Bio bleibt trotz hoher Inflation im Trend, doch die Kunden kaufen weniger im Fachhandel ein. Wird es jetzt kritisch für die Händler und Erzeuger in Stuttgart und im Land?
Eine Krise der Biofachgeschäfte? Davon ist an diesem späten Vormittag im Stuttgarter Osten nur auf den ersten Blick nichts spüren. Immer mehr Kunden kommen in die Gesunde Kost, einen der ältesten inhabergeführten Bioläden der Stadt. Sie kaufen vor allem Brot, Milch, Eier, Gemüse und Obst und verpackte Salate für den Mittagstisch, einen Tipp oder das Schwätzchen gibt es obendrauf.
Seit 17 Jahren betreibt Martin Rein sein Geschäft, fast jeden Kunden kennt er beim Namen. In den Coronajahren, als sich die Verbraucher oft zu Hause versorgten und mehr Geld für Frische und Qualität investierten, lernte er viele neue Namen dazu. 2021 lief es „Bombe“, wie er sagt, seine Umsätze schnellten um ein Fünftel nach oben. Dass sie in diesem Jahr um fast ein Drittel gefallen sind, könne er deshalb verschmerzen – noch. Zwar ist die Kundenfrequenz bisher nicht gesunken – die Einkaufbons sind aber niedriger als sonst. Auch wegen des unsicheren Lebensgefühls, wie Rein glaubt. „Real haben viele meiner Kunden nicht weniger Geld in der Tasche als sonst. Aber sie sorgen sich wegen ihrer Nachzahlungen etwa bei Strom und Gas und sparen.“
Statistisch gesehen geht es Rein etwas besser als anderen Biofachhändlern. Von Januar bis August dieses Jahres verloren Naturkostläden und Reformhäuser im Vorjahresvergleich 40,2 Prozent Umsatz, konstatiert das Marktforschungsunternehmen GfK auf Anfrage unserer Zeitung. Im Vergleich zu 2019 seien die Erträge aber nahezu stabil. Die oft günstigeren Bioketten, zu denen Denn’s Bio, Alnatura, die Bio Company, Basic und Naturgut zählen, verloren binnen Jahresfrist knapp zehn Prozent. Der Umsatz aller verkaufter Bioprodukte jedoch schrumpfte gegenüber dem Rekordjahr 2021 nur minimal. „Die Kunden setzen weiter auf Bio, aber sie kaufen günstiger ein“, erklärt GfK-Handelsexperte Robert Kecskes.
Das Sparverhalten kann man sich als Treppe vorstellen, bei denen die Verbraucher ja nach Geldbeutel und dem Wunsch nach Nachhaltigkeit auf unterschiedlichen Stufen beginnen: Von den Fachmärkten geht es zu den Biomarkenprodukten der Supermärkte. Auf der nächsten Stufe kommen die Biohandelsmarken, oder es folgt gleich der Preisschritt weiter hinab in die Discounter. Auf den untersten Stufen wird mit Bio derzeit das meiste Geld gemacht.
Dieses Einkaufsverhalten gilt wegen der gestiegenen Preise für Lebensmittel – im September lagen sie laut Statistischem Bundesamt fast 19 Prozent über dem Vorjahr – für den gesamten Lebensmitteleinzelhandel. Bei den Bioprodukten jedoch fiel die Preissteigerung wesentlich geringer aus, wie man auch beim Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) beobachtet. „Die Preise von konventionellen Lebensmitteln und Biolebensmitteln gleichen sich immer weiter an. Konventionelle Marken-Milchprodukte sind heute schon teils teurer als vergleichbare Bioprodukte“, sagt Geschäftsführerin Kathrin Jäckel. Ein Grund sei, dass die Preisexplosion bei den künstlichen Düngemitteln Biolandwirte nicht treffe. Zudem kooperieren sie viel stärker mit den Erzeugern vor Ort und sparen deshalb Transportkosten ein.
Auch deshalb sind Bioerzeuger prinzipiell krisenfest, vor allem wenn sie nicht nur den Fachhandel, sondern auch die Supermärkte beliefern. Der größte ökologische Anbauverband, Bioland, teilt mit, man sehe sich weiter auf gutem Kurs. Die Erzeugergemeinschaft Demeter – bekannt für besonders strenge Biokriterien – betont, ihre Mitglieder hätten im ersten Halbjahr nur zwischen drei und fünf Prozent weniger Umsatz erzielt – auch wegen „einer besonders starken Kundenbindung“.
Auch Karl Hässner, der 1980 auf der Filderebene einen der ersten „grünen Läden“ eröffnete und mittlerweile in der Region Stuttgart fünf Erdi-Märkte betreibt, sagt, die engen Beziehungen zu den Biolandwirten seien ein Erfolgsrezept. Deshalb liefen die Geschäfte auf beiden Seiten weiterhin gut – schon jetzt habe man wieder den Umsatz von 2019 erreicht.
Bei den Erdi-Märkten läuft es rund
Allerdings unterscheidet sich die Lage bei den Biofachgeschäften im Land teils erheblich. Wer auf eine große Stammkundschaft zählen kann, hat meist weiterhin genügend Geld in der Kasse. Man sei selbst überrascht, dass die Umsätze über jenen von 2019 lägen, heißt es etwa beim Hofladen und Direktvermarkter Sonnenhof in Bad Boll.
Geschäfte mit einem hohen Anteil der Energiekosten trifft es dennoch hart. Thilo Kauf etwa betreibt sechs Naturata-Geschäfte am Bodensee und in Oberschwaben. Mit den neuen Abschlägen würden die Stromkosten teils um das Dreifache steigen, betont er – es seien Fixkosten, die er nicht anderswo einsparen könne. Derzeit überlege er sich, bis zu zwei Filialen zu schließen.
Der Biomarkt erlebt eine der größten Veränderungen in seiner Geschichte. Wie stark sie die baden-württembergischen Erzeuger und Fachhändler betrifft, ist höchst individuell. Und manchmal auch überraschend. So hat Martin Rein in seinem Laden, von Backwaren abgesehen, in diesem Jahr die Preise kaum angehoben. Bei Obst und Gemüse stiegen sie gar nicht, auch weil er zu den Produzenten im Südwesten ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut habe. „Ich habe nie die Preise gedrückt. Und jetzt haben die meisten auf Preisaufschläge verzichtet, um Biofachmärkte wie meinen zu unterstützen“, sagt Rein. Das führt manche Kunden des Preises wegen auf der Biotreppe eine Stufe nach oben. „Alte Stammkunden, die einst wegen der Preise zu den Bioketten abgewandert waren, kommen jetzt wieder zurück.“