Die allermeisten Betriebe sorgen sich um ihre Zukunft. Dies zeigt die neueste Konjunkturumfrage des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags.
Die Wirtschaft im Land ist auf dem Weg in die Rezession. Das Einzigartige an der prekären Lage: Anders als in der Coronakrise hat sie es mit einer multiplen Krise zu tun, was die Unsicherheiten verstärkt. Nach der aktuellen Konjunkturumfrage der Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammer (BWIHK) blickt nur noch jedes achte Unternehmen optimistisch voraus – deutlich weniger als im Frühsommer. Fast jedes zweite Unternehmen geht von einer schlechteren Geschäftsentwicklung aus.
An der Spitze der Geschäftsnöte stehen die Energiekosten: Knapp 80 Prozent sehen die hohen Preise für Gas und Strom als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Nur jedes zweite Unternehmen kann die steigenden Energiepreise in Teilen an seine Kunden weitergeben. Ein Großteil trägt die Kosten selbst, was dann die Erträge deutlich verringert.
Breuning: Betriebe früher entlasten
„Den Betrieben geht es ans Eingemachte, der Winter wird eine Zerreißprobe“, sagt BWIHK-Vizepräsidentin Marjoke Breuning. Sie ermahnt die Bundesregierung, die Wirtschaft schon zum 1. Januar 2023 zu entlasten und nicht erst zum 1. März. „Wenn wir die Unternehmen jetzt alleine lassen, wird es für viele das wirtschaftliche Aus bedeuten.“
Insbesondere die Industrie ist alarmiert: Zu den noch nicht überwundenen Lieferkettenproblemen kommen nun die Sorge um eine ausreichende Gasversorgung sowie die hohe Inflation und massive Preissteigerungen bei Vorleistungsgütern. Nur noch knapp jedes dritte Unternehmen befindet sich in einer guten Lage. Noch sind die Auftragsbücher gefüllt, doch bei neuen Aufträgen aus dem In- und Ausland stellen viele Betriebe einen deutlichen Rückgang fest. 45 Prozent der Industrieunternehmen erwarten daher für 2023 eine Verschlechterung. Befragt nach den Folgen einer möglichen Gasdrosselung um 25 Prozent, geben sogar rund 25 Prozent der Unternehmen an, ihre Produktion dann einstellen zu müssen.
Einzelhandel stolpert von einer Krise in die andere
Geplagt von hohen Energiekosten sieht sich auch der Einzelhandel, der von der Pandemieflaute in die nächste Krise stolpert. Nur durch staatliche Hilfen und die Nutzung von Eigenkapitalreserven seien Betriebsaufgaben und Insolvenzen teilweise verhindert worden, so Breuning. Diese Betriebe würden jetzt von der hohen Inflation und der Kaufkraftzurückhaltung mit voller Wucht getroffen. 44 Prozent der Unternehmen meldeten, dass der Umsatz im Vergleich zum Herbst 2021 zurückgegangen sei.
Die hohen Energie- und Rohstoffpreise sind der Erhebung zufolge für 88 Prozent der Einzelhändler ein Geschäftsrisiko. Nur 35 Prozent können die gestiegenen Preise an ihre Kunden weitergeben, was im Vergleich zur Gesamtwirtschaft (52 Prozent) klar unter dem Durchschnitt liegt.
Gastronomie bangt um das Weihnachtsgeschäft
Die Gastronomie hat die Pandemieverluste wieder etwas ausgleichen können. Jetzt bangt sie, dass wegen der Preissteigerungen die Gäste im Weihnachtsgeschäft ausbleiben. Zudem bleiben Hotellerie und Gastgewerbe von den Preissprüngen bei Strom und Gas nicht unberührt. 95 Prozent der Unternehmen sehen diese als ein Risiko. Drei Viertel der Betriebe versuchen die Energiepreise an ihre Kunden weiterzugeben.
Als einzig positive Erkenntnis bleibt, dass nun der Fokus auf dem Energiesparen liegt: 42 Prozent aller Unternehmen geben an, dass ihr Hauptmotiv für Investitionen nun Umweltschutz und Energieeffizienz sind.
Das Exportland Baden-Württemberg schwächelt
Ausfuhren
Die Exporterwartungen nehmen weiter deutlich ab. Jedes dritte Unternehmen geht von rückläufigen Ausfuhren in den kommenden zwölf Monaten aus. Der einzige Lichtblick bleibt Nordamerika. Der schwächelnde Euro gegenüber dem US-Dollar ist für Exporteure ein Vorteil und auch das 1,9 Billionen schwere Konjunkturpaket von Präsident Joe Biden hat positive Effekte auf die Nachfrage nach deutschen Gütern.
Erhebung
An der Umfrage der zwölf IHK in Baden-Württemberg, durchgeführt zwischen Ende September und Mitte Oktober, beteiligten sich rund 3360 Unternehmen aller Größen und Branchen.