Zettelwirtschaft im Wahllokal des Alten Rathauses in Böblingen Foto: /Stefanie Schlecht

Bei einer stichprobenartigen Umfrage an zwei Wahllokalen im Kreis Böblingen zeigt sich: Die Beweggründe zur Wahl zu gehen, sind äußerst unterschiedlich: Sie reichen von internationalen Konflikten bis hin zu lokalen Aufregern.

Im Foyer der Erich-Kästner-Grundschule in Böblingen herrscht ausnahmsweise mal am Sonntag Hochbetrieb. Im Sekundentakt strömt das Volk mit Wahlunterlagen bepackt Richtung der Wahlräume. „Es ist gut was los heute“, sagt der Hausmeister der Schule. Damit jeder der mitunter desorientierten Wähler ihn als Wegweiser erkennt, streift er sich irgendwann eine Warnweste über. Vor den zu Wahlräumen umfunktionierten Klassenzimmern bilden sich immer wieder Schlangen – schließlich sind bis zu fünf Wahlen zu absolvieren, da kann man in der Zettelwirtschaft schon mal durcheinander kommen.

 

Die internationale Politik war für Ingrid Schmidt besonders wichtig bei der diesjährigen Wahl. „Man darf doch nicht nur schimpfen, sondern sollte versuchen, etwas zu beeinflussen“, sagt Ingrid Schmidt. Die 78-Jährige wohnt auf der Diezenhalde in Böblingen und ist auf das EU-Parlament weniger gut zu sprechen: „Die regieren doch an uns vorbei. Was mit den Gurken und Bananen angefangen hat, geht jetzt weiter beim Elektroauto.“ Lokale Themen streiften sie eher peripher, wenngleich sie die Diskussion um die Windräder durchaus mitbekommen hat.

Ingrid Schmidt Foto: jps

Windpark gibt den Ausschlag bei der Wahl

Stark an dem interessiert, was vor seiner Haustür passiert, ist der 67-jährige Horst Halmschlag auf der Böblinger Diezenhalde. Bei der Frage, was für ihn bei der Gemeinderatswahl ausschlaggebend war, muss er nicht lange nachdenken: „Die geplanten Windräder.“ Die Ausweisung des Vorranggebiets BB-14 zwischen Böblingen, Ehningen und Holzgerlingen wird auf der Diezenhalde derzeit leidenschaftlich diskutiert: Befürworter und Gegner stehen sich recht unversöhnlich gegenüber. Halmschlag war kürzlich bei dem Infoabend der Stadt in eben der Schule, in der er jetzt seine Kreuzchen setzt. Der Abend neulich habe ihn nicht wirklich überzeugt. Bei dem Projekt kritisiert er, dass „ganz grundlegende Fragen“ vorab nicht geklärt worden seien. Er habe daher Kandidaten bevorzugt, die sich in diesem Thema ganz klar positioniert hätten, „und nicht nur laviert.“ Daher habe er die Wahlzettel mit Bedacht zuhause ausgefüllt.

Horst Halmschlag Foto: jps

Unterschiedliche Wahlmethoden

Schließlich könne die Zettelwirtschaft „für den ein oder anderen überfordernd sein“, sagt Alex Maier, als er aus dem Ehninger Rathaus kommt. Der 30-Jährige hat den Papierkram gemeistert, sieht es aber vor allem als Privileg, überhaupt frei wählen zu dürfen. „Ich bin mit sechs Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen. Mein Großvater lebt immer noch in der Nähe von Wolgograd.“ Er schaue mit einem sehr kritischen Auge auf das Land, in dem freie Wahlen quasi nicht stattfinden. Der noch immer tobende Krieg in der Ukraine war einer der ausschlaggebenden Punkte für ihn, zur Wahl zu gehen. Obwohl darüber ja höchstens über die EU-Wahl sein Kreuzchen ein Unterschied macht. Da er erst seit zwei Jahren in Ehningen lebt, sind lokale Themen für ihn weniger zentral, er sei rundum zufrieden mit seinem Wohnort: „Ich bin erstaunt über die gute Infrastruktur hier im Ort.“ Nur eines war ihm wichtig: Die Sportförderung vor Ort. Kandidaten mit einem Bezug zum Sport hätten daher seine Stimmen erhalten.

Ralph Sostmann Foto: jps

Ein Bedürfnis sich zu beteiligen an den nationalen Entwicklungen hat Ralph Sostmann (54) in Ehningen. Seit einem Dreivierteljahr lebt er in dem Ort . Deswegen war die Kommunalwahl für ihn keine Persönlichkeitswahl, wie bei den meisten. Dafür kenne er das politische Personal im Ort schlicht noch nicht gut genug. „Ich habe mir einen Überblick über die Programme der Parteien verschafft“, sagt er. Die Entscheidung sei dann ganz klassisch nach der jeweiligen Position bei den für ihn relevanten Themen gefallen.

Nina Heine Foto: jps

Ganz anders hat es die Ehningerin Nina Heine gehalten. Bei ihr war die Kommunalwahl eine klassische Persönlichkeitswahl. Sie habe sich informiert, wer für was stehe, und dann unabhängig von der Parteizugehörigkeit ihre Voten verteilt. Indes: Bestimmte Parteien blieben kategorisch außen vor. „Deswegen ist es mir wichtig, zur Wahl zu gehen. Denn wenn man nicht hingeht, bekommen die Parteien, die man nicht möchte, Auftrieb“, sagt die 41-Jährige. Informiert über die jeweiligen Programme habe sie sich allerdings ausschließlich in den sozialen Medien.

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