Nicht mehr gemeinsam für den TVB tätig: Jürgen und Michael Schweikardt (von links) Foto: imago/Jan Hübner

Geschäftsführer Jürgen Schweikardt löst beim TVB Stuttgart seinen Bruder Michael als Trainer ab, Vater Günter ist einer der Gesellschafter. Wie wird diese besondere Konstellation in der Handballszene gesehen? Eine Umfrage.

Enge verwandtschaftliche Beziehungen in leitenden Positionen sind im Profisport eher selten. Beim TVB Stuttgart prägt die Familie Schweikardt den Verein seit Jahrzehnten. Wie wird das bei Handball-Experten gesehen? Eine Umfrage vor der nächsten TVB-Partie am 24. November (16.30 Uhr) bei den Füchsen Berlin.

 

Bob Hanning (Geschäftsführer Füchse Berlin): „Wenn man auf das Projekt Stuttgart blickt und dabei sieht, was geschaffen wurde, kann man vor allen handelnden Personen nur den Hut ziehen. Den Blick auf Stuttgart als Handball-Standort in Deutschland sehe ich positiv und daran haben alle drei Schweikardts neben den großen Partnern entscheidenden Anteil. Was eine mögliche Machtfülle der Familie betrifft: Die Macht auf zwei oder drei Personen zu verteilen ist besser als auf eine“ (schmunzelt).

„In der Liga hoch angesehen“

Wolfgang Strobel (Geschäftsführer HBW Balingen-Weilstetten von 2015 bis 2023): „Ich habe als Geschäftsführer zweimal den Vertrag mit meinem Bruder Martin verlängert und weiß deshalb aus eigener Erfahrung, dass dies besondere Situationen sind, die es zu meistern gilt. Was den TVB betrifft, gilt es zunächst einmal festzuhalten, dass in den vergangenen wahrscheinlich rund 40 Jahren einige Handballclubs versucht haben, in Stuttgart Fuß zu fassen. Scharnhausen, Pfullingen, Kornwestheim – alle sind sie krachend gescheitert. Zumindest ohne Günter und Jürgen Schweikardt, ohne ihre Pläne, Konzepte und Strategien hätte das niemals funktioniert. Diese überragende Leistung wird von vielen, gerade auch in der Liga, unheimlich hoch angesehen. So wie sie die Schritte vom Dorfverein in Bittenfeld zunächst in die Scharrena und dann in die Porsche-Arena gegangen sind, so müssen in diesem Prozess nun auch die nächsten Steps folgen, vor allem sportlich sollte die nächste Stufe gepackt werden. Impulse von außen können dabei wichtig sein, was der TVB mit der Verpflichtung von unserem Ex-Trainer Jens Bürkle für die Sportliche Leitung ja auch getan hat.“

Manuel Späth (ehemaliger Spieler des TVB und von Frisch Auf Göppingen): „Schon bei der Inthronisierung von Michael Schweikardt zum Cheftrainer war doch allen Beteiligten klar, dass dies zu einer schwierigen Situation führen kann und im Fall des Misserfolgs wahrscheinlich irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass der Geschäftsführer seinem Bruder eine Trennung mitteilen muss. Dass nun Jürgen der Nachfolger wurde, ist schon etwas pikant, da Micha sich mit den Nachverpflichtungen bestimmt auch zugetraut hat, das Ruder rumzureißen, und nun enttäuscht ist, dass er diese Chance nach der Länderspielpause nicht bekommen hat. Diese Entscheidung haben aber die Gesellschafter getroffen und nicht die Familie Schweikardt. Die Mannschaft hat jetzt auf jeden Fall keine Alibis mehr. Der Mann, der das größte Risiko bei dem Ganzen trägt, ist Jürgen Schweikardt selbst. Bringt er das Team nicht in die Spur, könnte es schwierig werden für ihn.“

Jochen Zürn (Sportlicher Leiter der SG BBM Bietigheim): „Ich finde, was die Familie Schweikardt über Jahrzehnte hinweg geleistet hat, ist einzigartig. Wie sie den Move aus Bittenfeld nach Stuttgart samt Namensänderung geschafft hat, das ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Zu den Personalien möchte ich mich nicht äußern, das wäre nicht fair.“

Hans Artschwager (Präsident des Handball-Verbandes Württemberg): „Ich habe selbst ein kleines Familienunternehmen, das jetzt in die nächste Generation geht. Wichtig ist dabei immer eine gesunde Mischung. Letztendlich werden beim TVB die Entscheidungen von der Gesellschafterversammlung getroffen. Wenn durch die interne Trainerlösung ein Mann wie Torwart Samir Bellahcene aus Kiel verpflichtet werden kann, dann ist das sicher die richtige Lösung. Für den Handball in Württemberg ist wichtig, dass der TVB in die Spur kommt und ein stabiler Bundesligist bleibt.“

Markus Baur (Weltmeister 2007 und Trainer beim TVB von 2016 bis 2018): „Mit der Verpflichtung von Michael Schweikardt als Trainer war absehbar, dass eine solche Situation entstehen kann. Diese verwandtschaftlichen Verflechtungen sind im Profisport ungewöhnlich, doch oftmals haben Investoren deutlich mehr Macht, aber viel weniger Ahnung. In einer Familie weiß jeder, wie der andere tickt, man kann sich aufeinander verlassen – von daher ist das alles nichts Verwerfliches. Dennoch bewegt man sich auf einem schmalen Grat, es kommt einem Ritt auf der Rasierklinge gleich.“

TVB-Termine

Pflichtspiele
SC DHfK Leipzig – TVB Stuttgart 33:24, TVB – SG Flensburg-Handewitt 25:39, HC Erlangen – TVB 25:26, TVB – VfL Gummersbach 28:35, TVB – HSG Wetzlar 23:26, HSC 2000 Coburg – TVB (25:22/DHB-Pokal, zweite Runde), THW Kiel – TVB 29:24, TVB – MT Melsungen 27:36, TBV Lemgo Lippe – TVB 28:24, TVB – SC Magdeburg 25:36, TSV Hannover-Burgdorf – TVB 33:20, Füchse Berlin – TVB (24. November, 16.30 Uhr), TVB – HSV Hamburg (28. November, 19 Uhr), TVB – Frisch Auf Göppingen (5. Dezember, 19 Uhr), SG BBM Bietigheim – TVB (9. Dezember, 19.30 Uhr), ThSV Eisenach – TVB ( 14. Dezember, 20 Uhr), TVB – Rhein-Neckar Löwen (23. Dezember, 19.30 Uhr), TVB – 1. VfL Potsdam (27. Dezember, 19 Uhr). (jüf)