Kreuz Stuttgart: 2015 ein Brennpunkt. Foto: Fotoagentur Stuttgart

Diskutieren Sie mit! - 21 Millionen Euro haben die Schilderbrücken mit den flexiblen Verkehrszeichen auf der A 8 gekostet. Ob die Anlage etwas bringt, dazu gibt es von offizieller Seite nur gefühlte Einschätzungen. Fest steht: Es kracht wieder öfter.

Stuttgart - Es ist eine schwierige Gemengelage auf der A 8: Einerseits gibt es die 51 Schilderbrücken, die seit Juli 2012 zwischen Leonberg und Wendlingen Tempolimits zwischen 60 und 120 Kilometer pro Stunde anzeigen und auch vor Stau, Schneeglätte oder Aquaplaning warnen können. Andererseits ist immer noch ziemlich viel Verkehr da, der auch nach wie vor zunimmt.

Im vergangenen Jahr etwa waren täglich über 155 000 Pkw und Lkw zwischen Kreuz Stuttgart und Dreieck Leonberg in beiden Fahrtrichtungen unterwegs – also täglich fast 4000 mehr als im Jahr davor. Da schaukelt sich die Verkehrslawine zwischen vielen Aus- und Einfahrten mit Verflechtungsstreifen schnell zum Stau auf. Weil der Ausbau des Straßennetzes aus Geldknappheit und aus Rücksicht auf die Umwelt hier wie andernorts unrealistisch geworden ist, setzt Verkehrsminister Winfried Hermann auf Technologie: „Es ist mir ein Anliegen, die vorhandene Infrastruktur durch intelligente Verkehrssteuerungen besser zu nutzen“, sagte Hermann bei der ­Inbetriebnahme.

Welchen Einfluss die Anlage, die seit Mai 2013 auch den Standstreifen zwischen dem Kreuz Stuttgart und der Ausfahrt Möhringen vorübergehend für den Verkehr freigeben kann, auf das Geschehen hat, ist auch 2016 noch ungewiss. „Das Potenzial einer Streckenbeeinflussungsanlage zur Staureduktion kann nicht ohne weiteres statistisch ausgewertet werden“, sagt der Sprecher des Landesverkehrsministeriums, Edgar Neumann. Die Staus werden nicht erfasst und bilden sich laut Neumann vor allem an überlasteten Anschlussstellen und an Baustellen: „In diesen Fällen kann die Anlage keinen Stau verhindern, lediglich durch rechtzeitige Warnung Unfälle am Stauende vermeiden und so einen positiven Einfluss erreichen.“

Mehr Unfälle mit Personenschaden

Ob Letzteres gelungen ist, darüber kann ebenfalls nur spekuliert werden. Klar ist jedoch, dass die Unfälle auf der A 8 zwischen Flughafen und Leonberg wie der Gesamtverkehr zuletzt zugenommen haben. Nach Angaben des für die Polizei zuständigen Innenministeriums ging die Zahl vom ersten Jahr der zeitweisen Freigabe des Seitenstreifens 2013 von 553 zunächst auf 501 im Jahr 2014 zurück. Im vergangenen Jahr stieg sie allerdings um mehr als 22 Prozent auf 612 an. Die Zahl der Unfälle mit Personenschaden nahm kontinuierlich von 123 auf 127 und 147 im vergangenen Jahr zu.

Ministeriumssprecher Rüdiger Felber betont, dass die Zunahme nicht nur mit den vier im Mai 2013 und Mai 2014 installierten Blitzanlagen zu tun habe: „Unfälle finden im gesamten Abschnitt statt und nicht nur unmittelbar vor oder hinter den Säulen.“ Am Autobahnkilometer 206 etwa – wo das Stuttgarter Kreuz ist – seien im vergangenen Jahr 22 Unfälle mehr als 2014 passiert. Dort gibt es weit und breit keine Blitzer – aber eine Menge Verflechtungsstreifen.

Immer mehr Staus

Ministeriumssprecher Neumann räumt ein, dass rund um Stuttgart „die Staus auf den Autobahnen insgesamt eher zugenommen“ hätten. Weil die Baustellen nicht weniger werden – aktuell werden die Arbeiten für die vierte Spur zwischen Kreuz Stuttgart und Dreieck Leonberg vorbereitet –, will Neumann den Autofahrern keine Hoffnungen machen: „In den kommenden Jahren ist vermutlich nicht mit einer rückläufigen Entwicklung zu rechnen.“ Dies, obwohl die Behörden versuchten, möglichst viele Arbeiten in die Nacht und damit in die verkehrsarme Zeit zu verlegen. Bei der zeitweisen Freigabe des Standstreifens lehnt sich Neumann dagegen aus dem Fenster: „Die bewirkt nachweislich eine Verbesserung der Verkehrsqualität.“ Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Stuttgart werde derzeit vorgenommen, Ergebnisse liegen aber frühestens im Sommer vor. Die Rückmeldungen der Verkehrsteilnehmer belegten jedoch schon jetzt die Verbesserung, sagt Neumann: ­„Entweder gibt es Lob für die Freigabe des Seitenstreifens oder Kritik, wenn er trotz hohen Verkehrsaufkommens gesperrt bleibt“ – ­etwa, wenn ein Fahrzeug auf dem Standstreifen liegengeblieben ist.

Ein Fachmann in der Verkehrsrechnerzentrale des Landes muss über Kameras prüfen, ob der Seitenstreifen wirklich frei ist, wenn er ihn freigeben will. Weil dies bei Dunkelheit nicht so einfach ist, testet das Land den Einsatz von Wärmebildkameras.

Verkehrsplaner Klaus Lönhard vom Verband Region Stuttgart zieht für die Wirksamkeit der Anlage auf der A 8 und jener, die im März 2014 auf der A 81 zwischen Leonberg und Mundelsheim in Betrieb genommen wurde, ein Pendant in Bayern heran: „Auf der A 99 im Norden von München gibt es weniger Unfälle, Störungen und Staus.“

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