Kultus- und Finanzministerium haben am Montag die Untersuchungsergebnisse vorgelegt. (Symbolfoto) Foto: Marijan Murat/dpa

Im Lehrerstellenskandal liegen nun die Untersuchungsergebnisse vor. Was die Behörden wissen, wo die meisten Geisterlehrer fehlten und warum es zur Ursache nur Spekulationen gibt.

Mit einer Arbeitsgruppe von der Personalstärke zweier Fußballmannschaften haben Kultus- und Finanzministerium erheblichen Aufwand betrieben, um Klarheit darüber zu bekommen, wieso in Baden-Württemberg 1440 Lehrerstellen aus Versehen unbesetzt geblieben sein konnten.

 

An diesem Montag haben die Aufklärer ihren Bericht vorgelegt und klar ist: Welche Umstände zu einer versehentlichen Unterversorgung der baden-württembergischen Schulen mit Lehrkräften geführt haben, lässt sich nicht lückenlos aufklären.

Wieso bleibt die Aufklärung Stückwerk?

Das liegt nicht daran, dass es die 22 Arbeitsgruppenmitglieder an detektivischem Ehrgeiz hätten fehlen lassen. Als fatal hat sich jedoch erwiesen, dass die Daten über die Stellenbewirtschaftung im Kultusministerium nur zehn Jahre lang aufbewahrt werden müssen. Mithin sind zu den Vorgängen zwischen 2005 – als die Panne vermutlich ihren Anfang nahm – und 2015 keine Unterlagen mehr vorhanden. Schon allein deshalb bleibt die Aufklärung insgesamt Stückwerk.

Wie groß ist das Problem?

Bei der Antwort auf die Gretchenfrage der ganzen Affäre um die Geisterlehrer in Baden-Württemberg bleibt es laut Angaben von Mitgliedern der Arbeitsgruppe bei einer Mutmaßung: „Eine wesentliche Ursache liegt vermutlich in einer IT-Umstellung im Jahr 2005/2006“.

     Tatsächlich hat die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Birgit Gutsche, der Chefin des Finanzamts Stuttgart III, viele Details zu Tage gefördert, wie sich die Problematik von 2015 bis 2023 entwickelt hat. Demnach hat die Zahl der versehentlich unbesetzt gebliebenen Lehrerstellen zwischen 2015 und 2023 stark geschwankt. Sie pendelte zwischen 1800 und 2480 Stellen. Im Juli 2025 waren es 1440 unbesetzte Lehrerstellen. Davon wurden vom Kultusministerium zum Start des neuen Schuljahrs etwas mehr als tausend Stellen nachbesetzt.

Sind alle Schulen gleich stark betroffen?

Die aus Versehen unbesetzt gebliebenen Lehrerstellen waren ziemlich ungleich auf die Schularten und die Regionen verteilt. Laut Angaben der Arbeitsgruppe entfielen von 2015 bis 2023 knapp 22 Prozent der „Geisterlehrer“ auf die Grund-, Haupt und Werkrealschulen. 30 Prozent waren es in den Gymnasien und knapp 31 Prozent an den Berufsschulen.

     Die Realschulen waren mit knapp neun, die Sonderpädagogischen Schulen mit acht Prozent betroffen. Bei der regionalen Verteilung ist der Regierungsbezirk Stuttgart mit fast 38 Prozent der unbesetzt gebliebenen Stellen klar am stärksten betroffen. Auf Freiburg und Karlsruhe entfielen rund 25 und auf Tübingen knapp 13 Prozent der aus Versehen unbesetzt gebliebenen Lehrerstellen.

Was ist über die Ursachen bekannt?

Nachweisen konnte die Arbeitsgruppe nicht einen zentralen Fehler, sondern viele verschiedene Unregelmäßigkeiten. Es gab unter anderem diverse Eingabefehler vor allem bei besonderen Stellenbesetzungen, die manuell nachbearbeitet werden mussten. Gefunden wurde auch ein Programmierfehler. In einigen Dutzend Fällen wurden Lehrkräfte irrtümlich dem Kultusministerium statt einem Regierungspräsidium zugeordnet. Als „sehr wahrscheinliche, aber nicht endgültig beweisbare Hauptursache“ sehen die mit der Aufklärung beauftragten Fachleute eine fehlerhafte Übertragung von Daten vom alten auf das neue Softwareprogramm (L-Dipsy) im Schuljahr 2005/2006.

Kann der Fehler wieder auftreten?

Die AG ist davon überzeugt, dass der Fehler „aufgeklärt, verstanden und korrigiert ist“ und dass – weil es keine Zahlungen an imaginäre Stelleninhaber gab – kein finanzieller Schaden entstanden ist. Eine Wiederholungsgefahr sehen sie nicht. Sie empfehlen allerdings dringend, regelmäßige Auswertungen mindestens alle sechs Monate, regelmäßige anlassbezogene Prüfungen der Stellenlisten und einen systematischen Abgleich von Stellenplan und Gehaltsdaten sowie die schrittweise Konsolidierung der eingesetzten IT-Verfahren. Aktuell, so betont das Kultusministerium in einer Pressemeldung, funktionierten die Personalverwaltungssysteme „fehlerfrei“.

Was sagen die Lehrerverbände?

Die Chefin des Realschullehrerverbands, Karin Broszat, nennt das Untersuchungsergebnis „mangelhaft bis unbefriedigend“. Allein aufgrund der fälschlicherweise unbesetzten 1440 Stellen, die im Sommer 2025 bilanziert worden seien, seien 35 000 Deputatsstunden – etwa zehn Wochenstunden pro Schule – nicht gehalten worden.

      Mehr als 50 000 Unterrichtsstunden seien an den Berufsschulen ausgefallen, erklärte der Verbandsvorsitzende Thomas Speck. Damit stehe den Berufsschulen ein Anteil von 500 Personen an den zum Schuljahresbeginn zusätzlich eingestellten Lehrkräften zu, bekommen hätten sie aber lediglich 130 Lehrkräfte. Dies müsse dringend korrigiert werden. Die GEW-Vorsitzende Monika Stein forderte, „dass jeder Cent, der auf dem Rücken von 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern gespart wurde, in den nächsten Jahren durch Investitionen in gute Bildung zurückgegeben wird“.