Stuttgart 21 Stuttgarter wollen ihre Eidechsen retten – vergeblich

Von Jürgen bock 

5000 bis 6000 Eidechsen droht auf den Flächen des Projekts Stuttgart 21 der Tod. Jetzt bieten Netzwerke von Hobbygärtnern der Bahn ihre Hilfe an.

Stuttgart - Mehrere Zauneidechsen sonnen sich auf einem Steinriegel. Der Wind streicht durch Obstbäume, die 100 Jahre alt sind. Hohes Gras für Schmetterlinge säumt den Weg, auch einen Unterschlupf für Igel gibt es. Eigens angelegte Totholzstapel bieten Eidechsen und anderen Tieren optimale Lebensbedingungen. Der große Naturgarten von Sonja Wieland ist ein Paradies für alles, was kreucht oder fleucht. Hier oben, in der Nähe von Rohrbronn im Rems-Murr-Kreis, lässt sich eindrucksvoll die Expertise von Wieland und ihren Mitstreitern besichtigen. Bis zu 6000 streng geschützten Stuttgarter Mauereidechsen, die dem Projekt Stuttgart 21 im Weg sind, wird das aber aller Voraussicht nach nichts nützen.

Wie berichtet findet die Bahn keine Ersatzflächen für die Tiere, die dem künftigen Abstellbahnhof in Untertürkheim weichen müssen. Nach der Prüfung von mehr als 200 Arealen in Stuttgart und angrenzenden Gebieten steht fest, dass demnächst eine Ausnahmegenehmigung für den Artenschutz beantragt wird. Das bedeutet: Die Tiere bleiben, wo sie sind – und sterben mutmaßlich. Ermöglichen müssten das die Naturschutzbehörden – und denen liegt bereits ein Gutachten im Auftrag der Stadt vor, in dem von weit über 100 000 Mauereidechsen in Stuttgart die Rede ist. Wohl genug, um gewisse Verluste in Kauf zu nehmen, wenn es gar nicht anders geht.

Das wollen Sonja Wieland und viele andere Hobbygärtner verhindern. Wieland ist nicht nur im Vorstand eines Nachbarschaftsgartens im Stuttgarter Osten, sondern betreibt auch auf Facebook die Gruppe Urban Gardening Stuttgart. Dort tauschen sich Tausende Gartenfreunde aus – und es ist nach der Berichterstattung in unserer Zeitung eine lebhafte Diskussion über die Eidechsen entstanden. Viele Gartenbesitzer haben dort, aber auch direkt bei der Bahn, ihre eigenen Flächen angeboten, um einige der Tiere aufzunehmen. Offerten kommen selbst aus Öhringen und Bayern. „Wir sprechen dabei häufig nicht von kleinen Hausgärten, sondern von großen Naturgärten mit reichlich Platz. Ich selbst könnte mir zum Beispiel bei mir gut einen weiteren Steinriegel vorstellen“, sagt Wieland.

Bahn: Auflagen sind zu hoch

Grundsätzlich stößt das bei der Bahn auf offene Ohren. „Wir begrüßen, dass die Öffentlichkeit zunehmend Verständnis für die Artenschutzanstrengungen von Bauherren aufbringt“, sagt ein Projektsprecher. Angebote von privater Seite gebe es immer dann gehäuft, wenn in den Medien über das Thema berichtet werde. Den Angeboten müsse man „allein schon aus rechtlichen Gründen nachgehen, um keine Option ungeprüft verstreichen zu lassen“. Die Vorschläge erfüllten jedoch häufig die einschlägigen Voraussetzungen für eine Umsiedlung nicht. Deshalb seien solche Angebote bisher „noch nie von Erfolg gekrönt gewesen“. Wo es sich lohne, steige man aber gern in eine vertiefte Prüfung ein.

Im Falle der Stuttgarter Hobbygärtner jetzt scheint das nicht der Fall zu sein. Alle Beteiligten haben von der Bahn ein Absageschreiben bekommen. Darin bedankt man sich zwar für die Angebote, listet aber eine ganze Reihe von Gründen auf, die es unmöglich machen, sie anzunehmen.

„Die Gartenflächen lassen eine Umsiedelung nicht zu“, heißt es da. Für eine stabile Population benötige man mindestens 100 erwachsene Tiere, das bedeute 8000 Quadratmeter Fläche. Die Futtergrundlage müsse stimmen. Es dürften keine Hauskatzen in der Nähe leben. Außerdem komme es auf Lage, Nutzung, Überwinterungsquartiere und vieles mehr an. Dazu kommt, dass die Stuttgarter Eidechsen in und rund um die Landeshauptstadt angesiedelt werden müssen.

Enttäuschung bei den Gartenfreunden

Die Gartenbesitzer sind enttäuscht und haben die Bahn aufgefordert, noch einmal über mögliche Lösungen nachzudenken. „Es ist klar, dass sich nicht jedes Grundstück eignet. Wer in Stuttgart hat schon 8000 Quadratmeter? Wir hätten uns aber gefreut, wenn man gemeinsam mit uns ein Konzept erarbeitet hätte, um die Tiere zu retten, anstatt eine pauschale Ablehnung zu schicken“, sagt Sonja Wieland. Denkbar sei zum Beispiel die Nutzung mehrerer zusammenhängender Gartengrundstücke gewesen. Möglichkeiten gebe es etwa auf der Wangener Höhe. „Da müsste die Bahn aber Angebote bündeln und sich damit auseinandersetzen. Das will man aber offenbar nicht.“

Die Ablehnung soll nun innerhalb des weit verzweigten Hobbygärtnernetzwerks diskutiert werden. Die Stuttgarter Eidechsen warten inzwischen darauf, ob und wann ihnen das letzte Stündlein schlägt.

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