Nach getaner Arbeit: Nina Pfarr mit Hündin Finja im Hafen Weil am Rhein. Mehr Bilder finden Sie in unserer Galerie. Foto: Annette Mohl

Er gilt als einer der zehn gefährlichsten Holzschädlinge weltweit: Der Laubholzbockkäfer. Wo sich der Käfer einnistet, sterben die Wälder. Verhindern können das nur speziell ausgebildete Spürhunde.

Weil am Rhein - Finja, eine neunjährige Labradorhündin, und ihre Tochter Emily, vier Jahre alt, sind aufgeregt. Arbeit wartet auf sie. Wieder sind mehrere Container Granitpflaster im Hafen von Weil am Rhein angekommen. Und der Granit wird durch Holzlatten zusammengehalten. Darin könnten sie sitzen: bis zu vier Zentimeter lange Asiatische Laubholzbockkäfer oder ihre Larven. Finja und Emily wissen: Wenn Nina Pfarr sie in die Container lässt, ist Käfersuche angesagt. Die 33-Jährige ist Hundetrainerin und hat bisher schon Jagd- und Polizeihunde ausgebildet. Dann kam die Anfrage vom Regierungspräsidium in Freiburg, ob sie die Labradore nicht auf Anoplophora ansetzen könnte, wie der Käfer lateinisch heißt.

Inzwischen hat Nina Pfarr beim Regierungspräsidium einen Werkvertrag. Zuvor hat sie mit Finja und Emily die „Basisausbildung zum Anoplophora-Spürhunde-Team“ in Ossiach (Österreich) absolviert, das bisher einzige zertifizierte Trainingsprogramm. Zweimal eine Woche lang lernte Pfarr alles über den Käfer, seine Verbreitung, Schadbilder und Verwechslungsmöglichkeiten. Dann nahm sie Geruchsmaterial für die Hunde mit nach Hause. Die übten ein halbes Jahr bis zur Prüfung in Ossiach. Gemeinsam sind alle drei nun ein zertifiziertes Anoplophora-Spürhundeteam. 32 solcher Teams gibt es in Europa mittlerweile, nur fünf in Deutschland.

Erfolgsquote der Hunde liegt bei 80 bis 85 Prozent

Finja und Emily sind inzwischen Profis: „Ihre Erfolgsquote liegt bei 80 bis 85 Prozent“, sagt Nina Pfarr. „Klar werden sie mal durch eine Katze abgelenkt“, schmunzelt sie. Aber zuverlässiger und vor allem schneller könnten auch Menschen nicht suchen. „Sie brauchen nur ein Viertel der Zeit“, sagt Pfarr stolz. „Eine normale Lieferung – zehn Container – schaffen sie in einer Stunde.“

Sobald ein Schiff mit chinesischem Granit im Hafen einläuft, werden die Container geöffnet und erst einmal gut gelüftet. Denn die Ladung muss – so sind die Auflagen – in China mit einem hochgiftigen Gas bedampft werden, damit Käfer und Larven absterben. Dieses Methylbromid ist ein sehr schweres Umweltgift und im öffentlichen Bereich nicht zugelassen. Deshalb muss es entweichen, damit Mensch und Tier nicht damit in Berührung kommen. Einige Unternehmen in China sparen sich die Begasung aber offensichtlich, dann können die Käfer ungehindert auf Reisen gehen.

Finja und Emily machen sich über die Granitbündel her – und werden zum Glück selten fündig. Der erste Käfer im Weiler Hafen wurde 2012 per Zufall von Hermann Meiers Labradorhündin Rika aus Ellwangen entdeckt, die ebenfalls ausgebildet ist. „Rika lief auf einen Ahornbaum direkt gegenüber der Rheinhafengesellschaft zu – und es war eine Larve drin“, erinnert sich Nina Pfarr. Sämtliche Bäume in dieser Hafenzone wurden darauf gefällt und verbrannt. Das Gebiet im Umkreis von zwei Kilometern ist seither Quarantänezone. Die Behörden fordern Spaziergänger auf Tafeln auf, sich umgehend zu melden, wenn sie den Käfer oder Larven finden. Und es wurden eigens Fangbäume gepflanzt – Ahornbäume, die der Schädling besonders liebt.

Laut EU-Bestimmung darf keinerlei Schnittgut die Quarantänegebiete verlassen. Zwei ehemalige Pflanzenschutzinspektoren kontrollieren dort im Zwei- bis Vier- Wochen-Rhythmus. Außerdem sind auch dort die Hunde im Einsatz. Der Rheinpark und das Waldgebiet auf der anderen Seite des Hafens werden ebenfalls laufend überprüft.

2011 tauchte der Käfer in der Schweiz auf

So gilt das Hafengebiet in Weil im Moment als käferfrei. Das gilt auch für das Rheingebiet um Bonn, wo der Eindringling schon weiter verbreitet war. Ein echtes Problemgebiet sei dagegen Feldkirchen beim Münchner Flughafen Riem, sagt Pfarr. Dort wurden die ersten Käfer vor sechs bis acht Jahren offenbar übersehen: Jetzt sind bereits 200 Hektar Wald von dem Schädling betroffen.

Auch in Feldkirchen gibt es ausgebildete Spürhunde. Trotzdem wurden auch Finja und Emily angefordert, um die dortigen Vierbeiner zu unterstützen. Dramatisch sei die Situation etwa auch in Korsika, sagt Nina Pfarr. Auch dort war sie jüngst einen Monat lang mit Emily und Finja im Einsatz. 2011 wurde der Käfer erstmals in der Schweiz nachgewiesen. Dort hat er sich flächig ausbreiten können, bei Winterthur etwa musste eine ganze Allee gefällt werden. Mit den Kollegen im Nachbarland arbeiten Pfarr und andere Spürhundeführer eng zusammen.

Experten sind sich einig: Wo der Käfer auftaucht, hilft nur der Kahlschlag. Der Schädling befällt kerngesunde Laubbäume und legt seine Eier unter der Borke ab. Die geschlüpfte Larve frisst sich durch den Stamm, die Säfte können nicht mehr richtig fließen. Der fertig entwickelte Käfer fliegt nach 20 Monaten durch ein kreisrundes Ausbohrloch aus. In den Hohlräumen, die der Käfer hinterlässt, können dann auch Pilze wachsen, die den Baum weiter schädigen. Nach drei bis vier Jahren geht er zugrunde.

Ahorn und Pappel sind zwar die Lieblingsbäume des Käfers. Grundsätzlich macht er aber vor keinem Laubbaum halt. Auch nicht vor Obstbäumen. Am ehesten ignoriert er noch Eiche und Nussbaum. Besonders hartnäckig ist der Schädling wegen seiner Anpassungsfähigkeit. „Er ist ein richtiger Überlebenskünstler und hat bereits eine Unterart gebildet“, berichtet Nina Pfarr über die Käfer in der Schweiz.

Das bestätigt Matthias von Wuthenau, Fachreferent für Pflanzengesundheit am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Karlsruhe: „Das Gefährliche an diesem Käfer ist, dass er in unserem Klima gut überleben und sich fortpflanzen kann. Außerdem sind die meisten Laubbäume für ihn als Wirtspflanze geeignet. Daher hat er ein großes Ausbreitungspotenzial.“ Andererseits seien die Käfer recht standorttreu und legten ihre Eier gerne in den gleichen Bäumen ab, aus denen sie geschlüpft sind: So ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit in der Regel nicht sehr groß.“ Eine schnelle Verbreitung durch eine Verschleppung mit befallenem Holz sei dennoch möglich. Wu­thenau sieht aber gute Chancen, einen Befall zu tilgen, wenn er rechtzeitig entdeckt wird.

Pflanzenschutzmittel, die gegen die kurzlebigen erwachsenen Käfer wirken, seien kaum für den öffentlichen Bereich zugelassen, sagt Wuthenau. Die Larven des Käfers könnten mehrere Jahre geschützt im Baumstamm leben. Die Injektion von Pflanzenschutzmitteln in den Stamm sei nicht immer effektiv und teuer. Deshalb sei es am sichersten, befallene Bäume zu fällen und zu entsorgen. In Amerika und Bayern werden auch Pheromonfallen eingesetzt. Doch auch die haben sich nicht bewährt: „Man hat genau null Käfer gefunden“, sagt Nina Pfarr.

Fachleute sind deshalb überzeugt, dass sich der Käfer – wie in den USA – in vielen Gebieten Europas ausbreiten wird, wenn er nicht gestoppt werden kann. Dazu bräuchte es zwar Jahrzehnte. Vielleicht, so die Hoffnung, würden sich irgendwann aber auch natürliche Gegenspieler finden. Dies ist offenbar in China der Fall, wo das Insekt wohl nur noch in Pappel-Monokulturen ein größeres Problem darstellt.

Darauf verlassen wollen sich die Behörden nicht. Am besten bewährt zur Abwehr haben sich Finja und Emily und ihre Artgenossen. Kein Wunder: Ihr Riechzentrum ist 40-mal größer als das des Menschen. Gerüche erkennen sie tausendfach besser als Menschen. Innerhalb von Sekunden orten sie ihr Suchobjekt – Käfer, Larven, Puppen, Zersetzungsprozesse, Kot und Speichel des Anoplophora. Im Einsatz beweisen sie Mut: Sie klettern in Container und werden per Hubsteiger oder mit Seiltechnik in die Baumkronen gehoben. Damit sie in Übung bleiben, versteckt Pfarr immer mal wieder einen mit dem Duft des Käfers präparierten Köder. Dann kratzen die Hunde mit den Pfoten – und warten auf ein Leckerli.

Für Nina Pfarr sind die Einsätze ebenfalls harte Arbeit: Sie muss Witterung und Windrichtung im Auge behalten und ihre Hunde „lesen“. Nach drei Arbeitstagen ist erst einmal Pause: „Dann gönnen wir uns einen oder zwei freie Tage“, lacht Pfarr.

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