Der Klimagipfel stand im Zeichen der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg. „Wenn ihr uns im Stich lasst, werden wir euch nie verzeihen“, sagte sie. Foto: AFP/Stephanie Keith Foto:  

Die junge Schwedin hält beim UN-Klimagipfel eine emotionale Rede – und klagt die Mächtigen dieser Welt an. Kanzlerin Angela Merkel muss sich Kritik für die deutschen Klimamaßnahmen anhören.

Stuttgart - Im Grunde, sagt Greta Thunberg, sei völlig falsch, was sie hier tue. Eigentlich müsste sie, am anderen Ufer des Ozeans, in der Schule sitzen statt hier oben auf dieser Bühne. Nun aber kämen alle zu ihr, damit sie ihnen Hoffnung einflöße. „Wie könnt ihr es wagen! Mit euren leeren Worten habt ihr meine Träume und meine Kindheit gestohlen“, beschwert sie sich über die Politiker dieser Welt.

 

Und doch, sagt die 16-jährige Schülerin aus Schweden mit einer zittrigen Stimme, wie man sie sonst von ihr nicht kennt, gehöre sie noch zu den Glücklichen. Anderswo brächen ganze Ökosysteme zusammen.

„Wir stehen am Beginn einer massenhaften Auslöschung. Und alles, wovon ihr reden könnt, ist euer Geld, sind eure Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen!“ Die Augen künftiger Generationen würden auf diese Leute gerichtet sein, sagt Thunberg. „Wenn ihr uns im Stich lasst, werden wir euch nie verzeihen.“

Der Papst meldet sich zu Wort

UN-Generalsekretär António Guterres hat zum Auftakt des eintägigen Klimagipfels einen „Jugenddialog“ anberaumt. Seine Generation, räumt er ein, habe versagt. Sie sei ihrer Verantwortung, den Planeten zu schützen, nicht gerecht geworden. Und noch immer gebe es einige, die das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten: „Wir stecken im Klimaloch, und um aus dem Loch herauszukommen, müssen wir aufhören, zu graben.“

Doch wenn man jetzt die Laufschuhe anziehe, könne man das Rennen noch gewinnen, sagt Guterres. Dem schließt sich Papst Franziskus per Videobotschaft an: „Auch wenn die Lage nicht gut ist und der Planet leidet, ist das Fenster der Möglichkeiten noch immer geöffnet.“ Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht sich dafür aus, über Einschränkungen beim Handel stärkeren Druck auf Klimasünder auszuüben.

Thunberg hält emotionale Rede

Greta Thunberg setzt der Poesie des Portugiesen knallharte Prosa entgegen. Ihre Gesichtszüge verraten Empörung, fast so etwas wie Wut, während sie spricht. Es sei populär, daran zu glauben, dass es reiche, den Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb von zehn Jahren zu halbieren. Das aber bedeute nur eine fünfzigprozentige Chance, die Erwärmung der Erde bei unter 1,5 Grad Celsius zu halten. „Fünfzig Prozent sind vielleicht für Sie akzeptabel. Aber fünfzig Prozent Risiko sind nicht akzeptabel für uns, die wir mit den Konsequenzen zu leben haben.“

Kein Zweifel, es ist der Gipfel der Greta Thunberg, die, ob sie es will oder nicht, im Rampenlicht steht. Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzt die Chance, sich mit ihr in der Lobby des UN-Plenarsaals fotografieren zu lassen. Vom Ärger der jungen Schwedin ist da nichts zu spüren.

Kurz darauf kreuzen sich Thunbergs Wege mit denen von Donald Trump, der eigentlich dem Klimagipfel fernbleiben und mit einer Veranstaltung über religiöse Freiheit dagegenhalten wollte. Doch kurz bevor der indische Premierminister Narendra Modi ans Pult tritt, setzt sich auch Trump in den Saal. Wenn auch nur kurz.

Merkel zeigt sich selbstkritisch

Auf drei Minuten, hatte Guterres gebeten, sollten Staats- und Regierungschefs ihre Reden beschränken. Und reden darf nur, wer konkrete Klimapläne vorstellen kann. Zum Auftakt ist es ein Quartett, dem die Ehre zuteil wird: erst die Neuseeländerin Jacinda Ardern, dann Hilda Heine, Präsidentin der Pazifik-Inselgruppe Marshall-Inseln und schließlich Modi und Merkel. Die deutsche Kanzlerin spricht von dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein, bis 2022 aus der Kernenergie auszusteigen und spätestens bis 2038 aus der „Kohlekraftwerkswirtschaft“.

Deutschland, sagt Merkel, werde seine Mittel für den internationalen Kampf gegen den Klimawandel im Vergleich zu 2014 von zwei auf vier Milliarden Euro verdoppeln. Deutschland stelle ein Prozent der Weltbevölkerung, verursache aber zwei Prozent der weltweiten Emissionen. „Wenn alle so handelten, würden sich die Emissionen weltweit verdoppeln. Jeder weiß, was das bedeutet.“ Deshalb habe man sich vorgenommen, bis 2030 gegenüber dem Stand von 1990 55 Prozent der nationalen Kohlendioxidemissionen einzusparen.

Kritik an Kanzlerin Merkel

Rebecca Freitag, Deutschlands Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung, ist enttäuscht. Was Merkel vorgestellt habe, sei „Pillepalle“, sagt sie unserer Zeitung. In New York hat die Studentin der Umweltwissenschaften der stellvertretenden UN-Generalsekretärin Amina Mohammed 1,3 Millionen Unterschriften alarmierter junger Leute übergeben. Die Kanzlerin sei zwar theoretisch eingegangen auf das Anliegen ihrer Generation. „Ich sehe aber keine praktischen Maßnahmen, die den Worten entsprechen“, sagt Freitag.

Irgendwann darf Michael Bloomberg sprechen, der Ex-Bürgermeister von New York und heutige UN-Sondergesandte für den Klimaschutz. Er gilt als Symbol dafür, dass in den USA einige Städte und Staaten Trumps Vorliebe für Kohle ignorieren und auf erneuerbare Energien bauen. Er danke Trump dafür, dass er gekommen sei, sagt Bloomberg. Und: „Hoffentlich sind unsere Diskussionen hier nützlich für Sie, wenn Sie Ihre Klimapolitik formulieren.“