Seit dem Jahreswechsel gelten neue Regeln für die praktische Fahrprüfung. Während das Bundesverkehrsministerium auf mehr Transparenz und tief greifende Erkenntnisse hofft, befürchten Fahrschulen längere Wartezeiten.
Stuttgart - Der Stuttgarter Fahrlehrer bringt seinen Schülern schon seit Jahrzehnten das Autofahren bei. Doch die Erfahrung, die er an diesem Donnerstag gemacht hat, ist für ihn trotzdem vollkommen neu. Zwei praktische Führerscheinprüfungen stehen auf dem Plan – die dürfen derzeit trotz Corona stattfinden. Doch beim Ablauf stellt sich so manches völlig anders dar als zuvor.
„Der Prüfer hat hinten rechts platzgenommen und erst einmal den Silberkoffer geöffnet“, erzählt der Fahrlehrer. Ein Tablet kam zum Vorschein. „Fortan fand das Gespräch mit uns beiden vorne bei ihm in gebückter Haltung mit Blick aufs Tablet statt“, sagt er – halb amüsiert, halb kritisch. Es folgten drei Eingangsfragen zur Betriebs- und Verkehrssicherheit des Fahrzeugs, vorgegeben vom Computer. Am Ende der Fahrt hat die Kandidatin die Auswahl: Will sie ein Prüfprotokoll per QR-Code auf das Handy bekommen oder lieber per E-Mail?
Seit dem 1. Januar läuft die praktische Fahrerlaubnisprüfung in Deutschland anders ab als zuvor. Sie dauert nicht mehr 45, sondern 55 Minuten. Die Kosten steigen entsprechend von rund 89 auf 117 Euro bei einem Pkw-Führerschein. Die Inhalte sind neu gegliedert und werden vom Prüfer über ein Tablet abgefragt, Auffälligkeiten direkt eingegeben. Am Ende gibt es ein elektronisches Protokoll.
Der Unterricht soll sich verbessern
Der neue Ablauf nennt sich offiziell „Optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung“ (Opfep). Sie geht vom Bundesverkehrsministerium aus. Erreichen will man, dass die Prüfungen besser nachvollziehbar werden. Außerdem will man die Fahrsicherheit von Anfängern erhöhen und herausfinden, wo bei durchgefallenen Kandidaten die Probleme liegen. Eine solche Erfassung war bisher mit handschriftlichen Notizen der Prüfer nicht möglich. In letzter Konsequenz könnten sich dann auch Ausbildungs- und Prüfungsschwerpunkte verändern. „Wir machen die Fahrausbildung noch besser, objektiver und transparenter. Mit dem neuen Verfahren schaffen wir ausführliche Standards. Das sind klare Vorgaben für mehr Verkehrssicherheit“, sagt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.
Die Fahrlehrerverbände begleiten das neue Verfahren grundsätzlich wohlwollend. Allerdings haben sie große Bedenken, was die Terminvergabe betrifft, und haben deshalb im vergangenen Sommer eine Verschiebung gefordert – vergeblich. Denn seit Jahren beklagen die Fahrschulen immer wieder lange Wartezeiten für Prüfungstermine, weil die Prüforganisationen nicht hinterher kommen. In Baden-Württemberg hat sich das im vergangenen Jahr wegen der Coronakrise verschärft, erst in den vergangenen Wochen hat sich die Lage beim zuständigen Tüv Süd offenbar etwas entspannt. „Die Kapazitäten bleiben aus unserer Sicht auf Kante genäht“, sagt Jochen Klima, Geschäftsführer des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg. Durch die verlängerte Prüfungszeit schaffe ein Prüfer jetzt nur noch neun statt elf Prüfungen pro Tag. „Um allein den Status quo zu halten, bräuchte man also erheblich mehr Leute“, so Klima. Das werde sich vor allem vom Frühjahr an zeigen, wenn mehr Leute den Führerschein machten und die Motorradfahrer noch hinzu kämen.
Tüv Süd beteuert, es sei genug Personal da
Beim Verkehrsministerium teilt man mit, man sei hierzu im Austausch mit den Technischen Prüfstellen. Man sei zuversichtlich. Die Überprüfung des reibungslosen Ablaufs sei aber Ländersache. Die Prüforganisationen, sowohl Dekra für die neuen Bundesländer als auch der Tüv, betonen, sich entsprechend aufgestellt zu haben. „Die amtlich anerkannten Sachverständigen und Prüfer wurden in fünf Schulungsmodulen über einen längeren Zeitraum eingewiesen. Sie sind damit gut auf die Umstellung vorbereitet“, sagt Vincenzo Lucà vom Tüv Süd. Man habe zudem Personal aufgebaut. „Die Wartezeiten werden sich deshalb nicht verändern“, kündigt er an.
Doch es bleibt Skepsis. „Wir sind sehr gespannt, welche Akzeptanz das neue Verfahren bei den Kunden findet“, sagt Klima. Zudem gibt es in Prüferkreisen wohl einige, die sich überwacht und in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Zwar entscheidet letztendlich auch in Zukunft nicht der Computer, doch ein paar Ansätze in dieser Richtung befürchtet auch der Stuttgarter Fahrlehrer nach den ersten Prüfungen, gerade bei engen Fällen: „Da sehe ich eine deutliche Erhöhung der Hürde. Es wird mehr Menschen geben, die es nicht schaffen“, glaubt er.