Gegen den Schrecken hilft nur die Vorstellungskraft: Nava Ebrahimi. Foto: Clara Wildberger

Dort, wo man es nicht erwartet, in einer Geflügelschlachterei im Emsland, spielt einer der schönsten Romane des Jahres: Nava Ebrahimis „Und Federn überall“.

Es sagt sich so leicht dahin, Literatur mache empathisch. Man kann seine Empfindlichkeit auch mit Phrasen panzern. Aber wie gelangt man wirklich hinter die Außenseite, mit der wir uns vor den Zudringlichkeiten einer Welt im Krisenmodus abschirmen? Zum Beispiel indem man sich von einer iranisch-deutschen Schriftstellerin an einen Ort entführen lässt, an dem einem die ungeschützte Wirklichkeit wie ein kalter Sprühregen ins Gesicht schlägt. In der Tristesse einer bundesdeutschen Peripherie, die von der einsamen Wirtschaftskraft eines Geflügelschlachtbetriebs dominiert wird, treffen ein paar Leute aufeinander, deren Geschichten sich miteinander verknüpfen.

 

Wer nun gleich abwinkt, weil man doch ohnehin schon mehr als genug mit den Unerfreulichkeiten des Daseins konfrontiert ist, bringt sich nicht nur um einen der schönsten Romane dieses Jahres, sondern auch um die Erkenntnis, wie es Literatur vermag, Verbindungen zu stiften, die über die Abgründe des Lebens zuverlässiger hinweghelfen als jeder noch so unterhaltsame Eskapismus.

Nichts wie weg hier! Man muss die Freiheit ausreizen, solange es geht. Foto: IMAGO/imagebroker

Nava Ebrahimis „Und Federn überall“: Blick auf die Hinterbühne der Gegenwart

Ein sehbehinderter afghanischer Lyriker, eine Arbeiterin in der Hühnerzerlegung jenes Betriebs, sowie dessen nostalgisch gockelnder Manager, eine polnische Haushaltshilfe und die ehrgeizige Automatisierungstechnikerin, die mittels eines computerbasierten Verfahrens die Abläufe in der täglich 650 000 Stück totes Geflügel ausstoßenden Firma zu optimieren verspricht – das sind die Protagonisten des kleinen Welttheaters, das sich in Nava Ebrahimis Roman „Und Federn überall“ auf einer für gewöhnlich dem Blick entzogenen Hinterbühne der Gegenwart entspinnt.

Nicht zu vergessen die bereits erwähnte Schriftstellerin, Roshi, manches hat sie mit der Bachmannpreisträgerin von 2021, Nava Ebrahimi, gemein, bis auf den Namen. In der unwirtlichen Gegend hat sie sich auf Bitten des geflüchteten Afghanen Nassim eher widerwillig verabredet, um ihm bei der Übersetzung einiger seiner Gedichte behilflich zu sein, die Chancen als Asylbewerber anerkannt zu werden, könnten sich dadurch erhöhen. Unterdessen tastet die alleinerziehende Mutter Sonja am Fließband vorbeiziehende Hühnerbrüste auf qualitätsbeeinträchtigende Verholzungen ab, „Wooden Breast“ – die Rache der Hühner an profitgetriebenen Überzüchtungen und zugleich eines der Leitmotive des für den Deutschen Buchpreis nominierten Romans.

Alle tragen eine schwere Last auf dem Herzen, mal rührt sie aus der Katastrophengeschichte des vergangenen Jahrhunderts, mal aus den Unmenschlichkeiten der Gegenwart, mal aus dem Konflikt einer überforderten Mutter mit ihrer pubertierenden Tochter. Alle sind in unterschiedlichen Graden Täter und Opfer zugleich, außer die Hühner, die ohne jedes eigene Verschulden in den ökonomischen Stoffwechselkreislauf des weltweiten Verzehrs von weißem Fleisch eingespeist werden.

„Und Federn überall“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert

Man kann nur staunen, mit welcher Kunst sich die divergierenden Schicksale im Einzugsbereich der fleischindustriellen Todeszone zu einem höchst vitalen Panorama zeitgenössischen Lebens verknüpfen. In der Sprache eines Prozessoptimierers könnte man von der idealen Handhabung aktueller literarischer Fertigungstechniken reden, allen voran der des perspektivischen Erzählens. „Und Federn überall“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert und ist mit dem Peter-Horváth-Preis des Wirtschaftsclubs im Literaturhaus Stuttgart ausgezeichnet worden, der an diesem Dienstag verliehen wird.

Doch während die immer reibungsloseren Abläufe der kapitalistischen Produktion zu fleischlichen und seelischen Verhärtungen führen, ist das Resultat der makellosen Konstruktion dieses Romans eine zutiefst menschliche Form der Teilhabe.

Fiktion kann wirklicher als das echte Leben sein

Die thematische Spannweite reicht von der Talibanherrschaft bis zu einer polnischen Enklave im Emsland während der ersten Nachkriegsjahre, von Alltagsrassismus, transgenerationellen Traumata, adoleszentem Mobbingterror, Hackordnungen aller Art bis zu den Folgen karnivorer Gelüste. In charakteristischem Gegensatz zu solch epischer Extension steht die äußerste formale Konzentration der Verse, mit deren Übersetzung Roshi beschäftigt ist. Es ist der Einschluss eines realen Gedichts des afghanischen Lyrikers Zia Ghassemi über die heimatlosen Irrfahrten heutiger Boat People auf dem Kontinent der Trauer.

Einmal wundert sich Roshi, die gerade selbst an einem Roman schreibt, wie die in ihrem Kopf entstandenen Figuren und Fiktionen immer mehr mit der Realität verschmelzen, so dass sich die imaginierte Welt manchmal wirklicher anfühlt als ihr echtes Leben.

Nava Ebrahimi appelliert, nicht dem Sog der Alternativlosigkeit zu erliegen

Alles spitzt sich zu, im Leben wie im Roman. Aber in letzterem löst sich die Dynamik extrem verdichteter Spannung in einem atemraubenden Schlusstableau: Die Hühner sind los, und von einem unwillkürlichen Freiheitsimpuls ergriffen stieben auch die ins Gesellschaftsbild Gebannten auseinander, um ihren unlösbaren Problemen zu entkommen. „Sie rennen alle, so schnell sie können und den Hühnern entgegen und ohne zu wissen, was sie tun, ob sie sie streicheln oder essen werden, wenn sie sie fangen.“ Wie es auch kommt: dieses Ende ist mit Sicherheit die entfesselste Form der Weltflucht, zu der ein Roman seinem gebeutelten Personal je verholfen hat.

In diesem Jahr hat Nava Ebrahimi das Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt mit dem Appell eröffnet, nicht dem Sog der Alternativlosigkeit zu erliegen: „Erschaffen wir Gegenwart und wirken wir auf das ein, was noch geschehen wird – reizen wir diese Freiheit aus, endlich.“ Voilà.

Nava Ebrahimi: Und Federn überall. Luchterhand Literaturverlag. 352 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, zählt zu den wichtigen Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für „Sechzehn Wörter“ wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Nava Ebrahimi studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der „Financial Times Deutschland“ sowie der „Kölner Stadtrevue“. Seit 2025 ist sie regelmäßige Kolumnistin der „Süddeutschen Zeitung“. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.

Termin An diesem Dienstag, 18. November, wird Nava Ebrahimi für ihren Roman der Peter-Horváth-Preis im Literaturhaus Stuttgart verliehen.