Die BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch hat Stefan Flaig mit der silbernen BUND-Medaille geehrt, nach der Ehrenmitgliedschaft die zweithöchste Auszeichnung beim BUND Baden-Württemberg. Foto: privat

Seit 38 Jahren engagiert sich Stefan Flaig ehrenamtlich beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland auf Kreis– und Landesebene. 1987 gründete er den BUND-Ortsverband Marbach: Stefan Flaig hat viel erreicht – die Liste ist lang.

„ Mir war früh klar, wie es um die Welt steht. Ich hatte das Bedürfnis, die Dinge zum Besseren zu ändern. Man muss da schon dicke Bretter bohren.“ Stefan Flaig spricht ruhig, gleichwohl energisch. Der gebürtige Ludwigsburger, der seit 40 Lenzen in Marbach lebt, hat einen langen Atem. Den langen Atem, den man für Arten-, Umwelt- und Klimaschutz braucht. Nicht nur hat er seine Berufung zum Beruf gemacht, nach einem Geographie-, Politik-, Geschichtsstudium mit Partnern ein Beratungsbüro für Öffentlichkeitsarbeit und Umweltschutz eröffnet. Seit 1986 ist er zudem beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, gründete 1987 den BUND-Ortsverband Marbach, leitete ihn als Vorsitzender sechs Jahre.

Für sein beispielhaftes und inspirierendes Engagement im Natur- und Umweltschutz verlieh ihm nun die Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch die silberne BUND-Medaille. „Stefan Flaig hat mit seinem unermüdlichen Einsatz und seinen Ideen den BUND in Baden-Württemberg über Jahrzehnte maßgeblich geprägt.“ Auch auf Landesebene: Dort ist Flaig seit drei Dekaden aktiv und seit 27 Jahren stellvertretender Landesvorsitzender, setzt sich für ehrenamtlich Aktive ein – lange als Sprecher der landesweiten BUND-Arbeitsgemeinschaft „Ehrenamt“.

All das wirkt und wirkte. So trug er etwa ab Ende der 1980er dazu bei, dass in Baden-Württemberg – statt zwölf geplanter – nur sechs Müllverbrennungsanlagen errichtet wurden. Bei der Kreismüllinitiative und danach im Kreistag kämpfte er dafür, dass „diese völlig überzogene und überteuerte Müllverbrennungsanlage“ im Kreis Ludwigsburg nicht kam. „Sonst würden wir hier deutlich mehr Gebühren zahlen, und der Hausmüll wäre nicht so weit runtergegangen“, sagt Flaig. Schließlich müsse solch eine Anlage aus betriebswirtschaftlichen Gründen ständig gefüttert werden. „Dann gibt es keinen Grund mehr, Müll zu reduzieren.“ Er verweist auf die aktuelle Diskussion um Bauschuttdeponien. „Auch da lautet die Frage: Wie vermeide ich Bauschutt“, sagt der 64-Jährige. „Bei höheren Deponiegebühren reagiert die Bauindustrie, dann wird besser sortiert, verwertet, reduziert, Recyclingbeton lohnt sich.“

Blick auf die Müllverbrennungsanlage in Stuttgart-Mülhausen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/Lichtgut/Max Kovalenko

Was bedeutet Suffizienz?

Das sei Suffizienz. Ein Wort, das er oft verwendet. „Effizienz ist okay, auch Konsistenz, also der Wechsel zu erneuerbaren Energieformen wie Sonne und Wind. Aber ohne Suffizienz schaffen wir es nicht.“ Stehen hinter dem Begriff Effizienz meist technische Lösungen, die mit weniger Aufwand mehr Leistung bringen wie LED-Lampen oder Mikro-Speicherchips, heißt Suffizienz, Material und Energie zu sparen, also weniger zu verbrauchen. „Waschmaschine voll beladen, bei 40 Grad waschen, die Raumtemperatur senken – ein anderer Lebensstil angesichts begrenzter natürlicher Ressourcen, Klimawandel und Artenverlust“, sagt Stefan Flaig. „Wir müssen nicht schlechter leben, aber wir dürfen nicht mehr den Materialismus in den Vordergrund stellen.“ Mobilität bedeute ja nicht Auto-Mobilität, sondern sich nachhaltig fortzubewegen. Allein mit Elektromobilität schaffe man das nicht. „Weniger Auto, das ist gesünder und weniger stressig.“

Auch die soziale Komponente dürfe nicht vergessen werden bei Verkehr und Flächenverbrauch – Themen, die Flaig umtreiben. Genug Wohnfläche sei gebaut worden, sie sei nur falsch verteilt. „Dass man Sozialwohnungen auslaufen ließ, ist falsch – wir haben keine Wohnungsnot, sondern eine Wohnungspreisnot“, betont der Siedlungsexperte. Höchst leidenschaftlich wird er bei Fragen der Gerechtigkeit: Generationengerechtigkeit, globale Gerechtigkeit und Gerechtigkeit für die weniger Wohlhabenden, die nachweislich weniger CO2 ausstoßen, aber mehr unter dem Klimawandel leiden.

Flaig ist für Gerechtigkeit auf allen Ebenen

„In Bildung muss mehr Geld fließen, wir dürfen keine jungen Menschen und Zugewanderte mehr verlieren, müssen alle ausbilden.“ In Wald und Kulturlandschaft erlebten Kinder und Jugendliche, wie alles zusammenhänge – auch mit ihrem Lebenswandel. „Es geht darum zu zeigen, wie Auto und Flächenverbrauch mit Arten- und Umweltschutz verknüpft sind.“

Für gerechten Klimaschutz und Teilhabe müsse das Klimageld endlich kommen, fordert Stefan Flaig, der zehn Jahre lang im Ludwigsburger Kreistag und von 1991 bis 1996 im Marbacher Gemeinderat saß. „Als Ausgleich für die, die es brauchen. Dafür gilt es, die fossilen Energien höher zu besteuern“, sagt er. Die Ideen, die er in den Diskurs wirft, sprudeln geradezu aus ihm heraus, etwa statt einer Citymaut nur noch Personenwagen nach Stuttgart einfahren zu lassen, die mit zwei Menschen besetzt seien. „Derzeit sitzen darin 1,1 Personen. Mit der Maßnahme halbiert sich der Verkehr nahezu. Und sie ist gerecht, für alle gleich, egal wer wie viel Geld hat. Für spezielle Fälle kann es Sonderregelungen geben.“

Streitbar ist er, ohne Zweifel. Aber ohne zu streiten. Er setzt auf Argumente und weiß sie zu vermitteln, fast stoisch. Stefan Flaig nickt. Um die Bevölkerung mitzunehmen, brauche es gute Kommunikation. Und: Auch wenn es nicht einfach sei, im Zusammenspiel mit anderen könne man etwas erreichen. Fridays for Future habe das gezeigt. „Ich bleibe dran, für meine zwei Söhne, für das Gemeinwohl. Später will ich sagen können: Mein Menschenmögliches habe ich getan für eine nachhaltige Zukunft.“