Die Gewerkschaft Verdi sieht hohe gesundheitliche Gefährdungen für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Dabei stützt sie sich auf eine neue umfassende Umfrage zur Arbeitszeit. Die fördert teils besondere Ergebnisse zu Tage.
Bringt die Arbeit speziell im öffentlichen Dienst immer höhere gesundheitliche Risiken mit sich? Diesen Eindruck erweckt eine aktuelle große Umfrage der Gewerkschaft Verdi. Darin sind die Antworten von knapp 258 000 Beschäftigten (zu 46 Prozent eigene Mitglieder) eingeflossen. Der Vorsitzende Frank Werneke nennt die Ergebnisse einen „Schrei nach Entlastung“, dem in den kommenden großen Tarifrunden ab Anfang nächsten Jahres nachgekommen werden soll. „Uns ist klar, dass es ein bisschen gegen den politischen Mainstream geht.“
Vier-Tage-Woche stößt eher auf Skepsis
Dass Politiker vor allem von Union und FDP derzeit eher mehr Arbeit organisieren wollten, entspreche nicht der Ausgangssituation der Beschäftigten. „Das sind alles Stimmen aus der politischen Blase, die nichts mit der Realität der Arbeitswelt zu tun haben.“ Unter den Beschäftigten gebe es vielmehr den weit verbreiteten Wunsch nach fest definierten zusätzlichen freien Zeiten. Eine formale Vier-Tage-Woche hingegen stößt demnach eher auf Skepsis im öffentlichen Dienst, weil die Wochenarbeitszeiten dort vielfach länger sind als in der Industrie.
Befragt nach Auswirkungen der Arbeitsbelastung auf die Gesundheit geben 66,9 Prozent der Teilnehmer an, dass sie sich sehr häufig bis oft in den vergangenen sechs Monaten nach der Arbeit leer und ausgebrannt gefühlt haben. Die Regeneration der Arbeitskraft sei oft nicht vollständig gegeben, schlussfolgert Verdi. Denn 65,6 Prozent meinen, sich in der arbeitsfreien Zeit nicht mehr richtig erholen zu können. Nur fünf Prozent geben an, dass sie all das in den vergangenen sechs Monaten nie erlebt haben.
Die Belastung sei besonders hoch, wenn in Wechselschicht oder Schicht gearbeitet beziehungsweise zu atypischen Arbeitszeiten oder in besonderen Arbeitsformen wie Bereitschaftsdiensten gearbeitet werde, erläutert Verdi-Vize Christine Behle. „Verheerend“ nennt sie die Erkenntnis, dass die Mehrheit den aktuellen Arbeitgeber nicht weiterempfehlen würde. Unter den Nachwuchskräften sei die Identifikation höher – da gebe es mehr Weiterempfehlende als unter den Tarifbeschäftigten und Beamten.
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten (56 Prozent) geht davon aus, nicht ohne gesundheitliche Schädigungen bis zum gesetzlichen Renteneintritt arbeiten zu können – was sogar von der Mehrheit der jungen Kräfte bis zu 34 Jahren geteilt wird. Derlei Sorgen äußern vor allem Erzieherinnen in den Kitas (86 Prozent), Pflegekräfte in Krankenhäusern (83), Müllwerker (70), medizinisch-therapeutische Kräfte in Kliniken und Fahrdienstbeschäftigte in Nahverkehrsunternehmen (jeweils 68 Prozent). Diese hohen Werte seien auch im Vergleich zu anderen Beschäftigtenbefragungen auffällig.
Verdi-Forderungsbeschluss am 9. Oktober
In der Gesamtmitgliedschaft von Verdi gebe es sehr viele Mitglieder aus der Generation der Babyboomer mit besonders langen Versicherungszeiten. Dort würden die laufenden Diskussionen über eine Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 als „Frechheit und Affront“ empfunden. Dies sei ein „Trauerspiel, was sich die Regierung an Debatte leistet“, kritisiert der Verdi-Chef.
Inwieweit konkrete Tarifforderungen aus der Umfrage resultieren, ist offen. Die Bundestarifkommission soll am 12. Juni „Leitplanken“ entwickeln und am 9. Oktober Beschlüsse fassen. Die erste Verhandlung mit Bund und Kommunen ist am 24. Januar. „Das wird aber keine reine Arbeitszeit-Tarifrunde sein“, sagt Werneke. „Unverändert steht die Einkommensfrage im Zentrum, auch wenn die Inflation nicht mehr so stark steigt.“