Wer früher schon beim Umsonst & Draußen dabei war, kommt immer noch und bringt Kinder und Enkel mit. Foto: Corinna Pehar

Seit 40 Jahren gibt es das Umsonst & Draußen in Stuttgart-Vaihingen inzwischen. Die Welt hat sich seither weitergedreht, doch vieles ist noch genauso wie damals zu Beginn. Das ist einerseits gut und andererseits schlecht.

Stuttgart-Vaihingen - Zu hohe Mieten und zu wenig Wohnungen – vor 40 Jahren brannten den Stuttgartern dieselben Themen unter den Nägeln wie heute. Im Vorfeld der 1980 anstehenden Gemeinderatswahl wollten vor allem die Studenten mit dem damaligen OB Manfred Rommel ein Hühnchen rupfen. „Nach den verschiedenen Aktionen und Demos in der Stadt fand hier dann die Abschlussveranstaltung statt, das war die Geburtsstunde des Umsonst & Draußen“, erzählt Organisator und Festivalsprecher Roland Brömmel. Er selbst war erst im dritten Jahr als Gast dabei, seit 36 Jahren packt er mit an.

Die Gedanken dahinter seien dieselben geblieben

Was sich in den 40 Jahren verändert hat? Der 59-Jährige lacht und sagt: „Die Technik ist besser, aber der Gedanke, die Idee dahinter ist dieselbe geblieben.“ Den Veranstaltern gehe es seit jeher um Offenheit: „Das beginnt damit, dass wir eine offene Organisationsstruktur haben, unser Gelände nicht einzäunen und offen sind für die unterschiedlichsten Gruppen.“ So präsentieren sich unterschiedliche Initiativen und Organisation wie in diesem Jahr zum Beispiel die IBG Workcamps, die Jugendliche aus aller Welt zusammenbringen, oder die Freifunk Initiative, die sich für ein kostenloses WLAN einsetzt. „Sie versorgen unter anderem auch Unterkünfte von Geflüchteten, die so die einzige Kontaktmöglichkeit in die Heimat haben“, sagt Brömmel.

Das Umsonst & Draußen bietet nicht nur Musik, Kultur und Kulinarisches, sondern seit Anfang an auch ein politisches Forum mit unterschiedlichen Referenten, das sich jedes Jahr mit einem bestimmten Thema auseinandersetzt. „Wir hatten uns bereits für das Thema Faschismus im Alltag entschieden, ohne zu wissen, wie brisant es mittlerweile auch in der Öffentlichkeit geworden ist“, betont der Organisator und schiebt direkt nach: „Uns war die Brisanz schon immer klar, auch wenn der braune Bodensatz zugedeckter war, jetzt meldet er sich wieder zu Wort.“ Noch vor zehn Jahren habe es einen gesellschaftlichen Grundkonsens gegeben, dass rechte Parolen tabu sind. Mittlerweile würden Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder aufgrund einer Behinderung zunehmend offen diskriminiert.

Die Mehrheit dürfe nicht schweigen

Es gehe ihnen nicht nur um Rassismus, sondern weiter gefasst um Faschismus gegenüber sämtlichen Minderheiten. Egal ob am Arbeitsplatz, in der Kneipe, im Bus oder in den sozialen Medien: Hass und Hetze scheinen wieder salonfähig zu werden, meint er. „Wir wollen deutlich machen, das so was gar nicht geht“, sagt Roland Brömmel. Es sei heute mehr denn je wichtig, dass die Mehrheit nicht schweigt, sondern sich auf die Seite der Opfer stelle und Widerspruch leiste. „Offenheit, Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft – darum geht es uns“, stellt der U&D-Sprecher klar.

Genau diese Werte seien es, die die Besucher seit 40 Jahren teilen. „Die, die damals schon dabei waren, bringen heute ihre Kinder oder Enkel mit“, freut sich Roland Brömmel über das „super entspannte und friedliche Fest“. Jedes Jahr aufs Neue beeindrucke ihn vor allem das große Engagement des Helferteams: „Da kommen meist 100 Leute zusammen, die einfach mit anpacken“, schwärmt er über „unseren herrschaftsfreien Raum, in dem es keine Hierarchien und keine Befehlsstruktur gibt“. Dann lächelt er und sagt: „Wenn die Welt ein bisschen mehr so wäre wie die unsere hier, wäre sie zwar ein bisschen chaotischer, aber besser.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: