Baden-Württemberg gilt als die Wiege der deutschen Biobewegung Foto: dpa

Die Umfrage einer Molkerei hat die Vorlieben und die Kaufgründe der Biokundschaft ermittelt. So darf etwa ein Ei höchstens 93 Kilometer vom Verbraucher entfernt gelegt worden sein, um noch als regional durchzugehen.

Stuttgart - Lebensmittelskandale, Massentierhaltung, Gentechnik: Immer mehr Verbraucher haben es satt und suchen ihr Ernährungsheil in Biolebensmitteln. Wie bio is(s)t Stuttgart wirklich? Eine Molkerei hat dazu 576 Konsumenten befragt und eine breite Akzeptanz von Bioware ermittelt: Mehr als 90 Prozent der Befragten befürworteten Bio.

Baden-Württemberg gelte als die Wiege der deutschen Biobewegung, heißt es seitens der Pressestelle des Lebensmittlerhändlers Alnatura mit Sitz in Bickenbach an der Bergstraße. Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln sei in Stuttgart, aber auch andernorts in Baden-Württemberg, seit je besonders hoch, stellt man bei Alnatura fest. Mit einer speziellen Erhebung des Kundenverhaltens könne man nicht dienen, aber die Tatsache, dass hier mit 27 Biosupermärkten bundesweit die meisten angesiedelt wurden, spreche für sich.

Reine Natur und Zusatzstoffe ist Wunsch Nummer eins

Noch genauer wissen wollte es die Molkerei Scheitz GmbH. Der Familienbetrieb, seit 1903 im bayerischen Andechs im Schatten des gleichnamigen Klosters zu Hause, führt das gesamte Sortiment mit Milch, Sahne, Butter, Joghurt, Kefir, Quark und Käse unter dem Signet Andechser Natur. „Wir wollten erfahren“, sagt Geschäftsführerin Barbara Scheitz, „was die Verbraucher hier unter ‚bio‘ verstehen, aus welchen Gründen und wie oft sie zu biologisch oder regional erzeugten Lebensmitteln greifen und ob sie bereit sind, dafür mehr zu bezahlen.“ Dazu wurden im Juni dieses Jahres 576 Personen im Alter von 20 bis 69 Jahren online befragt: Frauen, Männer, Paare und Singles, unterschieden nach Haushaltsgröße, Einkommen und Ernährungsgewohnheiten. „56 Prozent der Befragten waren Frauen, vier Prozent Vegetarier, der Altersdurchschnitt betrug 42 Jahre“, kann Scheitz präzisieren.

Herausgekommen ist, dass „Bio und regionale Lebensmittel einen fes­ten Platz im Einkaufskorb der Verbraucher in Stuttgart haben“, was freilich sehr pauschal ist. Und ebenso diffus wie die Aussage, dass dieses Angebot mehr als 90 Prozent der Befragten schmackhaft gemacht werden kann. Denn die Frequenz ihrer entsprechenden Einkäufe, in erster Linie bei Obst und Gemüse, dann Eiern und Molkereiprodukten, reicht von „regelmäßig“ bis „gelegentlich“. Nur ein bis zwei Prozent, so die Unternehmerin, greifen konsequent und ausschließlich zu Lebensmitteln mit dem Bioprädikat. Die strikten Biokunden wohnen übrigens, genau wie die regelmäßigen Biokäufer laut Umfrage überwiegend in Stuttgart-Mitte, in Süd und in Weilimdorf.

Reine Natur ohne Zusatzstoffe, Aromen und gentechnisch veränderte Substanzen: Dieser Wunsch rangiert für 77 Prozent der Befragten ganz oben, wenn sie Bioprodukte kaufen. 72 Prozent wollen eine artgerechte Tierhaltung unterstützen und 70 Prozent eine nachhaltige Landwirtschaft. Mit dem Prädikat Bio verbinden 77 Prozent vor allem die Unterstützung von Biobauern, 73 Prozent den Tierschutz und 72 Prozent ganz generell den Umweltschutz.

Wo mit dem zweiten Zauberwort für gesunde und bewusste Ernährung, nämlich „regional“, geworben wird, legen sich die Befragten auf eine maximale Entfernung zwischen Erzeuger und Verbraucher fest: Der Apfel, das Ei oder der Joghurt soll höchstens eine Strecke von 93 Kilometern vom Produzenten bis in den Supermarkt zurücklegen, weil 84 Prozent heimische Betriebe unterstützen wollen, 77 Prozent wissen möchten, wo Wiese und Stall liegen, und 74 Prozent auf Frische pochen.

Preisaufschlag bis zu 19 Prozent ist kein Problem

Bio, weiß man, ist uns lieb, aber auch teuer. „Unsere Joghurts“, nennt Barbara Scheitz als Beispiel aus ihrer Produktpalette, „sind 15 bis 20 Prozent teurer als herkömmlich produzierte Joghurts.“

Offenbar kein Problem in Stuttgart, wo das Preisniveau generell höher ist als beispielsweise in Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern: 80 Prozent der Befragten nehmen einen Preisaufschlag bis zu 19 Prozent klaglos in Kauf. Bio wird Normalität“, schließt Barbara Scheitz aus den Ergebnissen der Umfrage, die auch in München, Köln und Düsseldorf, Hamburg und Berlin gemacht wurde. Denn auch in München sind 82 Prozent von 1028 Befragten bereit, bis zu 18 Prozent mehr für Biowaren zu bezahlen, in Hamburg nickten 77 Prozent von 1064 Verbrauchern ein Plus von 19 Prozent ab, und in Köln und Düsseldorf bezahlen 78 Prozent von 1033 Befragten gern bis zu 17 Prozent mehr.

Umfrage ist eine Marketingoffensive

„Dieses Ergebnis sehen wir als Bestätigung unserer Qualitätsstrategie“, frohlockt Barbara Scheitz. Ihre Bemerkung, gerade im Biobereich müsse man „raus aus der Anonymität“, verrät den tieferen Sinn der Umfrage: eine Marketingoffensive, bei der der Molkereibetrieb seine Qualitäten ins rechte Licht zu rücken sucht. Die Verbraucher sollen en passant erfahren, dass unter der grünen Verpackung der Produkte auch eine grüne Unternehmensphilosophie steckt. „Wir verarbeiten jährlich 109 Millionen Kilo Kuhmilch und neun Millionen Kilo Ziegenmilch, die von 630 verbandszertifizierten Biobauern – 530 Kuhmilchbauern und 100 Ziegenmilchbauern – aus einem Umkreis von 160 Kilometern geliefert werden“, listet die Geschäftsführerin auf. Künstliche Zusatzstoffe und Aromen seien ebenso tabu wie gentechnisch veränderte Substanzen.

Bei Edeka steht das Andechser-Sortiment auch im Kühlregal. Neben vielen anderen Bioprodukten. Hier wie auch bei Lidl spricht offenbar die Abstimmung an der Kasse für sich. „Wir werden das Biosortiment weiter ausbauen, um der wachsenden Nachfrage der Verbraucher nach ökologisch hergestellten Lebensmitteln zu entsprechen“, teilt Edeka Südwest mit. Ähnlich äußert sich Discounter Lidl. Die beiden Unternehmen brauchen keine Umfragen, ihnen genügen die Zahlen an der Kasse.