Heiko Bürkle (rechts), Leiter der Unfallforschung bei Daimler, und sein Kollege Uwe Nagel bei der Arbeit. Wie die Unfallforscher arbeiten, sehen Sie in unserer Bildergalerie. Klicken Sie sich durch! Foto: Leif Piechowski

Auf dem Gebiet der Sicherheit gilt Daimler als führend. Dafür sammeln die Unfallforscher in Sindelfingen auch Daten von Kollisionen. Was kaum einer weiß: Der Autobauer bekommt dabei seit 45 Jahren Unterstützung vom Land.

Stuttgart - Heiko Bürkle und Uwe Nagel gehen vor einer schwarzen C-Klasse in die Knie. Nicht etwa aus Ehrfurcht, sondern um die Schäden an der Frontseite besser begutachten zu können. Vom Kühlergrill ist nicht mehr viel übrig. Stoßstange und Motorhaube sind ordentlich zerknautscht. Der Wagen steht im Hof der Werkstatt für die Firmenflotte in Sindelfingen. Bürkle, Leiter der Unfallanalyse bei Daimler, zückt eine Kamera und hält die Dellen im Bild fest. Zuvor hat er das Auto mit dem Laserscanner vermessen, um ein dreidimensionales Modell erstellen zu können. Sein Kollege Nagel arbeitet auf einem Tablet-PC einen Fragebogen ab. Was für Verletzungen hatten die Insassen, wo genau liegen die Schäden, wie haben sich die Bauteile verformt, sind Airbags und Gurtstraffer ausgelöst worden? „Nach einem standardisierten Verfahren prüfen wir 4000 Einzelpunkte“, sagt Bürkle und steht wieder auf. So lässt sich am Ende ein Unfallhergang umfassend rekonstruieren.

Jede Kollision auf den Straßen von Baden-Württemberg, an dem ein Mercedes beteiligt ist, wird für Bürkle und Nagel zum möglichen Forschungsobjekt. Um an die Wagen heranzukommen, sind die Ingenieure jedoch auf die Mithilfe der Polizei angewiesen – falls das Auto nicht wie die C-Klasse aus der konzerneigenen Flotte stammt. In allen Dienststellen im Land hängt daher ein Merkzettel mit der Telefonnummer der Unfallforschung. Ruft die Polizei an, nachdem sie das Einverständnis der Unfallbeteiligten bekommen hat, rückt Heiko Bürkle mit Kollegen im eigenen weiß-roten Viano-Transporter mit Gelblicht aus. Am liebsten ist ihnen natürlich, sie kommen schnell an den Unfallort und können noch wichtige Informationen wie Aufprallwinkel, Bremsspuren und andere Hinweise in die Analyse miteinbeziehen. Wenn der beteiligte Wagen nach einer Karambolage bereits in einer Werkstatt steht, ist er für die Unfallforscher aber auch noch wertvolles Anschauungsmaterial. „Uns interessieren vor allem die im Verkauf befindlichen Modelle, auslaufende Produkte wie etwa die alte C-Klasse eher weniger“, sagt Heiko Bürkle.

Am 29. April 1969, also vor gut 45 Jahren, hat der Autobauer mit dem Land Baden-Württemberg eine Vereinbarung getroffen. Demnach werden die Daimler-Ingenieure über Unfälle mit Mercedes-Beteiligung von der Polizei informiert. Begründung des Landes für die Kooperation damals: „Das Innenministerium unterstützt die werkeigenen Forschungsarbeiten der Daimler-Benz AG, da sie von allgemeiner Bedeutung für die Verkehrssicherheit sind.“ Zum Zeitaufwand, den die Polizeidienststellen pro Jahr haben, kann das Innenministerium aktuell keine Angaben machen, hält diesen aber für gering und vertretbar. „Neben einer qualitativ hochwertigen Verkehrsüberwachung trägt auch die Verbesserung der Fahrzeugtechnik zum Schutz der Insassen bei“, so ein Sprecher des Innenministeriums zum Nutzen der Kooperation für das Land. Eine ähnliche Vereinbarung bestehe mit Porsche. Auch BMW oder VW kooperieren mit ihren jeweiligen Ländern.

Heute erstreckt sich das Einsatzgebiet der Mercedes-Mitarbeiter in einem Radius von etwa 200 Kilometern um Sindelfingen – von Baden-Baden bis Ulm, von Mannheim bis Freiburg. Neben Bürkle und Nagel arbeiten noch weitere sechs Kollegen in der Unfallanalyse. An der Verbesserung der passiven Sicherheit – also allem, was die Unfallfolgen mindert – tüfteln 400 Daimler-Ingenieure. Crashtests und Simulationen im Labor ­liefern zwar ebenfalls wertvolle Erkenntnisse, können aber das reale Unfallgeschehen nicht ersetzen. 80- bis 100-mal pro Jahr sind die Unfallforscher unterwegs. Dabei gibt es Polizeistellen wie die in Stuttgart, die laut Bürkle regelmäßig informieren, und andere, die weniger fleißig sind. Seit Gründung der Abteilung Unfallforschung haben die Mercedes-Mitarbeiter rund 4200 Verkehrsunfälle untersucht und rekonstruiert.

Die Ergebnisse der Auswertungen fließen in die Entwicklungsarbeit ein. So ist heute etwa Standard, dass sich bei einem Mercedes nach einem Frontal-Unfall automatisch die Fenster ein wenig öffnen, damit staubartige Rückstände des ausgelösten Airbags schneller abziehen können. Nach einem Aufprall greifen erst die Schutzsysteme, exakt zehn Sekunden später öffnet sich die Zentralverriegelung. So können die Insassen aussteigen, Rettungskräfte schneller ins Auto kommen. „Länger dauert kein Unfallgeschehen“, sagt Heiko Bürkle. Derzeit sind die Ingenieure dabei, den Airbag für das Seitenfenster in der Form zu optimieren. Ausgewertet werden nicht nur die eigenen Daten, sondern je nach Land auch allgemeine Verkehrsstatistiken. In China etwa sind deutlich mehr Radfahrer an Unfällen beteiligt.

So nüchtern der Blick auf die Autowracks ist, das Unfallgeschehen lässt sich nicht immer ausblenden. „Hinter jedem Fall steckt eine Tragik, da muss man sehr sensibel vorgehen“, sagt Uwe Nagel. Immer wieder mal hat es bei den untersuchten Kollisionen auch Schwerverletzte oder Tote gegeben. Die Unfallforscher müssen gegebenenfalls mit den Hinterbliebenen reden. Zwar gebe es in Einzelfällen auch mal eine schroffe Antwort. „Sehr oft sind die Menschen aber auch froh, dass ihnen einer erklärt, warum etwas so passiert ist“, sagt Nagel. Das helfe bei der psychischen Verarbeitung des Unfalls. Die C-Klasse, die auf dem Hof der Werkstatt steht, ist in dieser Hinsicht unverdächtig. Hier blieb es beim Blechschaden.

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