird auf 20 000 Euro geschätzt.

Tödlicher Unfall zu Jahresbeginn

Nicht immer geht die wilde Fahrt so glimpflich aus. Zu Jahresbeginn, am 25. Januar, hatte ein 86-jähriger Mercedes-Fahrer in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) in eine Garage einfahren wollen. Als seine Ehefrau als Beifahrerin aussteigen wollte, rutschte er vom Bremspedal seines automatikgetriebenen Fahrzeugs ab. Die Frau wurde zwischen Auto und Garage eingeklemmt und erlitt tödliche Verletzungen.

Immer wieder heißt es in diesen Fällen: Pedale verwechselt – Vollgas statt Bremspedal. In Stuttgart passierte das zuletzt einem 83-jährigen Mercedes-Fahrer, der im April dieses Jahres in der Freihofstraße in Stammheim in einen Hinterhof fahren wollte und die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Am Ende prallte er gegen die Fassade einer Bäckerei. Schaden: 20 000 Euro. In Wendlingen (Kreis Esslingen) sorgte ein 77-Jähriger für Aufregung, als er in eine Tankstelle raste und 46 000 Euro Schaden anrichtete. Glimpflich endete die Irrfahrt eines 84-Jährigen in Böblingen, der mit seinem Mercedes drei Meter tief kopfüber auf einen Fußweg stürzte. Er wurde leicht verletzt, Schaden: 41 000 Euro.

Es passiert stets beim Rangieren

Woran liegt das? Eigentlich ist Jochen Klima, Vorsitzender des Landesfahrlehrerverbands Baden-Württemberg, ein Befürworter von Autos mit Automatikgetriebe. Gerade bei Senioren. Man könne sich besser auf den Verkehr konzentrieren, so sein Argument. Inzwischen aber sieht er das differenzierter: „Beim Rangieren gibt es ein Problem“, sagt er. Die spektakulären Unfälle ereigneten sich immer wieder beim Ein- oder Ausparken – und da gebe es erkennbare Risiken.

Klima sieht mehrere bedenkliche Faktoren. „Zum einen kann man schnell in Stress geraten“, sagt der Fahrlehrer, „überall piepst es, Hektik kommt auf.“ Er könne hier nur spekulieren, sagt Klima, aber wer da noch auf das falsche Pedal trete, könne schnell die Kontrolle verlieren. „Und man fährt ja nicht wie früher einen Golf mit 54 PS, sondern ein Fahrzeug mit über 100 PS“, so Klima, „und das entwickelt dann ungeahnte Kräfte.“ Das Problem der enormen Beschleunigung werde mit Elektroautos noch größer.

Statistisch gibt es weniger Seniorenunfälle

Doch sind Autofahrer über 65 überhaupt ein Problem? Die Unfallzahlen sinken seit 2018 stetig. In Stuttgart bedeuten 1093 Unfälle ein Minus von 5,5 Prozent. Landesweit gingen die Unfallzahlen um 2,9 Prozent auf rund 21 900 zurück. Unfallzahlen seien aber nur die halbe Wahrheit, sagt Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Wer das Unfallaufkommen auf gefahrene Kilometer beziehe, so Brockmann in einem „Zeit“-Interview, müsse feststellen, dass das Unfallrisiko ab 75 Jahren ähnlich hoch sei wie bei den 18- bis 25-Jährigen.

Die Experten empfehlen älteren Autofahrern, sich mal einen Profi auf den Beifahrersitz zu holen und eine einstündige Alltagstestfahrt zu machen. Da könne auch die Verwandtschaft mal Druck machen, rät Jochen Klima. Was mit dem Führerschein des 91-Jährigen passiert, ist offen. Im Polizeiprotokoll ist unter dem Punkt „Maßnahmen“ bisher dazu nichts vermerkt.