Die zunehmende Trockenheit in vielen Regionen ist eine der Folgen des Klimawandels – doch wie schwierig Klimaschutz in der Praxis ist, zeigt ein Rollenspiel mit Studenten. Foto: dpa

Ein Professor der Hochschule Reutlingen lässt Studenten Klimakonferenzen nachspielen. Sie nutzen dabei die selben Klimamodelle, mit denen die Profis bei solchen Verhandlungen arbeiten.

Reutlingen - Die Vertreter der Entwicklungsländer sind nicht sehr komfortabel untergebracht. Statt auf Stühlen sitzen sie auf dem Boden oder auf den Heizkörpern. Auch das Catering lässt zu wünschen übrig. Während sich auf den Tischen der Delegationen aus den USA und Europa Getränke, Snacks und Früchte stapeln, müssen die Leute aus den ärmeren Regionen darben – so wie viele ihrer Landsleute zu Hause. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen haben, eröffnet der UN-Generalsekretär die Weltklimakonferenz.

Unterstützt von Fotos und Grafiken listet António Guterres die Folgen der Erderwärmung auf: Überschwemmungen, Wüstenbildung, häufigere und heftigere Unwetter, Millionen von Klimaflüchtlingen. Das alles klingt sehr überzeugend. Ungewöhnlich ist jedoch der Tagungsort: ein Seminarraum der Hochschule Reutlingen. Dorthin hat der UN-Generalsekretär, der in Wirklichkeit Florian Kapmeier heißt, 60 Bachelor- und Masterstudenten zum Rollenspiel World Climate eingeladen. Der Professor für Strategisches Management forscht zum Verständnis des Klimawandels.

Die Aufgabe der Spielteilnehmer: durch geringere Treibhausgasemissionen den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad oder besser 1,5 Grad begrenzen. Darauf haben sich die Teilnehmer des Pariser Weltklimagipfels 2015 geeinigt. Bei der Folgekonferenz in Bonn wurden diese Ziele kürzlich bestätigt. Rechtsverbindlich sind die versprochenen Emissionsminderungen aber nicht. Auch Deutschland tut sich schwer, seine Zusagen einzuhalten. Selbst wenn alle Paris-Unterzeichner ihr Versprechen erfüllen sollten, rechnen Experten bis 2100 mit einem Temperaturanstieg um 3,3 Grad.

„Ist das nicht cool?“

Läuft alles weiter wie bisher, könnten es sogar 4,2 Grad werden. Das ist die Zahl, die der Beamer zu Beginn des Reutlinger Klimagipfels an die Wand wirft. Errechnet wurde sie vom Simulationsmodell C-Roads, das auch die Profis bei Klimaverhandlungen nutzen. „Ist das nicht cool?“, fragt Kapmeier. Die Delegierten repräsentieren sechs Blöcke: USA, EU, andere Industrieländer, China, Indien und Entwicklungsländer.

Jede Gruppe soll erklären, wann ihre Treibhausgasemissionen den Höhepunkt erreichen und ab wann sie um wie viel Prozent pro Jahr sinken. Zudem müssen die Teilnehmer angeben, wie stark sich ihre Länder für den Erhalt bestehender und die Pflanzung neuer Wälder engagieren wollen. Jede Gruppe soll auch festlegen, wie viel sie in den globalen Fonds zur Förderung von Klimaschutzprojekten einzahlen oder daraus beanspruchen. Die Studenten wachsen schnell in ihre Rollen hinein. Bald erfüllt ein Stimmengewirr aus unterschiedlichen englischen Akzenten den Raum – wie auf einer echten internationalen Konferenz.

Ein Energielobbyist begibt sich zur US-Delegation, wo er beim Klimaleugner Donald Trump ein offenes Ohr findet. Ein Vertreter der US-Städte, die trotz der Absage ihrer Bundesregierung am Pariser Abkommen festhalten wollen, fordert die offiziellen US-Delegierten auf, mehr für die Finanzierung von Klimaschutzprojekten in ärmeren Ländern zu tun: „Gebt ihnen das Geld, wir können es uns leisten!“ Daneben verhandelt ein Delegierter aus China mit der Merkel-Darstellerin über finanzielle und technische Hilfen der EU und verspricht dafür ehrgeizigere Emissionsziele.

Schwieriger Weg zur Einigung

Am Ende der ersten Runde haben mit Ausnahme der USA alle Blöcke Treibhausgasminderungen zugesagt – die EU immerhin um drei Prozent pro Jahr von 2030 an. Doch das Urteil der Software ist ernüchternd: 3,2 Grad Erwärmung bis 2100. „Das reicht nicht, Sie müssen mehr tun!“, ruft Kapmeier. Mit Hilfe einer Kollegin „überflutet“ er die Delegierten der Entwicklungsländer mit einer blauen Folie, die den Anstieg des Meeresspiegels symbolisiert. Die Grafiken an der Wand zeigen, wie schwer die Aufgabe ist, vor der echte und gespielte Regierungsvertreter stehen: Obwohl die Emissionen aus fossilen Energien aufgrund ihrer Zusagen von 2060 an nicht mehr steigen, setzt sich der Temperaturanstieg fort. Der Grund: der CO2-Ausstoß liegt weiter über der Menge, die Pflanzen und Meeresalgen der Atmosphäre entziehen.

C-Roads wurde am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit Unterstützung der gemeinnützigen Organisation Climate Interactive entwickelt. Kapmeier hat mehrere Forschungsaufenthalte am MIT absolviert und ist Ansprechpartner von Climate Interactive im deutschsprachigen Raum. Beim Software-gestützten Rollenspiel World Climate können sich die Studenten selbst engagieren – und gleich das Ergebnis ihrer eigenen Entscheidungen sehen, erläutert Kapmeier. „Das bringt viel mehr, als wenn ich nur eine Vorlesung zum Thema Klimawandel halten würde.“

Hinter der übersichtlichen Benutzeroberfläche von C-Roads verbergen sich die Szenarien der Klimamodelle des Weltklimarats IPPC. Wer tiefer einsteigen will, kann die zugrunde liegenden Annahmen studieren und diese innerhalb bestimmter Grenzen verändern. „Natürlich handelt es sich bei den Ergebnissen um Modellrechnungen“, sagt Kapmeier. Doch die Trefferwahrscheinlichkeit sei hoch. So deckt sich etwa der Temperaturverlauf, den das Modell auf Basis der Treibhausgasemissionen seit 1850 errechnet hat, sehr gut mit den tatsächlich gemessenen Werten.

Ein dicker Brocken für Entwicklungsländer

Im Seminarraum hat die zweite Verhandlungsrunde begonnen. Es fällt auf, dass die Delegierten stärkere Klimaschutzbemühungen ihrer Länder nun an Bedingungen knüpfen. „Wir reduzieren unsere Emissionen jährlich um zwei Prozent, wenn die anderen entwickelten Länder mitmachen“, sagt der Vertreter Indiens. Die Entwicklungsländer verlangen von den reicheren Ländern 650 Milliarden Dollar für Klimaschutzinvestitionen (der echte Klimafonds soll gerade einmal 100 Milliarden umfassen) und versprechen dafür eine höhere Emissionsminderung von 1,8 Prozent im Jahr. Die USA wollen den CO2-Ausstoß nun doch etwas senken, aber nur wenn China und Indien mehr tun als bisher zugesagt.

Nun liegt der Temperaturanstieg bei 2,5 Grad. Es geht in die Verlängerung. Angebote werden durch den Raum gerufen. Die US-Städte bieten 200 Millionen für den Klimafonds, zu dem sogar die Energielobby etwas beisteuern will. Das Geld soll aber nur fließen, wenn alle anderen Länder spätestens 2030 beginnen, ihre Emissionen zu senken. Das ist besonders für die Entwicklungsländer, die ihre Bevölkerung aus der Armut holen wollen, ein dicker Brocken.

Bei jedem neuen Vorschlag dürfen die Studenten raten, was er wohl für das Gesamtergebnis bringen mag. Dabei wird schnell deutlich, dass nur alle Länder gemeinsam den Klimawandel wirksam bremsen können. Kapmeier zitiert Angela Merkel: „Es reicht nicht, wenn nur die Industrieländer CO2-neutral werden.“ Nach langem Hin und Her stehen endlich die ersehnten zwei Grad an der Wand. Kapmeier legt Sakko und Krawatte ab – und damit auch die Rolle des UN-Generalsekretärs.

Das Rollenspiel World Climate

Simulation:
Basis des Rollenspiels World Climate ist das Simulationsmodell C-Roads. Das anhand wissenschaftlich anerkannter Klimamodelle kalibrierte Modell berechnet in Echtzeit den Einfluss der Treibhausgasemissionen auf die Erderwärmung, den Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Ozeane und weitere Zielgrößen. Auswirkungen der Klimaschutzmaßnahmen auf ökonomische Kennzahlen wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosigkeit werden nicht quantifiziert. Florian Kapmeier, Professor an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen, geht jedoch von einer „positiven Klimadividende“ aus – unter anderem durch Effizienzverbesserungen und weiter sinkende Kosten für saubere Energietechnik.

Schulen : Mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg ist eine Weiterbildungsreihe für Lehrer der Sekundarstufe 2 geplant, die World Climate mit Schülern spielen wollen. So sollen künftige Entscheider ein besseres Bild vom Klimawandel und seinen Auswirkungen bekommen. Kostenlose Software und Informationen gibt es auch im Netz: www.climateinteractive.org.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: