In der neuen Rettungswache 5 herrscht schon Betrieb, obwohl von dort aus noch keine Einsätze gefahren werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Stuttgarter Feuerwehr muss einen gewaltigen Umzug meistern. Mitte Mai ist die neue Filderwache nach jahrelanger Verzögerung einsatzbereit. Ein Besuch bei Rettern, die ihre Sachen packen und gleichzeitig einsatzbereit bleiben müssen.

Die Stuttgarter Feuerwehr verliert bald ein Alleinstellungsmerkmal, das weit und breit seinesgleichen sucht. Doch böse ist deshalb keiner. Im Gegenteil. Seit Jahren müssen gut 100 Angehörige von Berufsfeuerwehr und Rettungsdienst mit einem total maroden Dienstgebäude leben. Die Feuer- und Rettungswache 5 am Rande von Degerloch stammt aus dem Jahr 1966. Markantes Wahrzeichen: Über dem undichten Dach ist mit viel Gestänge und Blech ein zweites aufgezogen worden, damit die Retter wenigstens nicht mehr das Regenwasser mit Wannen in den Räumen auffangen müssen.

 

Nach jahrelangen Verzögerungen steht nun der Umzug ins neue Gebäude bevor. Es befindet sich nur ein kurzes Stück entfernt in Möhringen. Bereits 2021 hätte es in Betrieb gehen sollen, doch zahlreiche Probleme auf der Baustelle haben die Nutzung immer wieder verzögert. Aber jetzt ist es soweit – in wenigen Tagen sollen die Einsätze auf den Fildern vom gewaltigen, 60 Millionen Euro teuren Neubau an der Sigmaringer Straße aus erfolgen.

„Die Leute sind alle hoch motiviert. Wir verbessern uns dort gleich um mehrere Hundert Prozent“, sagt der Dienststellenleiter Tjark Neinhardt. Er ist erst seit wenigen Monaten Chef der Filderwache – und hat jetzt mit seiner Mannschaft eine gewaltige Aufgabe vor sich. Denn der Umzug muss im laufenden Betrieb erfolgen. Nur vier Wochen Zeit hat er dafür. Zwar rückt bereits seit Ende Oktober vergangenen Jahres die Abteilung Logistik der Freiwilligen Feuerwehr vom neuen Gebäude aus und im Februar sind auch die Büros des Aus- und Fortbildungszentrums eingezogen. Alles andere aber folgt jetzt. „Das läuft unter Hochdruck. Und dabei müssen wir einsatzfähig bleiben“, sagt Feuerwehrsprecher Daniel Anand.

In der neuen Wache bevölkern noch zahlreiche Handwerker die Gänge und Räume. Mehr als 300 Türen gibt es dort, und hinter vielen ist noch etwas zu tun. Das wird auch noch eine Weile so bleiben, inklusive Mängelbeseitigung. Währenddessen werden die gut 130 Leute, die hier bald arbeiten werden, durchgeschleust, um die Wache kennenzulernen. Büromöbel werden angeliefert. An diesem Tag findet im Hof eine Übung statt, parallel dazu fahren Lkw tonnenweise medizinisches Material von der alten Wache in die beiden großen Sanitätsmittellager des Neubaus. Die Vorbereitungen laufen seit Jahren.

„Wir erfinden den Betrieb gerade neu“, erzählt Neinhardt unten im Hof. Die Einsatz-Stichworte werden dieselben sein wie bisher, die Abläufe im neuen Gebäude aber ganz andere als zuvor. „Die Wache ist völlig anders gegliedert, man hat mehr Schnittstellen als bisher und neue Wege.“ Und die müssen sitzen, wenn nach dem Umzug der Ernstfall eintritt. „Person in Notlage, Stuttgart-Rohr“, dröhnt es plötzlich aus dem Lautsprecher. Die Durchsagen laufen bereits parallel in beiden Wachen.

Ausgerückt wird an diesem Tag noch von Degerloch aus. Drei Fahrzeuge verlassen mit Blaulicht und Martinshorn die Halle. Innen verfügt das Gebäude über reichlich nostalgischen Charme. Die alte Holzrutsche in der Wand „war mal ein Experiment“, sagt Anand lachend, sie ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Mit der Stange geht es doch schneller von den Sozialräumen oben nach unten zu den Autos. Auf Tafeln stehen die Umzugsinfos, im Lehrsaal findet gerade noch eine Schulung statt.

Sportfeld auf dem Dach

Drüben in Möhringen finden die Retter deutlich bessere Bedingungen vor. Die Höhenretter haben im Turm optimale Trainingsmöglichkeiten inklusive Kletteranlage. Es gibt ein großes Parkdeck für 50 Autos, unten die Hallen für die Einsatzfahrzeuge und auf dem Dach ein Sportfeld und eine Photovoltaikanlage. Dazu kommen Fitnessraum, Küchen, moderne Ruheräume, Lehrsäle und eine Notbetriebsstelle, die übernehmen kann, falls die Integrierte Leitstelle in Bad Cannstatt einmal ausfallen sollte. Ins zentrale Einsatzmittellager passen insgesamt 720 Paletten mit Material. Überall streifen Menschen mit Plänen in der Hand durch die Wache.

Den offiziellen Schlusspunkt des Umzugs bildet der 15. Mai. Das ist auch für die Öffentlichkeit interessant, denn um 14 Uhr wird sich rund ein Dutzend Einsatzfahrzeuge in einem Konvoi auf den Weg machen vom bisherigen Standort im Bruno-Jacoby-Weg zum neuen in der Sigmaringer Straße. Mit diesem sogenannten Blaulichtumzug geht die neue Wache in den aktiven Einsatzbetrieb. Ein Tag der offenen Tür ist dort dann im nächsten Frühjahr geplant.

Was passiert mit der Ausbildung?

Und das alte Gebäude? Dessen Gelände soll die Abfallwirtschaft Stuttgart bekommen. Allerdings erst Ende 2025, ein Jahr später als ursprünglich vorgesehen. Bis dahin darf die Feuerwehr den maroden Bau noch als Aus- und Weiterbildungszentrum für hauptberufliche und ehrenamtliche Kräfte nutzen. Ersatzflächen für den wichtigen Ausbildungsbereich werden dringend benötigt. In den Blick gerückt ist zuletzt ein EnBW-Areal direkt neben der neuen Feuerwache 5. Die 15 000 Quadratmeter dort wären ideal. Fast alle Gemeinderatsfraktionen haben inzwischen per Antrag gefordert, die Stadt möge sich intensiv darum bemühen. Der Ausgang ist noch offen.

Jetzt ist man bei der Feuerwehr aber erst einmal froh, dass die neue Filderwache bezogen werden kann. „So langsam realisiert jeder, dass das tatsächlich Wirklichkeit wird“, sagt Tjark Neinhardt mit einem Schmunzeln. Es hat ja auch lange genug gedauert.