Brunnisach-Hexen vom Bodensee: Auch sie sind nun „Kulturerbe“ Foto: dpa

Die Kultusminister nominieren das Wirtschaftsmodell Genossenschaft für die Unesco-Liste des Kulturerbes – Der Fasnacht gelingt Aufnahme in bundesweites Verzeichnis.

Stuttgart - Baden-Württembergs Narren werden Masken und Häs demnächst mit besonderer Inbrunst abstauben: Die schwäbisch-alemannische Fasnacht darf sich nämlich jetzt „immaterielles Kulturerbe Deutschlands“ nennen. Die Tradition ist eine von 27, die von der Kultusministerkonferenz in das neue, bundesweite Verzeichnis aufgenommen wurden.

„Das Wissen um die Brauchausübung gehört zum kulturellen Gedächtnis der Region“, lautet die Begründung für den Ritterschlag, um den sich mehr als 120 Initiativen beworben hatten. Doch den Kriterien der Unesco und dem strengen Blick einer Expertenrunde hielten nur wenige stand. Dazu gehört auch das Peter- und Paul-Fest in Bretten, mit dem die badische Stadt die württembergische Belagerung vor mehr als 500 Jahren nachspielt.

Drei weitere Bräuche hat Baden-Württemberg erfolgreich in Bonn angemeldet – allerdings nicht allein, sondern zusammen mit anderen Bundesländern: die Orgelkultur, die „Walz“ von Handwerkergesellen und die Kunst des modernen Tanzes. Hinter Letzterem verbergen sich die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstandenen Stil- und Vermittlungsformen des Ausdruckstanzes.

Alles in allem kam der Südwesten also gleich fünf Mal bei der nationalen Liste zum Zug: „Dieser überproportional große Anteil zeigt, über welch großen kulturellen Reichtum wir verfügen“, sagte der Stuttgarter Staatssekretär für Kunst, Jürgen Walter. Das Votum sei auch Ausdruck der Wertschätzung von ehrenamtlicher Arbeit.

So sieht es auch Roland Wehrle, der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte: „Das ist eine Anerkennung für alle, die diese Tradition leben.“ Von der Unesco fließt zwar kein Geld, doch dass er künftig mit deren Sigel werben kann, ist für Wehrle Gold wert. Die Narren könnten jetzt zum Beispiel selbstbewusster gegenüber der Politik auftreten – wenn es zum Beispiel um Auflagen bei Umzügen oder um Gebühren gehe.

Auch der nahe Verwandte der Fasnacht, der rheinische Karneval mit all seinen lokalen Varianten, schaffte den Sprung auf die nationale Liste. Ebenso die deutsche Brotkultur, die Oberammergauer Passionsspiele, die Flößerei, die Falknerei und die Chormusik in deutschen Amateurchören.

Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wurde gleich als Ganze aufgenommen, denn mit mehr als 100 Theatern und Sinfonieorchestern biete sie im internationalen Vergleich eine „außergewöhnliche Vielfalt“, heißt es zur Begründung.

Daneben finden sich auf der Liste auch Bräuche wie das Biikebrennen (Schleswig-Holstein), das Harzer Finkenmanöver (Sachsen-Anhalt) oder das Malchower Volksfest (Mecklenburg-Vorpommern), die allenfalls regional bekannt sein dürften. Man liegt wohl nicht falsch mit der Annahme, dass die Kultusminister auf einen gewissen Regionalproporz geachtet haben. Gut möglich, dass im Frühjahr noch weitere Kandidaten hinzu kommen, denn die Entscheidung über 13 von ihnen hat die Expertenrunde wegen fehlender Informationen zurück gestellt.

Unumstritten dürfte indes die Absicht der Kultusminister sein, im März mit der Genossenschaftsidee ins internationale Rennen zu gehen. Dies wird der erste deutsche Vorschlag für die sogenannte repräsentative Liste sein, denn Deutschland ist der Unesco-Übereinkunft zum immateriellen Kulturerbe (im Gegensatz zu jener über die Baudenkmäler) erst ziemlich spät beigetreten.

Warum die Genossenschaften? Bislang sei eine solche Form der gesellschaftlichen Selbstorganisation auf den Listen nicht vertreten, heißt es. Diese Wirtschaftsmethode, bei der sich zum Beispiel Bauern zusammentun, um Maschinen zu kaufen und die Ernte zu vermarkten, existiert zwar seit dem Mittelalter in vielen Ländern. Doch im deutschsprachigen Raum entwickelte sich die Idee besonders erfolgreich – im Bankenwesen ebenso wie im Wohnungsbau, im Handel ebenso wie in der Forstwirtschaft.

Im Frühjahr startet dann auch eine weitere Runde für die nationale Liste. Dann dürfen sich auch jene wieder Hoffnung machen, die diesmal nicht zum Zug kamen: die Bierbrauer mit ihrem Reinheitsgebot zum Beispiel. Oder die Schausteller. Oder die Strohbären aus dem Schwarzwald, die sich kunstvoll mit Getreidehalmen vermummen.

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