Werner Wölfle im vergangenen Jahr beim Fair-Trade-Markt im Rathaus Foto: Max Kovalenko Foto:  

Die Stadt Stuttgart wirbt damit, sich für fairen Handel einzusetzen. Doch mit Primark zieht eine Modekette nach Stuttgart, die wegen ihrer Produktionsbedingungen häufig in der Kritik steht.

Stuttgart - Die umstrittene Modekette Primark eröffnet ihre Filiale im Oktober im neuen Einkaufszentrum Milaneo – und damit in der Stadt Stuttgart, die seit Herbst 2013 als Fair-Trade-Kommune ausgezeichnet ist. Das Siegel bekam die Landeshauptstadt von Transfair Deutschland verliehen, weil sie den Kauf und Verkauf fair gehandelter Produkte unterstützt und damit zum verantwortungsvollen Konsum anleiten will.

Doch wie passt zu diesem Ansatz der Einzug einer Billig-Modekette, die wegen ihrer Produktionsbedingungen immer wieder massiv in die Kritik gerät? „Das ist eine gute Frage“, sagt Bürgermeister Werner Wölfle (Grüne), der für Fair Trade in Stuttgart zuständig ist.

Allerdings könne die Stadt nicht verhindern, dass ein Investor an Firmen vermietet, die nicht die Standards einer fairen Produktion vertreten. „Es ist auch gut so, dass wir dort nicht eingreifen können“, ergänzt Wölfle. Eingreifen möchte auch nicht die ECE, Betreiber des Einkaufszentrums Milaneo. „Die Stellungnahmen von Primark zeigen uns, dass das Unternehmen die Anschuldigungen ernst nimmt“, sagt Unternehmenssprecher Christian Stamerjohanns. Die Öffentlichkeit sowie die Textilbranche werde immer sensibler, was Themen wie Produktionsbedingungen und die Art der Beschäftigungsverhältnisse angehe. Unternehmen werden laut Stamerjohanns vom Kunden abgestraft, wenn sie sich nicht ändern: „Hier setzen wir auf den aufgeklärten Kunden und die Kraft des Marktes.“ Die Stadt kann laut Wölfle auf den Markt nur indirekt Einfluss nehmen, indem sie Unternehmen mit Fair-Trade-Produkten unterstützt und die Stuttgarter über die Folgen von Geschäftsmodellen wie das von Primark aufmerksam macht. Das geschieht in Stuttgart beispielsweise mit einem Einkaufsführer, der auf der Internetseite der Stadt Stuttgart und in den Stadtbezirken erhältlich ist. Momentan steht Wölfle in Gesprächen mit dem Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), um die Stuttgarter Ga­stronomie von fair gehandelten Produkten zu überzeugen. „Bei kleineren Gastronomie-Betrieben hapert es oft noch“, bemängelt Wölfle.

Den Titel als Fair-Trade-Stadt erlangte Stuttgart, weil zwei Drittel der 23 Stadtbezirke die Bedingungen von Transfair Deutschland erfüllen. Diese beinhalten einen Ratsbeschluss, Fair-Trade-Stadt werden zu wollen, sowie den Ausschank von fairem Kaffee bei Ratssitzungen. Außerdem muss eine Organisationsgruppe eingeführt werden, die sich um das Thema kümmert. Darüber hinaus müssen Schulen, Kirchen und Vereine gezielt Bildungsarbeit leisten und Betriebe das Projekt unterstützen. In Stuttgart war Degerloch der erste Bezirk, der die notwendigen Kriterien nachweisen konnte.

Doch auch wenn bereits Interesse an dem Thema in der Öffentlichkeit geweckt wurde, stößt Wölfle nicht nur bei seiner politischen Arbeit auf Widerstand: „Kürzlich wollte meine Tochter nach Karlsruhe zum Primark fahren. Ihr Vorhaben hatte eine 15-minütige Diskussion mit mir zur Folge“, sagt der Bürgermeister. Am Ende habe er sie davon überzeugen können, auf das günstige Einkaufserlebnis zu verzichten.

Doch wie Wölfles Tochter geht es vielen Bürgern, die entweder von den oft unmenschlichen Zuständen in der Textilproduktion nichts wissen oder keine fairen Alternativen finden. „Viele Konsumenten würden sich auch für ein teureres Kleidungsstück entscheiden, wenn klar erkennbar ist, dass es unter fairen Bedingungen entstand“, sagt Wölfle. Er sieht daher die Bundesregierung in der Pflicht, ein einheitliches und verlässliches Fair-Trade-Siegel einzuführen.

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