Dieses Jahr will Markgröningen seinen Schäferlauf, der kurz vor der Pandemie zum Unesco-Weltkulturerbe gekürt worden war, endlich wieder gebührend zelebrieren. Gefeiert wird das traditionsreiche Fest vom 26. bis zum 29. August.
Nur einmal, im Jahr 2019, gab’s den Markgröninger Schäferlauf, seit er mit dem Prädikat „Unesco-Weltkulturerbe“ geadelt wurde – „aber da haben wir schon deutlich gemerkt, dass der Schäferlauf auch überregional noch mal anders wahrgenommen wurde“, sagt Bürgermeister Rudolf Kürner. 2022 nun, nach zwei Pandemiejahren, soll das große Stadtfest wieder gefeiert werden – mit Barfuß-Wettrennen der Schäferinnen und Schäfer übers Stoppelfeld, Markt, Musik, historischem Festzug und mehr. Terminiert ist er auf 26. bis 29. August. Das mehrtägige Fest, das vor der Pandemie plus minus 100 000 Besucherinnen und Besucher in die Fachwerkstadt zog, ist in Markgröningen der touristische Renner schlechthin und strahlt weit über den Kreis hinaus.
„Eine riesige Werbung für unsere Stadt“
Das Fest bescherte der Stadt in der Vergangenheit indes auch 200 000 bis 300 000 Euro Abmangel pro Jahr. „Es ist aber eine riesige Werbung für unsere Stadt“, sagt der Bürgermeister, „seit dem Weltkulturerbe-Status erst recht. Viele Städte wären froh darum, so einen Imageträger zu haben.“ Wer sich überlege, als Gast für mehrere Tage zu kommen, müsse rechtzeitig nach einer Unterkunft schauen: „Da ist sonst alles ausgebucht.“ Dass alle einstigen Beteiligten unversehrt aus der Pandemie-Schockstarre erwacht sind und mitmischen wie eh und je, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Er sei zwar zuversichtlich, sagt Kürner, dass die Stadt wieder weitgehend alle Akteure zusammenbekäme. „Aber Musiker konnten eben lange nicht üben, und viele Vereine klagen über Mitgliederschwund“, sagt Kürner.
Kommen die Besucher nach zwei Jahren Pandemie wieder?
Auch den einen oder anderen qualitativen Krämerstand werde es möglicherweise nicht mehr geben, schätzt Marc Reutter, Vorstand der Schäferlauffreunde Markgröningen. „Die Betreiber sind oft tendenziell älter, in Rente oder betreiben den Stand im Nebenberuf. Da könnte es schon sein, dass zwei Jahre Pandemie den einen oder anderen ganz zum Aufgeben gezwungen haben.“ In der Markgröninger Bevölkerung indes, so seine Einschätzung, sei der Elan, sich wieder am Schäferlauf zu beteiligen, ungebrochen. „Ich glaube, Corona hat weder zu weniger Interesse noch zu weniger Begeisterung noch zu weniger Festzugsgruppen geführt“, meint der Chef des Vereins, der selbst vier historische Festzugsgruppen bestückt. Und es gebe, etwa bei der Schäfertanzgruppe, auch keine Nachwuchsprobleme: Es kämen immer wieder junge Akteure nach. „Das ist überhaupt ein Phänomen beim Schäferlauf“, so Reutter. Die Besucherresonanz sei da schwieriger einzuschätzen: „Die Markgröninger sind sicher wieder dabei wie früher. Was die Gäste aus nah und fern angeht, haben insbesondere die Älteren vielleicht noch Respekt vor der Pandemie und meiden Großveranstaltungen. Wir werden sehen, ob wir nahtlos an frühere Besucherströme anknüpfen können.“
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Mit einem „hoch motivierten Team“ steht Matthias Eckert, Regisseur des Festspiels „Der treue Bartel“, dem er vor rund einem Jahrzehnt einen Relaunch verpasst hatte, am Start. Rund 40 Darstellerinnen und Darsteller freuten sich, nach der Zwangspause jetzt die Geschichte des Schäfers, der vom verkleideten Grafen auf seine Loyalität geprüft wird, zu spielen und zu singen. Die meisten hätten schon vor der Pandemie mitgemacht, es gebe nur eine Umbesetzung. „Trotzdem müssen wir jetzt natürlich mit erhöhter Probenintensität ran“, sagt Eckert, der in Markgröningen auch einen Kultur- und Theaterladen betreibt und als Veranstalter tätig ist. „Wir haben zwei Jahre lang nicht gespielt und außerdem seit der Neuinszenierung einen hohen Qualitätsanspruch.“
Vorfreude und eine gehörige Portion Respekt
Für Rudolf Kürner ist es ein kleiner Wermutstropfen, dass er das Fest zwar noch in die Wege leitet, aber im August im Ruhestand sein wird. „Aber um mich geht es nicht. Und als Bürger werde ich ja immer noch in Markgröningen sein“, sagt er. Dafür freut sich sein Nachfolger Jens Hübner, der Mitte Mai sein Amt antritt, „riesig auf den Schäferlauf“, wie er sagt. Er habe aber auch Respekt und „ein kleines Bauchgrummeln“ davor, „weil ich dann nicht mehr nur genießender Zuschauer bin, sondern Organisator“. Als solcher hoffe er, dass das „tolle Fest“ friedlich und sicher über die Bühne gehe.
Eine Huldigung an das Schäferhandwerk
Das Fest
Der Schäferlauf findet immer am letzten ganzen Wochenende im August statt, dieses Jahr vom 26. bis zum 29. August. Seit 2018 sind die Schäferläufe in Markgröningen, Bad Urach und Wildberg, die öffentlichkeitswirksam den Erhalt des Wissens und Könnens der Schäfer fördern, Unesco-Weltkulturerbe.
Die Wurzeln
Seinen Ursprung hat der Schäferlauf im frühen Mittelalter als Kirchweihfest der Bartholomäuskirche. Die erste explizite Nennung als „Schäferlauf“ mit „Schäfertanz“ stammt von 1593.