Umweltschützer Jürgen Resch (li.) hatte zeitweise großen Respekt vor dem Klima-Engagement von Mercedes-Chef Ola Källenius (re.). Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Der Klimakämpfer Jürgen Resch machte Dieter Zetsche einst für Todesfälle verantwortlich. In Zetsches Nachfolger Ola Källenius setzte er große Hoffnungen. Bis Merz Kanzler wurde.

Einen Jürgen Resch will man lieber nicht zum Gegner haben – jedenfalls, wenn man Automanager ist. Denn für den Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist Umweltschutz und dessen maximal öffentlichkeitswirksame Durchsetzung eine Lebensaufgabe. Schon mit 15 trat Resch in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee ein.

 

Mit 22 startete er eine groß angelegte Kampagne gegen ein Pflanzenschutzmittel, mit dem Obstbauern am Bodensee ihre Wiesen gegen Wühlmäuse schützten. Schon bald verbot Baden-Württemberg den Wirkstoff, wenig später wurde er bundesweit verbannt.

Beim Grünen-Parteitag 2017 las Resch seinem Vorredner Dieter Zetsche die Leviten. Zetsche war vom damaligen Parteichef Cem Özdemir (re.) eingeladen worden. Foto: imago/Rüdiger Wölk

Mit 28 wurde Resch DUH-Chef; heute ist er 65 und führt die Organisation noch immer. Zu den Unternehmen, die er besonders intensiv anging, gehörte der einstige Daimler-Konzern, der immer wieder versuchte, mit allerlei juristischen Argumenten und Winkelzügen unbeschadet aus dem Dieselskandal hervorzugehen. Doch Resch ließ sich von den Mercedes-Anwälten weder beeindrucken noch abschrecken. Im Gegenteil: Er attackierte das Unternehmen und dessen damaligen Chef Dieter Zetsche vor zehn Jahren mit maximaler Härte. „Ich werfe Dieter Zetsche persönlich Körperverletzung mit Todesfolge in vielen Tausend Fällen vor“, erklärte er.

Harter Tobak – doch Mercedes-Dieselautos boten ihm mit ihren Abgaswerten in der Tat Angriffsfläche, die er mit brachialer Rhetorik zu nutzen wusste. Während VW Autos baute, die erkennen konnten, ob sie auf einem Prüfstand stehen und dann sauberere Abgase ausstießen, verkaufte Mercedes Autos ohne Betrugssoftware – was aber nichts daran änderte, dass sich auch bei ihnen eine gewaltige Diskrepanz zwischen realem Schadstoffausstoß und Testwerten auftat.

Beim Dieselskandal sah auch Mercedes nicht gut aus

Das Emissionskontrollinstitut des ehemaligen Umweltbundesamts-Abteilungsleiters Axel Friedrich testete für die DUH Tausende Fahrzeugmodelle, und Mercedes kam dabei schlecht weg. Hunderttausende Fahrzeuge mussten zurückgerufen werden, am Ende verhängte die Staatsanwaltschaft ein Bußgeld von 870 Millionen Euro.

Zetsche versuchte, den Skandal kommunikativ zu überwinden, doch auch hier fuhr Resch ihm in die Parade. Auf Einladung des damaligen Grünen-Chefs Cem Özdemir trat er 2017 vor dem Grünen-Bundesparteitag auf und zählte auf, was das Unternehmen alles für das Klima tue. Resch dagegen packte wieder sein Schwert aus und warf den deutschen Autobauern „kriminelle Energie“ und eine „konspirative Kumpanei mit dem Kraftfahrtbundesamt“ vor. „Es geht nicht um Schummeln, sondern um vorsätzlichen Betrug“, rief er den Delegierten zu.

Mit Ola Källenius endete die Eiszeit

Das Verhältnis zwischen der DUH und Daimler hätte kaum zerrütteter sein können, als 2019 Ola Källenius das Ruder bei Daimler übernahm und die Eiszeit beendete. Vom ersten Tag an fuhr er einen ambitionierten Elektrokurs – aus Überzeugung, wie Resch ihm bescheinigt. „Ich attestiere ihm, dass er sich sehr intensiv mit dem Klimaschutz beschäftigt“, sagt Resch unserer Zeitung. Die Kommunikation sei „ehrlich und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Das zeigt sich auch daran, dass ich ihn kurzfristig zu Gesprächen bekomme.“ Källenius schipperte mit Resch sogar auf dessen Elektroboot über den Bodensee.

Doch das überaus positive Bild, das der neue Konzernchef in den Augen des prominentesten Kritikers der Autobranche abgab, hielt nicht allzu lange. Dass es bald Risse bekam, hängt nach Reschs Ansicht mit der Bundestagswahl im vergangenen Frühjahr zusammen. „Zu Beginn der Ampelkoalition hatte Källenius die größte Offenheit – nicht nur im Austausch, sondern auch in Form einer echten Bereitschaft zur Veränderung“, sagt Resch.

Der Mercedes-Chef hat sich verändert, sagt Resch

Doch das Scheitern der Ampel und die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler im Mai veränderten nach Reschs Einschätzung die Haltung des Mercedes-Chefs. „Seither erlebe ich einen anderen Ola Källenius“, so der DUH-Chef. „Man kann zwar immer noch mit ihm diskutieren, aber heute macht er Ansagen und versucht zu erklären, warum es genau so gehen muss, wie er es für richtig hält.“

Einst war Källenius Elektro-Avantgardist, der schon ab 2030 möglichst keine Verbrenner mehr bauen wollte. Dann erklärte er, Verbrenner werde es so lange geben, wie die Kunden es wollen – also weit in die Dreißigerjahre hinein. Diesen Kurswechsel nimmt Resch ihm übel.

Mercedes-Chef setzte sich auf EU-Ebene für Verbrenner ein

Als Chef des europäischen Autoherstellerverbands Acea setzte sich Källenius nun monatelang massiv gegen das lange von der EU geplante Verbrennerverbot ein, das im Dezember auch tatsächlich gekippt, zumindest abgeschwächt wurde. Mit dem neuen Amt als Acea-Chef sage Källenius zwar, „dass er jetzt nicht mehr nur für Mercedes spreche“, so Resch. „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass er sich da verbiegen muss. Vielmehr hat er selbst innerhalb von Acea eine besonders pointierte Position, was die Verzögerung der Elektromobilität angeht.“

Mittlerweile ist die einstige Begeisterung der Ernüchterung gewichen. Källenius, so Resch, sei ein „Menschenfänger, der auf der persönlichen Ebene mit hoher Wertschätzung arbeitet. Was die Performance bei klimaverträglichen Pkw angeht, bin ich aber zutiefst enttäuscht von ihm.“

„Mit dem Elektro-CLA habe das Unternehmen zwar ein besonders sparsames Elektroauto auf den Markt gebracht – ansonsten aber setze Mercedes „auf ein Schaufahren gegen den Klimaschutz mit immer monströseren Geländewagen.“ Zugleich fehle es an „nützlichen und bezahlbaren Mercedes-Fahrzeugen für die breite Masse und für Berufsgruppen wie etwa Pflegedienste“.