Unfälle mit E-Bikes Geschwindigkeit wird oft unterschätzt

Von Wolf-Dieter Obst 

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Die Unfallzahlen mit Elektrofahrrädern steigen deutlich an. Kein Wunder: Autofahrer schätzen oft das Tempo der schnellen E-Bikes oder Pedelecs falsch ein. Und die zumeist älteren Pedaleure unterschätzen die elektrischen Kräfte. In der Region häufen sich die Unfälle.

Stuttgart - Ein Unglück kommt selten allein: Die Rettungskräfte im Rems-Murr-Kreis müssen am Sonntagnachmittag binnen 45 Minuten gleich zweimal zu verunglückten Elektro-Radlern ausrücken. Bei Welzheim liegt um 15.30 Uhr eine 58-jährige Pedelec-Fahrerin schwer verletzt auf der Fahrbahn der Landesstraße 1080. Ihr Helm hatte viel von der Wucht des Aufpralls abgefangen, dennoch muss sie mit erheblichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. In Alfdorf wird um 16.15 Uhr ein 65-Jähriger zum Alarmfall – auch er ist aus unbekannten Gründen auf abschüssiger Strecke von seinem Elektrofahrrad gestürzt. Ganz ohne Helm erleidet er schwerste ­Kopfverletzungen.

Die zwei jüngsten Fälle einer Serie von E-Bike-Unfällen in der Region. „Es fällt auf, dass viele dieser Unfälle abends oder nachmittags passieren“, sagt ein Polizeisprecher, „als ob den meist älteren Radlern nach längerer Fahrt dann doch die Kräfte ausgegangen wären.“ Alles Spekulation natürlich. Aber in der dortigen bergigen Region trauen sich wieder deutlich mehr Radfahrer auf die Strecke, seit es Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung gibt.

Freilich sind es nicht immer eigene Fahrfehler, die den Pedaleuren zum Verhängnis werden. Oft unterschätzen Autofahrer die Geschwindigkeiten der Radler, die mit Elektrohilfe deutlich flotter unterwegs sind. In Stuttgart-Feuerbach übersah letzte Woche ein BMW-Fahrer, der aus einem Grundstück fahren wollte, einen 52-Jährigen auf seinem E-Bike. Der prallte seitlich gegen die Motorhaube und schlug mit dem ungeschützten Kopf auf dem Pflaster auf. Er musste schwer verletzt ins Krankenhaus. Ähnliche Kollisionen gab es in den letzten Tagen auch in Fellbach, Ludwigsburg und Geislingen. Autofahrer hatten beim Abbiegen nicht aufgepasst.

Derweil steigen im Land von Jahr zu Jahr die Unfallzahlen in den polizeilichen Statistiken. 2010 waren es 42 Unfälle mit Elektrorädern, 2011 bereits 90. Im Jahr 2012 registrierte die Polizei 160 Unfälle – im vergangenen Jahr waren es schon 388. Aus den Statistiken des Innenministeriums geht außerdem hervor, dass sich die Zahl der Schwerverletzten von 2012 auf 2013 nahezu verdoppelt hat – von 58 auf 108. Acht Elektro-Pedaleure kamen im vergangenen Jahr ums Leben. „Dabei fällt auf, dass davon sechs die Unfallverursacher waren“, so Günter Loos, Sprecher des Innenministeriums.

Immerhin ist der Anteil an den Radfahrer-Unfällen insgesamt noch gering. Die Stuttgarter Polizei verzeichnete 2013 insgesamt 436 Radlerunfälle – bei 21 waren E-Bikes oder Pedelecs beteiligt. Auffällig: In 35 Prozent der Unfälle trugen die Radler keinen Helm. 13 Radfahrer und ein Pedelec-Fahrer erlitten deshalb schwere Verletzungen.

Der Auto Club Europa (ACE) sieht in der höheren Durchschnittgeschwindigkeit ein höheres Unfallrisiko und eine größere Verletzungsgefahr als bei normalen Fahrrädern. „Der Tempofaktor wird oft unterschätzt“, sagt ACE-Verkehrsexperte Marc Reichel, „das merkt man nämlich gar nicht, wenn man drauf sitzt.“ Wer sich das bewusst mache, für den seien E-Bikes eine tolle Sache. „Man hat die Sicherheit, entspannter anzukommen und weitere Strecken fahren zu können“, so Reichel.

Der Stuttgarter Fahrrad-Händler Ulrich Weckler warnt indes vor der „Schauermär mit brandgefährlichem Stromrad und betagten Turboradlern“. Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung seien in der Unfallstatistik „eindeutig unterrepräsentiert“. Reißerische Berichte darüber dienten, so glaubt Weckler, eher der Automobilindustrie und der Versicherungswirtschaft.

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