Die Idylle trügt: In Waldwegen im Naturpark Stromberg wurden krebserregende Chemikalien gefunden. Naturschützer befürchten, dass viele Strecken betroffen sind. Foto: mauritius

Im Naturpark Stromberg wurde recycelter Schutt in Schotterpisten verbaut, der krebserregende Stoffe enthält. Inzwischen sind einige Stellen saniert worden – doch Umweltschützer gehen davon aus, dass im Bottwartal weitere Kilometer betroffen sind.

Landkreis Ludwigsburg - Seinen Sonntagsspaziergang hatte sich Peter Kochert anders vorgestellt: Statt idyllischer Unberührtheit fand er mitten im Naturpark Stromberg-Heuchelberg eine große Baustelle vor. Auf rund 500 Metern wurde im Gemeindewald Zaberfeld (Kreis Heilbronn) voriges Frühjahr ein Weg neu geschottert. In dem Material, das die Baufirma dafür in den Forst gekarrt hatte, fand Kochert Plastikteile, Metallrohre und Gummidichtungen. Dass er damit einem Umweltvergehen auf der Spur war, ahnte der 64-Jährige in diesem Moment bereits. Welches Ausmaß es haben würde, konnte er nicht wissen.

Gummidichtungen und Metallrohre lagen im Wald

Inzwischen, rund ein Jahr später, ist klar: Nicht nur in Zaberfeld, auch auf der Gemarkung der Stadt Beilstein (Kreis Heilbronn) ist recycelter Bauschutt zum Befestigen von Waldwegen verwendet worden, der nicht in die Natur, sondern auf eine Deponie gehört. Zwar sind, anders als zunächst vermutet, nicht die Plastikteile oder Dichtungen, die Kochert fand, das Problem – dafür aber hochgiftige Chemikalien. Die hat ein Gutachter in einigen von insgesamt 26 Proben entdeckt, die aus den betroffenen Schotterpisten entnommen wurden. Teils sind dabei die Grenzwerte für PAK und PCB, beides erwiesenermaßen krebserregende Stoffe, um das bis zu Siebenfache überschritten. Und es könnten noch viel mehr Waldwege betroffen sein.

Nach seiner Entdeckung setzte Peter Kochert im vergangenen Jahr eine sogenannte Umweltmeldung beim Umweltministerium in Stuttgart ab. Dieses veranlasste, dass in Beilstein und Zaberfeld die Proben entnommen wurden – mit dem erschreckenden Ergebnis. „Der Fall zeigt, dass an der Praxis, Recyclingmaterial in Waldwegen zu verbauen, vieles nicht in Ordnung ist“, sagt Gottfried May-Stürmer von der Naturschutzorganisation BUND. Das Aufbereiten des Schutts koste die Baufirmen viel Geld, gleichzeitig böten sie den Kommunen das Auffüllen der Waldwege praktisch zum Nullpreis an. „An dem Prozedere haben wir erhebliche Zweifel.“

Vom Heilbronner Landratsamt, das als Umweltbehörde zuständig für die beiden betroffenen Wälder ist, heißt es, die Firmen, die den Schutt in den Wegen verbaut haben, hätten Analysen vorgelegt, nach denen das Material unbedenklich sei. Gleichwohl räumt die Behörde in einem Bericht ein, dass unabhängige, eigene Proben „ohne die Initiative des BUND nie durchgeführt worden wären“.

„Ausgesprochen unerfreulich“

Der Umweltminister Franz Untersteller nennt in einem Brief an den Vaihinger Landtagsabgeordneten Markus Rösler (Grüne) die beiden Fälle „ausgesprochen unerfreulich“. Grundsätzlich sei gegen die „Verwendung von aufbereitetem Bauschuttmaterial im Waldwegebau nichts einzuwenden“. Bei ordnungsgemäßem Vorgehen sei das „auch in Naturschutzgebieten zulässig und unbedenklich“. Doch offenkundig seien in Beilstein und Zaberfeld die Regularien nicht eingehalten worden – ein „Fehlverhalten Einzelner“ .

Genau das sieht Peter Kochert anders. Der Umweltschützer glaubt, dass noch deutlich mehr Waldwege betroffen sein könnten. Vor allem im Bottwartal, rund um Oberstenfeld, vermutet er weitere verseuchte Strecken. Von mindestens drei Kilometern geht Kochert aus und fordert, dass „auch diese Wege untersucht werden“. Die Giftstoffe seien eine „tickende Zeitbombe“, könnten sie doch aus den Wegen ausgewaschen werden und in Seen, Bächen oder im Grundwasser landen.

Sind kilometerlange Abschnitte verseucht?

Ähnlich sieht das Markus Rösler, der auch Botschafter des Naturparks Stromberg ist: Es gebe weitere Verdachtsmomente in dem Gebiet, er habe deshalb erneut einen Brief an das Ministerium geschrieben. Die Fälle in Zaberfeld und Beilstein seien zwar gut aufgearbeitet worden, „aber es geht darum, dass Recht und Gesetz eingehalten werden“.

Die Staatsanwaltschaft Heilbronn prüft derzeit, ob das im Naturpark der Fall ist, denn der BUND hat im vergangenen Jahr Anzeige erstattet. Das Verfahren läuft noch.

Bereits vollständig ausgebaggert ist das belastete Material in Zaberfeld und Beilstein, vor allem an jenen Stellen, an denen die Proben eine hohe Belastung gezeigt hatten. Die Kosten dafür trugen laut dem Heilbronner Landratsamt die Baufirmen. Auch die Kosten für die Proben habe in einem Fall das betroffene Unternehmen übernommen, heißt es. In einem zweiten Fall „prüfe das Landratsamt derzeit, ob die Untersuchungen der dortigen Wegebaufirma in Rechnung gestellt werden können“.

Abkürzungen für giftige Stoffe

PAK
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, kommen vor allem in teerhaltigen Produkten vor. So wurden früher zum Beispiel PAK-belastete Dachpappen verbaut, auch im Straßenbau kam teerhaltiger Asphalt zum Einsatz. Seit 1984 wird kein teerhaltiger Asphalt mehr in Deutschland verwendet, das Bindemittel der Wahl ist seither Bitumen. Auch in Gummiartikeln wie Autoreifen oder Werkzeugteilen können PAK enthalten sein. Zumindest einige Stoffe aus der chemischen Gruppe sind nachgewiesen krebserregend.

PCB
Ebenfalls krebserregend sind Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB. Sie wurden vor allem als Weichmacher in Lacken, Dichtungen, Kunststoffen und Isoliermaterial eingesetzt. Sie zählen zum sogenannten dreckigen Dutzend an Stoffen, die in einem Abkommen im Mai 2001 weltweit verboten wurden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: