Iris Range hat sich lange kaum getraut, über ihre psychische Krankheit zu sprechen. Heute steht sie offen zu ihrer bipolaren Erkrankung. Wie kam es dazu? Und was erzählt sie von ihrem Leben?
„Ich bin bipolar“, sagt Iris Range aus Stuttgart-Ost. Ihre Krankheit drückt sich unter anderem durch starke Stimmungsschwankungen aus. Mal haben Betroffene kaum Antrieb, mal sind sie voller Energie.
In manischen Phasen könne es passieren, dass sie sehr viel mehr Geld ausgebe, als es ihr Budget eigentlich hergebe, sagt Iris Range. Depressive Phasen habe sie zwar keine mehr. Allerdings müsse sie regelmäßig Medikamente nehmen und sehr darauf achten, nicht zu viel Stress zu haben. „Die Krankheit gehört zu meinem Leben, aber bestimmt nicht alles“, sagt Range.
Was bedeutet bipolar?
Die 60-Jährige hat eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich. Während der Ausbildung zur Erzieherin hat sie zum ersten Mal Symptome. Trotzdem besteht sie den Abschluss und arbeitet in ihrem Beruf – bis es nicht mehr geht. Mittlerweile betreut sie in einem Minijob psychisch erkrankte Menschen als so genannte Genesungsbegleiterin im Katharinenhospital.
Lange begleitet hat sie die Frage, wie sie nach außen hin mit ihrer Krankheit umgeht. Soll sie sich vor möglichen negativen Reaktionen schützen – oder zu sich stehen und ehrlich sein? „Es wird immer brenzlig, wenn es heißt: Was arbeitest du?“, sagt Range. Dann sei es schwierig zu erklären, warum sie bereits eine Rente bekomme, ohne dabei über ihre Krankheit zu sprechen.
Männer wollten kein zweites Date
Sie hat erlebt, dass Kontakte versanden, bevor sich Freundschaften vertiefen können, wenn sie ehrlich ist. Auch Männer ließen es nach dem ersten Date zu keinem weiteren kommen, schildert Iris Range ihre Erfahrungen. Die Angst und die Scheu vor einer möglichen Konfrontation mit ihrer Krankheit sei groß, vermutet sie. Früher sprach sie deshalb oft nur ganz allgemein von einer chronischen Krankheit, die sie einschränke.
Das ist nun anders: 2024 nahm die Stuttgarterin an einer sogenannten IWS-Gruppe in Stuttgart teil. IWS steht für In-Würde-zu-sich-stehen. Angeboten wurde sie unter anderem in den Vereinsräumen der Offene Herberge – einer Selbsthilfeeinrichtung von und für Psychiatrie-Erfahrene. In vier Terminen beschäftigten sich die Teilnehmer mit den Vor- und Nachteilen eines Coming-Outs.
Die Leiter der IWS-Gruppen haben selbst eine psychische Krankheitsgeschichte. Elif Sarbalkan wohnt in Heilbronn und hat unter anderem die Gruppe von Iris Range geleitet. Manche Teilnehmer der Kurse seien erleichtert, wenn sie mit anderen offen über ihre Krankheit sprechen können, sagt Sarbalkan. Es belaste, ständig ein Geheimnis mit sich herumzutragen.
Ein teilweise offener Umgang mit der Krankheit könne dazu führen, dass andere Unterstützung anbieten. Es entstünden möglicherweise sogar neue Freundschaften. Dennoch müssten Betroffene bei einem Outing gegenüber ausgewählten Personen bedenken, dass Eingeweihte ihr Wissen vielleicht bedenkenlos weiter erzählen.
Im IWS-Kurs ging es auch darum, wie sich psychisch erkrankte Menschen selbst bezeichnen. Psycho, irre, krank oder krisenerfahren? „Negative Benennungen fallen den Leuten viele ein, mit positiven tut man sich schwer“, sagt Sarbalkan. Das sei Zeichen einer Selbst-Stigmatisierung.
Diskriminierung psychisch kranker Menschen
Elif Sarbalkan hat selbst erfahren, wie sie wegen ihrer Krankheit diskriminiert wurde. Nachbarn lästerten, als sie als alleinerziehende Witwe von zwei Kindern die Rollläden erst am Nachmittag hochzog, weil die Medikamente sie müde machten. Auch ihr damaliger Arbeitgeber nahm keine Rücksicht und trug sie oft für Morgenschichten ein. Zudem bekomme sie mit ihrer Diagnose keine Lebensversicherung. Selbst „Ärzte wissen oft nicht Bescheid“, sagt Sarbalkan. Manche reagierten merkwürdig, wenn sie von der Vorerkrankung Schizophrenie lesen würden.
Diskriminierung führe dazu, dass psychisch erkrankte Menschen oft von Einsamkeit und Armut betroffen seien, so Sarbalkan. Für Betroffene könne Diskriminierung sogar folgenschwerer sein als die Krankheit selber, sagt Nicolas Rüsch, Professor für Public Mental Health und Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg.
Konzept kommt aus den USA
Rüsch hat das IWS-Konzept vor gut zehn Jahren von seinem US-amerikanischen Kollegen Patrick Corrigan nach Deutschland gebracht und übersetzt. In den USA hieß die Gruppe ursprünglich Coming-Out-Proud, später Honest-Open-Proud.
Im Kurs gehe es nicht darum, die Teilnehmer davon zu überzeugen, sich zu outen. Er solle sie vielmehr bei der Entscheidung unterstützen ob – und wenn ja wie und wem gegenüber – sie sich öffnen wollen. Diese Entscheidung könne zwischen den beiden Extremen „ich will mich gar niemandem anvertrauen“ und „ich mache es öffentlich“ liegen.
Outing als Prüfung sozialer Kontakte
Die Teilnehmer reflektieren auch, wer sich als Adressat eignet. Um zu testen, ob eine Person mit dem Thema umgehen könne, schlägt das zum Kurs gehörige Begleitbuch vor, erst einmal über einen Star oder eine sonstige bekannte Person mit psychischer Erkrankung zu sprechen und die Reaktionen des Gegenübers abzuwarten.
Iris Range ist durch den Kurs sicherer geworden. Sie dreht nun manchmal den Spieß um. Statt Angst zu haben, dass Menschen sich von ihr abwenden, benutzt sie ihr Outing selbstbewusst als Prüfung: Wenn jemand nicht damit umgehen könne, lohne es sich nicht für sie, die Beziehung auszubauen.
Auch hat sie sich entschieden mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn das Bild von psychisch erkrankten Menschen sei in der Gesellschaft oft verzerrt. Sie würden, vor allem medial, oft mit Unberechenbarkeit und Gewalttaten in Verbindung gebracht. Stattdessen seien sie in aller Regel„liebe und liebesbedürftige Menschen“.
Studie
Wirksamkeit
Die Kurs-Reihe ist nun vorerst abgeschlossen. Eine Studie der Uni Ulm prüft derzeit die Wirksamkeit der IWS-Gruppen. Der Kurs von Iris Range gehörte zu den an acht Standorten in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen geprüften Gruppen. Ergebnisse seien im kommenden Jahr zu erwarten, sagt Nicolas Rüsch von der Uni Ulm. Er erhoffe sich, dass die Arbeit der IWS-Gruppen an den jeweiligen Standorten auch nach der Studie weiter betrieben werde, ergänzt er.