Trotz der Umstellung der Gymnasien im Land auf eine neunjährige Schulzeit dürften diese noch G8-Züge einrichten. Doch kaum eine Schule will das. Die Parallelführung sei zu kompliziert, der Elternwille eindeutig. Nur ein Stuttgarter Gymnasium sieht das anders.
Die Umstellung vom achtjährigen zurück zum neunjährigen Gymnasium fällt in Stuttgart deutlicher aus als gedacht. Reine G8-Schulen sollte es ohnehin keine mehr geben, machte das Land früh deutlich, aber G8-Züge schon. Bis jetzt aber hat sich nur ein Gymnasium in der Landeshauptstadt entschieden, noch eine G8-Klasse einzurichten. Alle anderen wollten „komplett auf G9 umsteigen“, sagt Manfred Birk, Schulleiter des Dillmann-Gymnasiums und Geschäftsführender Schulleiter der Gymnasien in Stuttgart. „In dieser Deutlichkeit habe ich das nicht erwartet.“ Nur in einem weiteren der 25 öffentlichen Gymnasien Stuttgarts laufe der Entscheidungsprozess noch.
Wirklich verwundert ist Birk über die Entwicklung aber nicht. „Im Detail ist das ziemlich fuchsig“, sagt der Schulleiter über eine Parallelführung von G9 und G8. Auch das Dillmann-Gymnasium hat sich dagegen entschieden. Da das neue G9 nur ein gedehntes G8 sei und dadurch „weniger Wochenstunden hat, passt das nicht mehr zusammen“. Insbesondere für kleinere Schulen sei es etwa in klassenübergreifenden Fächern wie Religion, NWT oder in den Fremdsprachen schwierig, „die Stundenzahl übereinzubringen“, so Birk.
Die Kritik der Eltern über anfängliche G8-Pläne war groß
Vor allem aber geht an den allermeisten Gymnasien der Elternwille klar zu G9. „Die Anmeldungen sind alle pro G9“, sagt etwa Daniel Steiner, der Leiter des privaten evangelischen Mörike-Gymnasiums. Dort hatte man anfangs erwogen, als Privatschule ganz bei G8 zu bleiben. Doch die Kritik von Eltern war groß. Heute ist G8 oder G9 auch für den Schulleiter keine Frage mehr. Die anderen acht privaten Stuttgarter Gymnasien stellen ebenfalls auf G9 um.
Man habe zunächst zu wenige Informationen über den Gang der Dinge gehabt, erklärt Steiner seine anfängliche Überlegung. Nun sei klar: Man hätte gar nicht mit dem eingeübten G8-Modell weitermachen können. „Auch bei G8 sind Änderungen vorgesehen“, sagt der Schulleiter. „Und die führen nicht zu Verbesserungen.“ Zwei verschiedene Züge nebeneinander könne man nicht organisieren. Der Schulleiter geht sogar davon aus, dass die Umstellung auf das neue G8 für das Lehrerkollegium insgesamt aufwendiger wäre als der Übergang zu G9.
Künftig weniger Freiheit für Schulschwerpunkte
Die Setzung von eigenen Schwerpunkten sei im neuen G8 im Vergleich zu vorher genauso deutlich eingeschränkt wie bei G9. Beim Mörike, das rund 800 Schüler hat, davon 530 im Gymnasium, waren das bisher etwa Musik und Religion. Steiner fragt sich als Privatschulrektor sogar, ob hier nicht „ein Eingriff in die Privatschulfreiheit“ vorliege.
Auch Birk vom Dillmann-Gymnasium sieht hier ein Manko der Schulreform. Die bisherigen sogenannten Poolstunden mit Gestaltungsfreiheit seien zum Großteil nun fest zugeordnet, etwas für Klassenlehrerstunden, Coaching und anderes, bei Schulen mit bilingualen Zügen sei dies noch weiter eingeschränkt.
Das einzige Stuttgarter Gymnasium, das sich für einen neuen G8-Zug entschieden hat, ist das humanistische Karls-Gymnasium in der Innenstadt. Im Sinne der individuellen Förderung der Schüler sollten diese auch „die individuelle Wahl zwischen einem langsameren und einem schnelleren Zug haben“, findet der Schulleiter Dieter Elsässer. Und so wird das dreizügige Gymnasium mit knapp 600 Schülerinnen und Schülern künftig einen G9- und einen G8-Zug haben, zum vorhandenen Hochbegabtenzug mit G8.
„Das ist unser Spirit“, sagt der Schulleiter
Damit entspreche man auch den „Rückmeldungen der Eltern“, sagt der Schulleiter, von denen ein Teil sich für G9, ein anderer für G8 ausgesprochen habe. Dass das Lehrerkollegium sich diese Parallelität zutraut, liege „an der DNA der Schule“, sagt Elsässer. „Das hat bei uns Tradition.“ Denn das Karls-Gymnasium gehörte zu den nur drei Einrichtungen, die schon 1991 als „Pilotschulen“ frühzeitig G8 im Land ausprobierten. Als G8 in die Breite ging, startete man am Karls-Gymnasium „G8 plus“, aus dem 2006 der Hochbegabtenzug hervorging. Auch für Elsässer ist klar: Beide Züge, G9 und G8, müssen an den Schulen „neu entwickelt werden“. Aber das schreckt das Kollegium an dem Gymnasium nicht. „Wir sind es gewöhnt, mehrere Züge parallel zu haben und den Schülern mehrere Angebote zu machen“, sagt der Rektor. „Das ist unser Spirit.“
Am dreizügigen Königin-Katharina-Stift in Stuttgart-Mitte, das seit 2009 ebenfalls einen Hochbegabtenzug hat, sieht man das anders und stellt komplett auf G9 um. Nicht nur, dass „G9 für alle viel einfacher zu handhaben ist“, hat die Schulleiterin Kathrin von Vacano-Grohmann mit dem Kollegium und der Elternschaft bewogen, sich für das zusätzliche Schuljahr zu entscheiden. Das gilt auch für die Hochbegabtenklassen. „Gerade diesen Kindern tut dieses Jahr gut“, erklärt die Schulleiterin den Schritt.
Wieder Auslandsaufenthalte in der Schulzeit?
Unter den rund 650 Schülerinnen und Schülern seien gerade jene der Hochbegabtenklassen oft am jüngsten, „weil sie früh eingeschult wurden“, sagt Kathrin von Vacano-Grohmann. Wenn diese zum Teil schon mit 16 Abitur machten, könnten sie noch nicht einmal ein FSJ machen oder richtig studieren. Und diese Schüler hätten oft „sehr vielfältige Interessen“, weiß die Leiterin des „Katzenstifts“, wie das Gymnasium im Volksmund auch heißt. Ob das nun Musik oder Sport sei oder Themen wie Robotik, denen sie auch an der Schule nachgehen. Man habe „ein breites AG-Programm“ an der Schule. Bei G8 sei der Stundenplan am Nachmittag sehr voll, betont Kathrin von Vacano-Grohmann.
Und das neue G9 biete den Schülern auch wieder den Freiraum für einen Auslandsaufenthalt während der Schulzeit. Jetzt könne man diese „wieder guten Gewissens ein halbes Jahr ins Ausland schicken“, erklärt die Schulleiterin. Gewiss gebe es für G9 wie für G8 Argumente, sagt Kathrin von Vacano-Grohmann. Und obwohl noch nicht geklärt ist, wie die nun entfallenden Schulstunden am Nachmittag gefüllt werden: Nach der Entscheidung für G9 hätten viele Eltern „aufgeatmet“.