Vom Spielplatz in der Unteren Straße in Heslach ist nur noch ein Schaukelpferd übrig. Foto:  

Muss ein Spielgerät auf einem Spielplatz erneuert werden, dauert es von der Bewilligung der Gelder bis zum Austausch in der Regel Jahre. Eine Ewigkeit in einem Kinderleben.

Stuttgart - Dass man vor einem Spielplatz steht, bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Ein einsames Schaukeltier steht unter den Bäumen. Bei genauerem Hinsehen zeugen einst als Fallschutz gedachte Matten davon, dass auf dem kleinen Platz in der Unteren Straße in Stuttgart-Heslach auch einmal Kinder geschaukelt haben. Doch das Gerüst wurde vor zwei Jahren abmontiert, berichtet eine Anwohnerin. Nach einem Jahr verschwand noch ein kleines Wipptier. Bei einem zweiten Spielplatz in der Straße, der den Kindern noch zur Verfügung stand, fehlen seit diesem Jahr die Schaukeln.

 

Für die Anwohnerin, die selbst zwei Kinder im Alter von sieben und neun Jahren hat, ist das unverständlich. In der verkehrsberuhigten Straße leben viele Familien mit Migrationshintergrund, sagt sie. Viele der Kinder sind den ganzen Tag draußen – doch die Spielgeräte fehlen, inzwischen seit Jahren.

Die 44-Jährige fragte bei der Stadt nach und erfuhr, dass die Gelder für eine Erneuerung längst bewilligt sind. Tatsächlich ist der Spielplatz Teil einer großen Neugestaltung der Straße, für die dank eines Antrags des Bezirksbeirat Gelder aus der Stadtentwicklungspauschale (Step) vorgesehen sind. „Mit dem Beginn der Bauphase wird im Frühjahr 2021 gerechnet“, heißt es auf der zu dem Projekt gehörigen Seite der Stadt. Doch inzwischen ist Sommer. „Ich habe das Gefühl, man hofft, dass sich im Süden eh keiner beschwert“, sagt die Anwohnerin: „Am Killesberg würde das nicht passieren.“

An jedem 13. Spielplatz fehlen Geräte

Dabei stellen auch Familien in anderen Stadtteilen fest, dass auf ihren Spielplätzen Spielgeräte weggenommen und nicht ersetzt werden – etwa am Klingenbachpark in Stuttgart-Ost oder zuletzt auf der Uhlandshöhe, wo das zentrale Klettergerüst fehlte. Nach Angaben der Stadt sind derzeit auf 37 der 476 Spielplätze Spielgeräte abmontiert – also auf jedem 13. Spielplatz im Stadtgebiet.

An Geld mangelt es nicht. Für die Neugestaltung von Spielplätzen und den Ersatz maroder Spielgeräte stehen im laufenden Doppelhaushalt rund 5,4 Millionen Euro zur Verfügung – hinzu kommt eine Pauschale für akute Fälle wie Vandalismus. Von der Bewilligung des Geldes bis zum tatsächlichen Austausch kann es allerdings bis zu zwei Jahre dauern, räumt die Stadt ein: „Wenn beispielsweise im Herbst 2022 eine Spielgerätekombination aus Sicherheitsgründen abgebaut werden muss, so kann in der Regel diese erst im Jahr 2024 ersetzt werden.“ Höchste Priorität habe Sicherheit, außerdem würden Wünsche von Gemeinderat und Bezirksbeiräten berücksichtigt. „Ebenso werden bevorzugt defekte Geräte ersetzt, die dringend ersetzt werden müssen, wenn der Spielplatz sonst nicht mehr nutzbar ist.“

Bei SPD-Stadtrat Martin Körner, der sich mit seiner Fraktion für die höheren Mittel eingesetzt hat, stoßen die langen Wartezeiten auf Unverständnis: „Es wundert mich, denn es ist Geld da, um rasch reagieren zu können.“ Ohnehin: Zwei Jahre sind im Falle der Unteren Straße in Heslach längst vergangen, seit die Schaukel abmontiert wurde. Eine Ewigkeit in einem Kinderleben, das weiß der in Heslach zuständige Bezirksvorsteher Raiko Grieb (SPD). Die Untere Straße ist nicht der einzige Spielplatz in dem Stadtteil, der ihm Sorgen macht. Es gibt viele Spielplätze, die auf Sanierung warten. Und Grieb kennt auch den Grund. Die Stelle des Bezirksingenieurs im Garten-, Friedhofs- und Forstamt war lange vakant. Seit Januar gibt es eine neue Ingenieurin, die habe erst einmal eine Bugwelle abzuarbeiten.

Personalmangel ist ein bekanntes Problem

Das ist nicht nur ein Problem im Süden, sagt Stadtrat Luigi Pantisano (Die FrAktion), der im Spielplatzbeirat der Stadt sitzt. Mittlerweile seien zwar genug Gelder genehmigt, aber es fehle schlicht an Personal im zuständigen Amt. So komme es zu langen Wartezeiten, wenn ein Gerät mal abgebaut sei. „Dass ein Teil eines Spielplatzes monate- oder jahrelang gesperrt bleibt, ist für die Kinder natürlich der Worst Case, der absolut vermieden werden sollte“, so Pantisano. Corona habe gezeigt, wie wichtig solche Spielflächen gerade für Kinder aus finanziell schwachen Familien seien.

Wie man es schaffen kann, an der Prioritätenliste des Amtes vorbei Spielplätze umzugestalten, kann Tatjana Strohmaier (CDU), die ehemalige Bezirksvorsteherin für Stuttgart-Ost, berichten. Die 38-jährige Mutter zweier kleiner Kinder hatte sich in ihrer fünfjährigen Amtszeit zum Ziel gesetzt, den Stadtteil familienfreundlicher zu machen. Unter anderem sammelte sie vom Lions-Club für fünf Spielplätze Gelder ein, so dass das zuständige Amt unter Zugzwang geriet. Für den Tobler-Spielplatz in der Nähe des Ostendplatzes griff der Bezirksbeirat Ost auf Fördermittel aus dem Programm der Stadtentwicklungspauschale (Step) zurück, so dass dessen Fläche fast verdoppelt werden konnte. Für den Spielplatz im Klingenbachpark konnte sie erreichen, dass dieser ins Sanierungsgebiet Klingenbach aufgenommen wurde.

Im Falle der Unteren Straße hat allerdings auch das Step-Programm keine Beschleunigung gebracht. Dabei sind alle Beteiligungsverfahren abgeschlossen. Kinder wurden befragt, vor anderthalb Jahren kamen auch Eltern zu Wort. Die ganze Straße soll neu gestaltet werden, der kleine Platz zum zentralen ansprechenden Treffpunkt mit „Aufenthaltsqualität“ – wie es bei den Stadtplanern so schön heißt. Ob das alles tatsächlich so kommt, da ist sich die Bezirksbeirätin Marion Eisele (SPD) nicht so sicher. Denn die Verzögerung zieht noch ein weiteres Problem nach sich. Bau- und Materialkosten sind in drei Jahren massiv gestiegen. Was 2018 veranschlagt wurde, kann mit den bewilligten 250 000 Euro unter Umständen nicht mehr umgesetzt werden. Dennoch: Am 6. Juli will die Stadtverwaltung ihren Masterplan dem Bezirksbeirat vorstellen. Und Bezirksvorsteher Grieb ist zuversichtlich: „Es tut sich was“, sagt er.