Seit dem 1. Januar erhalten Patienten verschreibungspflichtige Medikamente nicht mehr über ein rosa-weißes Papierrezept, sondern auf digitalem Wege. Wie funktioniert die Umstellung in Apotheken und Praxen in und um Leonberg?
Ein kürzlich – unfreiwillig – aufgeschnapptes Gespräch am Freitagnachmittag zwischen einer Apothekerin irgendwo im Altkreis Leonberg und deren Kundin, die dringend ein Medikament benötigte. Das elektronische Rezept, welches sie auf ihrer Gesundheitskarte gespeichert wähnte, war von ihrem Arzt allerdings noch nicht unterschrieben, beziehungsweise noch nicht mit Hilfe eines Codes freigeschaltet.
Im Falle der Kundin eine schwierige Situation, da sie auf das Medikament angewiesen ist und es auch schon am Wochenende einnehmen musste. Ob sie ihren Arzt zu Beginn des Wochenendes noch erreichen konnte? Diese Frage bleibt zumindest hier offen.
Apotheker ist überrascht, wie gut die Umstellung funktioniert
„Wenn ein Arzt alle Rezepte erst abends signiert, ist das nicht optimal, vor allem dann, wenn ein Medikament dringend gebraucht wird“, sagt Manuel Caneri, Inhaber der Rathausapotheke in Rutesheim sowie der Markt-Apotheke in Weissach-Flacht, auf Nachfrage unserer Zeitung. Ansonsten ist Manuel Caneri „wirklich überrascht, wie reibungslos die Umstellung auf das E-Rezept zu Beginn des Jahres bei uns bereits funktioniert“.
Seit dem 1. Januar erhalten Patienten verschreibungspflichtige Medikamente nicht mehr über ein rosa-weißes Papierrezept, sondern auf digitalem Weg. Für sie soll die Umstellung mehr Komfort und weniger Wege in die Arztpraxis bedeuten, verspricht das Bundesministerium für Gesundheit. Die Einlösung bei der Apotheke kann über drei Möglichkeiten erfolgen: per elektronischer Gesundheitskarte (die dementsprechend auf dem neuesten Stand sein muss), per App mit dem Smartphone oder noch traditionell per Papierausdruck inklusive eines QR-Codes.
Viele Patienten sind noch irritiert
„Der aktuell häufigste Einlöseweg läuft über die elektronische Gesundheitskarte“, berichtet Miriam Sachs, Inhaberin der h&h Apotheke auf dem Leonberger Marktplatz, über ihre ersten Erfahrungen in diesem Jahr. Viele Patienten seien allerdings erst einmal irritiert, wenn sie in der Arztpraxis nicht mehr die altbekannten Papierrezepte erhielten, stattdessen mit der Versichertenkarte in die Apotheke geschickt werden. „Dort wird die Versichertenkarte eingesteckt, und die vom Arzt hinterlegten Verordnungen können damit abgerufen werden. So ist in der Apotheke vor Ort die E-Rezept-Einlösung einfach, schnell und auch ohne technische Vorkenntnisse für jeden möglich“, sagt Sachs. Der Nachteil des Weges über die elektronische Gesundheitskarte: Der Patient hat keinen Einblick mehr in die Verordnung. Daher hat er nach wie vor die Möglichkeit, sich das E-Rezept ausdrucken zu lassen. Oder aber er lädt sich die zugehörige sogenannte „Gematik-App“ auf sein Smartphone. Damit erhält er datengeschützt einen Überblick über die für ihn individuell erstellten E-Rezepte. Die Gematik GmbH – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskasse – wurde im Januar 2005 von Organisationen des deutschen Gesundheitswesen gegründet, um gemäß des gesetzlichen Auftrags die Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte und ihrer Infrastruktur in Deutschland voranzutreiben und zu koordinieren.
„Die Hürde, diese App einzurichten und bei der jeweiligen Krankenkasse freizuschalten, ist relativ hoch“, sagt Manuel Caneri, „doch wenn man es geschafft hat, gibt es viele Möglichkeiten für den Nutzer“. So könnten beispielsweise auch Angehörige, die sich um einen Patienten kümmerten, einen Blick auf die Medikation werfen und seien dadurch bestens informiert. Für die Apotheker gibt es einen weiteren kleinen Haken. „E-Rezepte sind nicht heilbar“, sagt Manuel Caneri. Hat sich ein Fehler eingeschlichen, könne dieser – wie bisher nach Rückfrage mit dem Arzt – nicht einfach auf dem rosa Zettel korrigiert werden, sondern es muss ein neues Rezept angefordert werden. „Das wiederum geht durch die neuen technischen Möglichkeiten nun auch telefonisch“, sagt der Apotheker.
Arztpraxen bekommen den Ärger ab
Bislang gemischte Erfahrungen hat Barbara Mergenthaler mit dem E-Rezept gemacht. Die Ärztin ist stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft Leonberg. Sie leitet mit ihrem Mann und einer weiteren Kollegin in Renningen eine Gemeinschaftspraxis für Allgemein- und Innere Medizin. „Wenn alles technisch irgendwann wunderbar funktioniert, kann es für die meisten Beteiligten eine Erleichterung sein.“ Doch derzeit hätten die Praxen noch mehr Zeitaufwand als vorher. „Die Computer stürzen regelmäßig ab, einzelne Rezepte sind bei Apotheken nicht abrufbar, manche Rezepte können nicht exportiert werden, da ist wohl jetzt die IT gefragt.“ Auf Grund dieser aktuellen Probleme bevorzugten es viele Ärzte, erst nach dem Ansturm in ihren Praxen die Rezepte freizugeben. „Das hält keiner in einer Praxis aus, wenn permanent der Computer abstürzt.“ Gewünscht hätte sich Mergenthaler im Vorfeld der Einführung der E-Rezepte mehr Aufklärungsarbeit seitens der Krankenkassen. „Der Ärger der Patienten, wenn es nicht funktioniert, landet in erster Linie bei uns.“ Erleichterung sieht die Ärztin beispielsweise bei der Ausstellung von Folgerezepten. Hier muss der Patient nicht mehr persönlich in die Praxis kommen – vorausgesetzt, seine Versichertenkarte wurde im jeweiligen Quartal bereits in der Praxis eingelesen. „Das wird etwas Ruhe bringen.“
Eine Krankmeldung bis zu fünf Tagen ist telefonisch möglich. „Hier ist mehr Eigenverantwortung des Patienten gefragt, sich bei Auffälligkeiten persönlich zu melden.“