In der EU-Kommission wird jetzt auch von Technologieoffenheit gesprochen. Hersteller und Zulieferer begrüßen, dass sich die Politik beim Thema Verbrennerverbot bewegt.
Werden in der Europäischen Union auch über 2035 hinaus neue Verbrenner zugelassen? Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Kommission dafür die Tür öffnet. Auf die Frage, ob die EU neben vollelektrischen Pkw auch den Neukauf von Hybridautos und klassischen Verbrennern erlauben werde, antwortete Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas gegenüber dem Handelsblatt: „Wir sind offen für alle Technologien.“
In diesem Zusammenhang sei ein Brief von Bundeskanzler Friedrich Merz an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit einem entsprechenden Ansatz sehr positiv angekommen. Darin ging es auch um die Rolle von emissionsfreien und emissionsarmen Kraftstoffen, sogenannten E-Fuels und weiterentwickelten Biokraftstoffen.
Wie reagieren Mercedes-Benz, Bosch und Mahle?
Die EU hatte beschlossen, dass Neuwagen ab 2035 im Betrieb kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Die Kommission wollte am 10. Dezember einen überarbeitete Regelung vorlegen. Das könnte laut Verkehrskommissar Tzitzikostas nun erst Anfang 2026 geschehen.
Wie kommen diese neuen Entwicklungen bei Mercedes-Benz, Bosch und Mahle an? Wir haben nachgefragt.
Mahle
Zulieferer Mahle begrüßt „die Signale der EU-Kommission ausdrücklich, das absolute Verbrennerverbot zu überdenken. Eine Öffnung hin zu mehr Technologieoptionen wäre ein wichtiger Schritt, um die Transformation in der Branche besser zu gestalten und gleichzeitig den Hochlauf klimafreundlicher Mobilität zu beschleunigen“, teilt eine Unternehmenssprecherin mit.
E-Fuels und Biokraftstoffe könnten einen wirksamen Beitrag leisten und sollten Teil eines ganzheitlichen Ansatzes für sauberen Straßenverkehr sein, ergänzt die Sprecherin. „Voraussetzung ist selbstverständlich ihre Verfügbarkeit – durch Produktion in Europa und gegebenenfalls auch durch Importe. Mit einem klaren politischen Signal sind wir zuversichtlich, dass sich die Mineralölwirtschaft entsprechend positioniert“, heißt es in der Mahle-Antwort weiter.
Technologieoffenheit sehe das Zulieferer-Unternehmen als essenziell an, „damit Klimaschutz schnell Wirkung entfaltet und gleichzeitig die Innovationskraft der europäischen Automobilindustrie erhalten bleibt. So sichern wir Arbeitsplätze und stärken die Wettbewerbsfähigkeit Europas.“
Mercedes-Benz
Der Stuttgarter Autohersteller Mercedes-Benz blickt ebenfalls voraus. „Es ist klar: Mobilität muss CO2-neutral werden. Das Tempo der Transformation bestimmen die Marktbedingungen und die Wünsche unserer Kunden“, schreibt ein Sprecher.
Aus Sicht des Unternehmens müssen die Gesetzgebung und die politischen Rahmenbedingungen „an die veränderten Realitäten angepasst werden. Wir stehen an einem Punkt, der über die Zukunft unserer Industrie und ihrer Arbeitsplätze entscheidet – und damit über die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland und Europa“.
Einen flexiblen und technologieoffenen Ansatz sehe der Autohersteller dabei als unerlässlich an. „Der derzeitige CO2-Reduktionspfad der EU im Straßenverkehr muss neu ausgerichtet werden, um sicherzustellen, dass einerseits die Klimaziele der EU erfüllt und andererseits die industrielle Wettbewerbsfähigkeit, der soziale Zusammenhalt und die strategische Widerstandsfähigkeit der Lieferketten in Europa gewährleistet werden“, fügt der Sprecher hinzu.
Er ergänzt: „Zusätzlich sollte die Politik die Dekarbonisierung der Kraftstoffe vorantreiben, um insbesondere für die Bestandsflotte einen zusätzlichen Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten.“
Bosch
Und wie blickt Zulieferer Bosch auf die neusten Entwicklungen? „Natürlich wird es auch in Zukunft Bereiche geben, wo die batteriebasierte Elektromobilität oder auch die regulatorisch ebenso akzeptierte Brennstoffzelle keine guten Alternativen zu flüssigen Kraftstoffen sind“, schreibt eine Sprecherin. Dann könnten synthetische Flüssigkraftstoffe und nachhaltige Biokraftstoffe „eine sinnvolle Ergänzung sein“. Bosch führt HVO100 oder Bioethanol als Beispiele an – und ist dafür, dass die Kraftstoffe „berücksichtigt werden, um die Klimaziele in der Mobilität zu erreichen“.
Weiter heißt es in der Antwort: „Der Staat muss die nötige Planungssicherheit für die sehr langfristig angelegten Investitionen in erneuerbare Kraftstoffe geben. Die aktuell restriktiven EU-Strombezugskriterien, insbesondere für die Produktion von grünem Wasserstoff und E-Fuels, sind ein erhebliches Hemmnis.“
Laut Bosch bedarf es „pragmatischer und realitätsnaher Lösungen, um den Hochlauf nicht auszubremsen. Ein wesentlicher Treiber für den Hochlauf erneuerbarer Kraftstoffe wäre eine Festschreibung entsprechender Anteile im bestehenden Kraftstoffmix – über die heutigen Ziele in der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie hinaus.“ Das Unternehmen ergänzt: „Die von Brüssel und Berlin vorgesehenen Quoten für fortschrittliche Biokraftstoffe und strombasierte Kraftstoffe sind bislang viel zu gering, um die nötige Wirkung zu erzielen.“
Bosch weist darauf hin, dass die Kraftstoffproduktion Aufgabe der Kraftstoffindustrie sei. Diese werde unter anderem über den europäischen Emissionshandel verpflichtet, ihre Kraftstoffe zu dekarbonisieren. „Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Emissionshandel nicht abgeschwächt oder aufgeschoben wird“, so Bosch.