Das Land will die Menge an Spritzmitteln bis 2030 um 40 bis 50 Prozent senken. Das Agrarministerium sieht Fortschritte, Naturschützer erkennen gar keine echte Absenkung.
Zum fünften Mal hat das Agrarministerium einen Pestizidbericht vorgelegt: Danach ist die Menge an Spritzmitteln im Land im Jahr 2023 gegenüber dem Basiswert um zwölf Prozent gesunken. Konkret wurden 1963 Tonnen an Pestizid-Wirkstoffen ausgebracht. In den Vorjahren schwankten die Reduzierungen zwischen fünf und 13 Prozent. Der Basiswert besteht aus dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.
Insgesamt verfolgt die Landesregierung ein hochgestecktes Ziel: Um 40 bis 50 Prozent soll die Menge bis 2030 reduziert werden. Dies besagt das Biodiversitätsstärkungsgesetz, das das Land 2019 auf Druck des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ erlassen hat.
Laut dem Minister zeigt der Trend nach unten
Agrarminister Peter Hauk (CDU) ist mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden. Da viel Regen Pilze und Schädlinge begünstigt, hat das Wetter einen großen Einfluss darauf, wie viele Pflanzenschutzmittel die Landwirte gegen Pilze und Schädlinge ausbringen müssen. Peter Hauk: „Im Jahr 2023 war die Witterung hinsichtlich der Niederschlagsmengen durchschnittlich. Im Vergleich zum sehr trockenen Vorjahr mit 13 Prozent Reduktion sind die Daten aus 2023 eine Bestätigung für den Trend nach unten.“
Grundlage der Auswertung sind 535 Datensätze aus einem extra aufgebauten Betriebsmesssystem für zehn wichtige Kulturen wie Winterweizen und Mais, aber auch Raps, Wein oder Kartoffeln. Bei den Maßnahmen geht es darum, etwa durch eine mechanische Bodenbearbeitung weniger Spritzmittel zu benötigen. Es geht um bessere Wetterprognosen, damit die Landwirte den optimalen Zeitpunkt zum Spritzen erwischen. Es geht aber auch um resistentere Sorten und um den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft. Mehr als 50 Prozent der Spritzmittel sind Herbizide (gegen unerwünschte Pflanzen), gefolgt von den Fungiziden (gegen Pilze) mit bis zu 45 Prozent. Insektizide machen gerade zwei Prozent aus.
Starke Kritik kommt dagegen von Naturschützern. Lars Neumeister, der sich als Pestizidexperte einen Namen gemacht hat und für viele Umweltverbände tätig ist, sagt recht kategorisch: „Alles unter zehn Prozent ist Grundrauschen.“ Da könne gar nicht von einem Trend, sondern nur von unterschiedlichem Wetter gesprochen werden. Jochen Goedecke, Landwirtschaftsexperte beim Nabu Baden-Württemberg, verweist auf das Jahr 2020, als noch keine großen Maßnahmen angelaufen seien – auch damals gab es schon einen Rückgang um neun Prozent. „Ich kann deshalb gar keine wirkliche Reduktion erkennen“, so Goedecke.
Auch im Vergleich zu den Bundeszahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) kann man keinen eindeutigen Vorsprung im Südwesten erkennen. In den Jahren 2020 und 2021 gab es auf Bundes- und Landesebene vergleichbare Rückgänge. 2022 war das Land erfolgreicher, 2023 der Bund. Inwieweit die Zahlen wirklich vergleichbar sind, ist aber offen.
Beim Ökolandbau schaut es im Land tatsächlich besser aus: Hier wurden 2024 exakt 15,3 Prozent der Fläche nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet, im Bund sind es 11,5 Prozent. Bis zum Landesziel, mindestens 30 Prozent Ökolandbau bis 2030, bleibt dennoch ein sehr weiter Weg. Überhaupt hat das Institut für Ländliche Strukturforschung vor zwei Jahren dem Land in einem Evaluationsbericht bescheinigt, dass das Ziel der Pestizidreduzierung ambitioniert sei. Sprich: sehr schwer zu erreichen.
Nabu: Erkenntnisse endlich in die Fläche bringen
Aber tatsächlich unternimmt das Land viel. So hat es ein Netzwerk mit 40 Demonstrationsbetrieben aufgebaut – auf diesen Höfen werden alternative Verfahren getestet und die Erfahrungen an andere Landwirte weitergegeben. Jochen Goedecke lobt dieses Netzwerk ausdrücklich, fügt aber an: „Das Wissen muss jetzt in die Breite der 38 000 Betriebe im Südwesten gestreut werden.“
Er fordert zudem, den sogenannten integrierten Pflanzenschutz – das ist ein Konzept zur besseren Bodenbearbeitung oder zur optimalen Fruchtfolge – konsequent umzusetzen. Und das Land müsse große Unternehmen und große Kitaträger überzeugen, in ihren Kantinen mehr Biospeisen anzubieten.
Lars Neumeister hat noch einen anderen Rat, der Landwirten aber nicht gefallen dürfte, zumal sie sowieso einen erhöhten Aufwand haben, wenn sie weniger Pestizide einsetzen. Er rät, die Preise für Pestizide deutlich zu erhöhen: „Dann werden automatisch weniger Spritzmittel gekauft und ausgebracht.“
Wie gefährlich Spritzmittel sind, bewertet der Pestizidbericht übrigens auch – danach gebe es keine „hohen Risiken“, so das Fazit. Wer genau nachschaut im 173 Seiten starken Bericht, sieht aber, dass die Bewerter des Julius-Kühn-Instituts zahlreiche „mittlere“ und „erhöhte Risiken“ erkannt haben. Forschungseinrichtungen wie etwa das Helmholtz-Zentrum warnen seit Jahren vor erheblichen ökologischen Folgen, etwa für Lebewesen in Seen und Flüssen, in die Pestizide geschwemmt werden.