Auch Mädchen haben an der Umfrage der Jugendhausgesellschaft teilgenommen, Jungen waren aber in der Mehrheit. Foto: Stuttgarter Jugendhausgesellschaft

Jugendliche haben das Gefühl, von Erwachsenen vor allem negativ gesehen zu werden – das hat unter anderem eine Umfrage der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft zur Krawallnacht ergeben. Die Geschehnisse selbst sehen die Befragten differenziert. Nicht nur das hat Jugendhausmitarbeiter überrascht.

Stuttgart - Gehören Jugendliche zu den großen Verlierern der Pandemie? Mitarbeiter aus Stuttgarter Jugendhäusern meinen Ja. Ihre Klientel werde bei den Maßnahmen zu wenig bedacht. Wenn überhaupt, dann spielten in den Diskussionen Familien mit jüngeren Kindern eine Rolle, so Martin Kapler, Leiter der Häuser Giebel und Weilimdorf, aber nicht die Bedürfnisse von Jugendlichen. „Jugendliche brauchen Freizeit, sich zu entfalten und Kontakte zu knüpfen, das gehört zu dem Alter dazu“, sagt auch sein Kollege Benjamin Seidl, der das Jugendhaus Feuerbach leitet. Während es für kleine Kinder zumindest die Notbetreuung gebe, hätten Jugendliche, die stark belastet sind, diese Möglichkeit nicht. „Sie leben in beengten Wohnungen, mit Geschwistern im Zimmer, sie halten es zum Teil auch nicht aus“, pflichtet ihm die Sozialarbeiterin Vanessa Fritz aus dem Jugendhaus Fasanenhof bei.

 

Die drei Sozialarbeiter gehören zu einem Team, das hinter dem Projekt Sprachrohr steht: einer Umfrage der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft bei Jugendlichen nach der Krawallnacht im Juni. Hintergrund der Befragung ist, dass ihnen die Sicht der Jugendlichen zu kurz kam in der öffentlichen Debatte. „Ein Stück weit ist es unser Anliegen, Lobby für Jugendliche zu sein“, erklärt Seidl.

60 Prozent glauben, dass Erwachsene Jugendliche negativ sehen

Während es normalerweise schwierig sei, Jugendliche für Umfragen zu gewinnen, sei das in diesem Fall anders gewesen, berichtet er. Viele seien sogar von sich aus auf sie zugekommen, um bei der qualitativen Befragung mitzumachen. „Es war ein Thema, das alle Jugendlichen bei uns in der Einrichtung wahnsinnig beschäftigt hat“, sagt auch Martin Kapler. Sie hätten sich wertgeschätzt gefühlt. Das steht in Gegensatz zu einem anderen Ergebnis aus der Umfrage: dass Jugendlichen sich offenbar ansonsten wenig wertgeschätzt fühlen. Zumindest gaben 60 Prozent an, dass sie glauben, dass Erwachsene ein negatives Bild von Jugendlichen haben.

An der Umfrage haben 116 Jugendliche teilgenommen, davon 82 Jungen und 33 Mädchen, eine Person gab keine Geschlechtszugehörigkeit an. Wie haben die Befragten nun die Krawallnacht bewertet? Die erfolgten Plünderungen und den Vandalismus lehnten sie in den Interviews quasi durchweg ab. „Das war ziemlich eindeutig, da hatten alle Befragten keinerlei Verständnis“ , sagt Kapler. Oder, wie es ein Jugendlicher selbst gesagt hat: „Total der Horror, was die Kinder da gemacht haben.“ Ein bisschen anders sieht das aus, wenn es um die gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei geht. Diese seien zwar ebenfalls mehrheitlich abgelehnt worden, aber hier habe es zumindest einzelne Stimmen gegeben, die die Gewalt gegen die Polizeibeamten nachvollziehen konnten.

Negative Erfahrungen bei Polizeikontrollen

Die Empathie gegenüber den Ladenbesitzern sei bei einigen deutlich größer gewesen als gegenüber den Polizisten, so Vanessa Fritz. Die befragten Jugendlichen hätten „teilweise durchaus ein positives Polizeibild“, weist sie auf ein Ergebnis hin – 38,8 Prozent der Befragten sagten, sie denken positiv über die Polizei. Aber 37,1 Prozent äußerten „gemischte Gefühle“, 19,8 Prozent denken negativ über die Polizei. Sehr viele machten persönlich negative Erfahrungen, weil sie sehr oft kontrolliert würden, fassen es die Jugendhausmitarbeiter zusammen. „Wenn ich Schwarzkopf bin und Bauchtasche trage, werde ich anders behandelt“, gibt zum Beispiel Benjamin Seidl das Gefühl der befragten Jugendlichen wieder: „Schwarzkopf“ werde unter Jugendlichen für Personen arabischer Herkunft verwendet.

Vanessa Fritz hat beeindruckt, wie differenziert die Jugendlichen insgesamt die Geschehnisse aus dem Sommer betrachtet hätten. Sie nennt ein Beispiel: So hätten viele gesagt, sie hätten selbst negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht, aber das rechtfertige keine Gewalt. „Sie haben keine Ausreden benutzt“, sagt sie.

Keine Ausrede „für das, was passiert ist“

Polizeigewalt und -kontrollen wurden allerdings von vielen der befragten Jugendlichen, immerhin 21,5 Prozent, als ein möglicher Auslöser der Krawallnacht genannt. Weitere angeführte Gründe waren zum Beispiel die Coronabeschränkungen, Langeweile, allgemeine Unzufriedenheit und schlichtes Mitläufertum. „Die haben auch schon vorher gefeiert. Aber die Eskalation und dass so viele Menschen da sind, das ist erst wegen Corona passiert, weil die halt keinen anderen Ort finden“, so wird ein Jugendlicher aus Feuerbach in der Auswertung zitiert.

Die Sozialarbeiter kritisieren die Dynamik, die die Debatte nach der Krawallnacht genommen habe. Dass das Thema Migration so sehr im Mittelpunkt gestanden habe, aber auch, welche Schlussfolgerungen gezogen wurden: „Die erste Reaktion war, den Jugendlichen die Plätze wegzunehmen“, sagt Martin Kapler, der keinen Hehl daraus macht, dass er diesen Schritt als wenig hilfreich sieht, um dem Frust der Betroffenen zu begegnen.