Die deutschen Bischöfe sehen im Hirtenbrief des Papstes eine klare Weisung

Die deutschen Bischöfe sehen im Hirtenbrief des Papstes eine klare Weisung "für die gesamte Kirche". Kirchlichen Reformgruppen fehlt dagegen die Einsicht, dass es sich bei den Missbrauchsfällen um ein strukturelles Problem handelt. Am Zölibat will Rom nicht rütteln.

Von Markus Brauer

ROM/STUTTGART. Ein Machtwort des Papstes zu den Missbrauchsskandalen war erwartet worden. Direkt ausgesprochen wird es im Hirtenbrief an die irischen Katholiken aber nicht. Benedikt XVI. entschuldigt sich zwar bei den zahlreichen Opfern einer sieben Jahrzehnte von irischen Kirchenoberen vertuschten Missbrauchspraxis in kirchlichen Einrichtungen. Er findet harsche Worte für die Täter, fordert sie auf, sich der Rechtsprechung zu stellen, und wirft den irischen Bischöfen Versagen bei Aufsicht, Aufdeckung und Aufarbeitung des Skandals vor. Zu einer Verantwortung des Vatikans äußert er sich aber genauso wenig wie zu den Missbrauchsfällen in der deutschen Kirche - geschweige denn zu möglichen strukturellen Veränderungen oder Reformen.

Der Hirtenbrief könne nur ein Anfang sein, ist Christian Weisner von der Reformbewegung Wir sind Kirche überzeugt. Eine sorgfältige Prüfung der innerkirchlichen Strukturfragen stehe noch aus. Dabei gehe es ihm vor allem um eine Debatte über das Zölibat und eine Neuausrichtung der kirchlichen Sexuallehre, sagt Weisner. "Es wird immer noch nicht gesehen, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, sondern dass es ein globales Strukturproblem ist." Das Umsteuern müsse in der Katholischen Kirche deutlich weiter gehen. "Dieser Brief ist noch nicht der große Durchbruch."

Das sieht Robert Zollitsch natürlich ganz anders. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz begrüßt das Schreiben - wie es sich für einen gehorsamen Oberhirten gehört. Der Brief enthalte klare Weisungen an die gesamte Kirche, so der Freiburger Erzbischof. Er wertet ihn als schonungslose Analyse und klare Botschaft auch an Deutschland - auch wenn der Papst die hiesigen Missbrauchsfälle nicht erwähnt habe.

Auch Vatikansprecher Federico Lombardi verteidigt auf einer Pressekonferenz in Rom, dass sich der Hirtenbrief nur an Irlands Katholiken richte. "Man kann nicht immer über die ganze Welt sprechen. Man riskiert damit, banal zu werden." Wer die Bedeutung dieses Schreiben kleinreden wolle, dem hält er entgegen: "Es hat niemals einen Brief wie diesen gegeben." Die Kirche übernehme damit die volle Verantwortung.

Schlussstrich oder Beginn eines Läuterungsprozesses? Mit dem Papstbrief hat die Katharsis - die geistig-religiöse Reinigung und Erneuerung der Kirche - gerade erst begonnen. Dazu gehören nicht nur die Fragen von Schuld und Sühne, Versagen und Vergebung, sondern auch ein intensives Nachdenken über innerkirchliche Reformen.

Die Missbrauchsverbrechen unzähliger Priester haben wieder Bewegung in die festgefahrene Zölibatsdebatte gebracht. Die Hoffnung, dass die Pflicht der Kleriker zur Ehelosigkeit langsam bröckelt, wie die römische Zeitung "La Repubblica" jüngst orakelte, dürfte indes verfrüht sein. Das zeigt Benedikts Hirtenbrief einmal mehr. Dass es eine solche Debatte überhaupt gibt, wird von Mächtigen in der Kirche hartnäckig geleugnet. Kein Wunder: Für die Einheit und den Machterhalt der Kirche hängt zu viel von der ständigen Verfügbarkeit und Kontrollierbarkeit ihrer Priester ab.

Problematisch sei, sagt Weisner, dass der Papst in seinem Hirtenbrief unbeirrbar am traditionellen Priesterbild der Katholischen Kirche festhalte. "Der Priester hält den Schlüssel zu den Schätzen des Himmels: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Statthalter des guten Herrn, der Verwalter seiner Güter", zitiert Benedikt XVI. einen heiliggesprochenen katholischen Priester aus dem 19. Jahrhundert. "Mit so einem Priesterbild kommen wir nicht weiter", kritisiert Reformkatholik Weisner.

Für die kirchliche Führungsriege - den Papst, die Kardinäle und rund 4800 Bischöfe - ist solche Kritik unannehmbar. Denn was wäre, wenn es das Zölibat nicht mehr gäbe? Wenn Priester ein normales bürgerliches Dasein mit Scheidung, Geliebter oder missratenen Kindern führten? Erst das Zölibat untermauert die Einzigartigkeit ihrer Lebensform und legitimiert die herausgehobene Stellung der rund 408 000 Kleriker gegenüber den etwa 1,15 Milliarden Laien.

Der Tübinger Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng sieht im Zölibatsgesetz einen "wesentlichen Pfeiler des römischen Systems". Die Pflicht zur Ehelosigkeit sei der "strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zur Sexualität".

Seit Jahrhunderten hält die Kirche unbeirrbar am Ideal der "vollkommenen Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen" fest. Als "Zeichen der universalen Einheit", wie der Dogmatikprofessor Medard Kehl erklärt. Doch hinter dem religiösen Argument, das Zölibat sei ein außergewöhnlicher Weg der Christusnachfolge, verbergen sich knallharte Machtinteressen. Ohne Zölibat würde das zentralistische Machtgefüge der Kirche kaum aufrechtzuerhalten sein.

Wer sich zum Priester berufen fühlt, muss ehelos leben - oder gehen. Wie Claus Schiffgen. "Ich bin nie mit wehenden Fahnen ins ehelose Leben gegangen", berichtet der frühere Geistliche. "Für mich war entscheidend, dass ich Priester werden wollte." Der 47-Jährige ist heute verheiratet und arbeitet als Religionslehrer.

Priestersein ist derzeit nicht immer ein Vergnügen. "Man steht im Augenblick als Priester unter Generalverdacht. Das belastet schon sehr", bekennt Jesuitenpater Kehl, einer der renommiertesten deutschen Theologen. Seit 40 Jahren ist er in der Jugendarbeit tätig. Durch die Missbrauchsfälle sei viel von der Unbefangenheit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen verloren gegangen. Man müsse sorgsam sein, "damit bloß kein Verdacht aufkommen kann".

Die These, dass das Zölibat eine Ursache für Missbrauch sei, hält Kehl wie andere Experten auch für abwegig und absurd. Pädophil sei man mit 15, 16. Das Gelübde, keusch zu leben, lege man aber mit 25 oder 30 ab, erläutert der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover. Norbert Leygraf vom Institut für Forensische Psychiatrie in Essen: "Es spricht nichts dafür, dass die pädophile Tendenz durch das Zölibat entsteht."

Auch der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner bezweifelt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuell unreifer Persönlichkeit gebe. "Es handelt sich um kein Problem der Lebensform, sondern um eines der nicht entwickelten Persönlichkeit."

Dass Zollitsch als oberster Repräsentant der deutschen Katholiken jeglichen Zusammenhang bestreitet, ist logisch. Schließlich kann man als offizielle Kirche das Zölibat nur dann religiös überhöhen, wenn jeder Makel der Sünde von ihm ferngehalten wird. Missbrauch habe "weder etwas mit dem Zölibat zu tun noch mit Homosexualität, noch mit der katholischen Sexuallehre".

Falsch, Herr Erzbischof!, entgegnet der Psychiater Michael Osterheider, Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg. "Indirekt" locke das Zölibat nämlich durchaus Männer mit sexuellen Neigungen zu Kindern an. Gerade bei Tätern aus kirchlichen Institutionen sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, argumentiert Osterheider. Nach seinen Forschungen fühlten sich "Leute, die andere sexuelle Interessen haben, von einer Institution angezogen, in der nicht verlangt wird, dass man in einer Partnerschaft lebt". Die Kirche biete zudem ein soziales Umfeld, in dem Täter "verfügbare Opfer finden".

Missbrauch ist jedoch kein kirchenspezifisches Problem, auch wenn die zölibatäre Lebensform das Ausleben bestimmter Veranlagungen begünstigen kann. "Ein pädophiler Priester hat in der Gemeinde sozialen Status und Vertrauensvorschuss - und dadurch Zugang zu potenziellen Opfern", sagt Schiffgen. Der Vorsitzende der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen war sieben Jahre lang Priester im Erzbistum Paderborn, bis er 1999 sein Amt aufgab.

Zölibatsverfechter finden sich vor allem unter konservativen Katholiken. Dominik Schwaderlapp, Generalvikar des Erzbistums Köln, sagt klipp und klar: "Wenn es das Zölibat nicht gebe - müsste man es heute erfinden." Den Priestermangel nehmen sie dabei billigend in Kauf. Für Kehl ist das Zölibat zwar auch ein Grund für den fehlenden Priesternachwuchs, aber nicht der einzige. "Der Hauptgrund ist, dass Religion als Beruf für die meisten jungen Leute weit weggerückt ist. Kirche spielt in ihrem Leben praktisch keine Rolle mehr."

Eine seit langem diskutierte Alternative wäre es, neben Frauen zu Diakonen auch sogenannte Viri probati - also im Beruf, in der Ehe und Gemeinde erprobte Männer - zu Priestern zu weihen. Medard Kehl würde dies begrüßen, sieht aber auch die praktischen Schwierigkeiten eines Miteinanders zweier Lebensweisen. "Man müsste beide Formen des Priestertums in Einklang bringen, damit es nicht zwei Klassen von Priestern gibt." In Rom schrecke man vor einem solchen "tiefgreifenden Einschnitt in eine lange Tradition der Kirche" noch zurück, weiß der 67-jährige Ordensmann.

Die Beharrungskräfte im Vatikan sind groß, schließlich könnte jede Veränderung in zentralen Identitätsfragen zum Dammbruch führen. Nach Ansicht Schiffgens ist die Erosion des zölibatären Priestertums ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Vergeblich versuche die Kirchenführung den "herrschaftlichen Status des Priesters" zu retten.

Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben. Seit 1965 haben schätzungsweise 100 000 Geistliche ihr Amt aufgegeben. 2006 gab es laut Vatikan 407 262 Priester (Deutschland: 15 759). Nur noch 179 junge Männer begannen 2008 in Deutschland mit dem Theologiestudium mit dem Ziel, Priester zu werden und - offiziell - enthaltsam zu leben.