Umstrukturierung bei Daimler Konzerne setzen auf Abspaltung von Sparten

Von Barbara Schäder 

Siemens hat schon mehrere Teilungen hinter sich. Foto: Siemens
Siemens hat schon mehrere Teilungen hinter sich. Foto: Siemens

Der Autobauer Daimler will Pkw- und Lkw-Sparte zu rechtlich eigenständigen Einheiten ausbauen. Andere Konzerne gehen noch weiter: Sie haben in den vergangenen Jahren ganze Geschäftsfelder abgestoßen oder planen einen Börsengang für einzelne Töchter.

Frankfurt - Deutsche Manager haben ein neues Lieblingswort: Die Fokussierung. Waren früher Synergieeffekte in aller Munde, so soll jetzt die Konzentration auf genau abgezirkelte Geschäftsbereiche den Erfolg bringen. Jüngstes Beispiel für diesen Trend ist der Autohersteller Daimler, der seine Pkw- und die Lkw-Sparte in rechtlich selbstständige Einheiten verwandeln will. Entschieden ist zwar noch nichts – eine Umsetzung der am Montag vorgestellten Pläne würde aber in die Zeit passen. Denn andere Großkonzerne sind schon einen Schritt weiter gegangen und haben ganze Geschäftsfelder abgespalten.

Warum will sich Daimler neu aufstellen?

Der Konzern argumentiert, als selbstständige Einheiten wären die Pkw- und Lkw-Sparte näher an ihren jeweiligen Kunden. Außerdem könnten sie schneller auf Änderungen des Marktumfelds, beispielsweise neue Wettbewerber, reagieren. Zudem solle jede Einheit „eine stärkere unternehmerische Verantwortung“ erhalten. Der Analyst Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg fände dies sinnvoll: „Dass bei Fehlern am Ende niemand zuständig ist, wird damit seltener vorkommen.“ Christian Ludwig vom Bankhaus Lampe dagegen sagt: „Die Eigenverantwortung der einzelnen Sparten hätte man auch in der bestehenden Struktur stärken können.“ Auch Christian Breitsprecher von der Investmentbank Macquarie meint, Kundennähe, Flexibilität und Zuordnung von Verantwortlichkeiten seien „eher eine Frage der betrieblichen Abläufe“.

Ist der Umbau ein erster Schritt zu einer Spaltung?

Laut Daimler-Konzern ist „keine Trennung von einzelnen Geschäftsbereichen vorgesehen“. Bankanalyst Ludwig meint allerdings: „Die einzig überzeugende Erklärung für eine Umstrukturierung wäre, dass man zumindest Teile der Einzel-AGs an die Börse bringen will. Das wäre die logische Konsequenz. Volvo als reiner Lkw-Hersteller und BMW als reiner Pkw-Bauer schneiden beim Aktienkurs besser ab als Daimler.“ Auch LBBW-Analyst Biller geht davon aus, dass Daimler sich zumindest den Spielraum für Teilverkäufe zu einem späteren Zeitpunkt schaffen will. „Wenn sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag Verkäufe ausschließen würden, würde ich sagen: Die neue rechtliche Struktur brauchen wir nicht.“ Die Ausgangslage für etwaige Teilverkäufe zu verbessern, sei angesichts der Umbrüche in der Autobranche „sicher kein Fehler“. Die von Daimler ausgesprochenen Jobgarantie bis Ende 2029 stehe dem nicht entgegen. „Das wäre nur dann ein Widerspruch, wenn Verkäufe kurzfristig geplant wären.“ Macquarie-Analyst Ludwig weist zudem daraufhin, dass Daimler zwar Entlassungen ausgeschlossen hat – nicht aber den Abbau von Stellen in anderer Form.

Gibt es Vorbilder für eine Aufspaltung?

In den letzten Jahren haben mehrere deutsche Großkonzerne zu diesem Mittel gegriffen. Beispiel Metro: Der Handelskonzern hat im Sommer die Elektrofachgeschäfte Saturn und Media Markt unter dem Namen „Ceconomy“ ausgegliedert. An der Börse führt das neue Unternehmen jetzt ein Eigenleben. Wer Metro-Aktien kauft, erwirbt damit nur noch Anteile an der Lebensmittelsparte – also an den Metro-Großmärkten und der Supermarktkette Real. Schon vor einem Jahr gingen mit „Uniper“ und „Innogy“ zwei Spaltprodukte der Stromkonzerne Eon und RWE an die Börse. 2015 debütierte „Covestro“ auf dem Frankfurter Parkett, eine Bayer-Tochter, an der Chemiekonzern mittlerweile weniger als 25 Prozent hält. Und bei Siemens „ist die Spaltung fast schon ein Geschäftsmodell“, so Marc Tüngler, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Chiphersteller Infineon und der Beleuchtungsspezialist Osram sind frühere Siemens-Töchter. Nächstes Jahr wollen die Münchner unter dem Namen „Healthineers“ ihre Medizintechnik an die Börse bringen.

Was heißt das für die Aktionäre?

„Das Herausfiletieren von Einheiten hat in den letzten Jahren immer Mehrwert geschaffen“, sagt Aktionärsschützer Tüngler. Entscheidender Vorteil sei „die Konzentration der Kräfte auf ein bestimmtes Geschäftsfeld“. Zudem könne der Verkauf einzelner Töchter beim Mutterkonzern neue Kräfte freisetzen – so füllte der Covestro-Verkauf bei Bayer die Kassen für die Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto. Auch Olaf Stotz, Professor an der Frankfurt School of Finance, sieht mehr Argumente „für eine starke Fokussierung als für Diversifikation“. Denn: „In einem großen Mischkonzern kann man sich verzetteln, so dass die Prioritäten falsch gesetzt werden.“ Daimler allerdings ist kein Mischkonzern wie Siemens. Zwischen Lkw- und Pkw-Sparte gebe es Synergien, die gewahrt werden müssten, mahnt Tüngler. Auch Stotz betont, die Aufspaltung von Konzernen sei kein Patentrezept. Der Trend zu Teilungen und neuen Zusammenschlüssen werde derzeit auch „von den Finanzinstituten befeuert“. Die Banken verdienen nämlich an der Begleitung von Börsengängen, Übernahmen und Fusionen – und angesichts der niedrigen Zinsen werden diese Einnahmen immer wichtiger.

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