So wie das Bahnviadukt soll auch eine Umfahrung der Bundesstraße B 10 an Enzweihingen vorbei durch das Enztal führen. Das ist umstritten. Foto: factum/

Seit 50 Jahr wird darüber gestritten, wie der Verkehr der B 10 bei Vaihingen/Enz verlagert werden kann. An einem Viadukt durch das Enztal bei Enzweihingen scheiden sich die Geister – eine Klage steht im Raum.

Vaihingen - Hoch droben stehen sie, mitten in den herrlichen Weinbergen über dem Örtchen Enzweihingen. Gerhard Joos (72) hat Jahrzehnte lang als Ingenieur Straßen geplant – nun kämpft er als Vaihinger Bürger gegen eine neue. Und Petra Hetzel vertritt im Hauptberuf als Geschäftsführerin des Verbandes Mittelständischer Wirtschaft oft Forderungen nach mehr Straßenbau. Doch als Bürgerin sorgt sie sich um die Natur.

Vielleicht ist es diese Widersprüchlichkeit, die diesen Konflikt in seiner ganzen Ambivalenz verdeutlicht. Worum geht es? Die Bundesstraße B 10, über die sich täglich bis zu 28 000 Fahrzeuge Richtung Bosch-Niederlassung Schwieberdingen oder nach Stuttgart zu Porsche quälen, soll umgeleitet werden. Nach Vaihingen/Enz soll an der heutigen Aral-Tankstelleeine größere Kreuzung“mit Auffahrten entstehen, die dann zu einem gewaltigen Viadukt quer durch das Enztal an Enzweihingen vorbeiführen soll. Kosten für alles: rund 38 Millionen Euro.

Die Umweltverbände fordern einen Tunnel

Ein Riesenprojekt, über das seit 50 Jahren gestritten wird. „Vor 15 Jahren hatten wir schon einen Konsens für einen Tunnel“, sagt der Pensionär Gerhard Joos. Tatsächlich gibt es Briefe des Regierungspräsidiums aus dieser Zeit, in denen für 38 Millionen Euro ein Tunnel unter Enzweihingen angedacht ist. Doch das ist längst Geschichte – inzwischen wird der Tunnel mit 77 Millionen Euro veranschlagt.

Doch das ist für Gerhard Joos eine Abstimmung „unter falschen Vorzeichen“ gewesen. Damals sei noch nicht klar gewesen, welch gewaltiges Bauwerk entstehen solle, mitsamt „Monsterkreuzung“. Er ist Vorsitzender des Vereins Schutzgemeinschaft Mittleres Enztal. Joos’ Familie ist seit 400 Jahren in Vaihingen/Enz nachweisbar, viele Vorfahren waren Weinbauern. „Ich weiß, wie man Straßen plant“, sagt er, „diese hier macht keinen Sinn und zerstört wertvolle Natur.“

Der Ortschaftsrat ist empört

Joos hat Berechnungen angestellt, wonach ein 900 Meter kurzer Tunnel kaum teurer wäre als die Straßenbrücke. „Das wird schöngerechnet“, sagt er. Und Petra Hetzel erklärt, dass natürlich im Ballungsraum Stuttgart Straßen gebaut werden müssten: „Aber nicht hier in der Peripherie, wo wir die Natur genießen wollen.“

Die Umweltverbände wie BUND, Nabu, VCD sowie die Schutzgemeinschaft halten die Umfahrungspläne für rechtswidrig. „Die Möglichkeit einer Klage steht im Raum“, sagt Gerhard Joos. Nun gibt es allerdings wie immer in solchen Konflikten zwei Sichtweisen. Die eine ist die der Vaihinger Bürger, die das liebliche Tal gerne zum Spazierengehen nutzen. Die andere ist die der Enzweihinger.

Sie wollen lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach – also eine konkrete Umfahrung statt einen visionären Tunnel. Der Ortschaftsrat beklagt sich in einem Brief an den Regierungspräsidenten Wolfgang Reimer über die Umweltverbände und äußert „massives Unverständnis“. Der Ortsvorsteher Matthias Siehler wird deutlich: „Es ist nicht zu fassen, wie die Umweltverbände bekannte Argumente einseitig betrachten.“ Fadenscheinig sei es, mit dem Schwarz- oder Weißstorch zu argumentieren. Die Ortschaftsräte verweisen auf neue Naturflächen wie den alten Arm der Enz oder einen Platz für Fledermäuse.

Eine neue Liste greift das Thema auf

Der Ort sei durch die B 10 in zwei Hälften geteilt, ein Tunnel erfordere weitere Bauwerke und würde die Wirkung der Schneise weiter verstärken. „In dieser Abwägung haben sich Ortschaftsrat, Gemeinderat und auch die Bürger von Enzweihingen 2013 sehr deutlich für die Umfahrung ausgesprochen“, erklärt Siehler.

Die Wogen schlagen hoch. Sogar im Kommunalwahlkampf ist das Thema: Die neue Liste „Bürger bewegen Vaihingen“ ist gegen die Umfahrung. Im Ludwigsburger Kreistag wurde kürzlich die Verlegung der Straßenmeisterei beschlossen – diese muss der „Monsterkreuzung“ weichen und wird auf Kosten des Bundeshaushaltes verlegt. Der Ortschaftsrat macht Druck – und hofft auf einen Anhörungstermin des Regierungspräsidiums vor den Sommerferien. Gerhard Joos von der Schutzgemeinschaft Mittleres Enztal hofft auf das Gegenteil: „Ich setze auf Vernunft.“ Wo diese liegt, ist eine Frage des Standpunktes.

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