In einem Elterndialog stellten sich Bürgermeisterin Isabel Fezer und Jugendamtsleiterin Katrin Schulze den Sorgen und Fragen der Eltern zur geplanten Umgestaltung der Stuttgarter Kitalandschaft. Was Eltern wissen wollten – und was die Verantwortlichen antworteten.
Kim Laranjeira will Antworten. Sein Gemütszustand: „unsicher und wütend“. Als Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter, die momentan täglich acht Stunden in einer Krippe betreut wird, sorgt er sich: „Werden wir auch noch einen Ganztagsplatz für sie haben, wenn wir in den Kindergarten wechseln?“ Wenn nicht, wirft das die Grundpfeiler seiner kleinen Familie um. „Meine Frau und ich arbeiten beide 80 Prozent, weil wir uns die Arbeit und die Betreuung gleichberechtigt aufteilen wollen“, sagt der 37-Jährige. Müssten sie die Tochter um zwei Uhr oder früher von der Kita abholen, könnte einer nur noch weniger arbeiten. Aber so stellen sie sich ihr Leben nicht vor.
Aber Kim Laranjeira ist an diesem späten Nachmittag auch als Kita-Verantwortlicher in den Stuttgarter Hospitalhof gekommen. Er sitzt im Vorstand des Trägervereins der privaten Waldorf-Kita „Die Scheune“ in Stuttgart-Hallschlag, die für 40 Krippen- und Kindergartenkinder ausschließlich Ganztagsplätze mit 40 Stunden wöchentlicher Betreuung anbietet. „Wir wissen nicht, ob wir das in Zukunft noch dürfen. Oder nun auf 30-Stunden-Plätze umstellen müssen“, sagt Laranjeira.
Wie ihm geht es rund 50 anderen Müttern, Vätern, Kita-Verantwortlichen und Fachkräften. Sie wollen ihre Fragen bei Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) und Jugendamtsleiterin Katrin Schulze zum Kita-Prozess der Stadt loswerden. Eingeladen zu diesem Elterndialog hatte die Konferenz der Gesamtelternbeiräte (KdGEB), die alle Kita-Eltern in Stuttgart vertritt. Der Grund: Die Stadt verfolgt seit fast einem Jahr das Ziel, die Stuttgarter Kita-Landschaft umzustrukturieren. Im Kern geht es darum, die Zahl der Ganztagsplätze von derzeit 90 Prozent im Krippenbereich (für unter Dreijährige) und 70 Prozent im Kindergartenbereich auf 60 Prozent zu reduzieren.
Welche Fragen haben die Eltern – und was antworteten Isabel Fezer und Katrin Schulze? Ein Überblick:
Wie kommt die Stadt zum 60-Prozent-Ziel? „Aus meinem Umfeld habe ich den Eindruck, dass viel mehr Eltern einen Ganztagsplatz brauchen als 60 Prozent!“ Das sagt eine Mutter, die sich in der Eltern-Fachkräfte-Initiative „Kitastrophe“ engagiert. Auch andere Eltern bezweifeln, dass 60 Prozent Plätze mit acht Stunden Betreuung und mehr ausreichen. Das sei ein „Richtwert“, sagt Isabel Fezer, den man auf Grundlage der Bevölkerungsstudie Mikrozensus in Stuttgart und anderer Erhebungen im Land erarbeitet habe. Sie zeigten, dass in vielen Familien nicht beide Eltern Vollzeit arbeiteten. Eine Abfrage der Stuttgarter Eltern zu deren Bedarf habe es vorher nicht gegeben. Wie viele Familien Anspruch auf einen Ganztagsplatz haben, werde sich erst zeigen, wenn die Anmeldungen für das kommende Kita-Jahr ausgewertet sind. Dafür gelten neue Kriterien, die zum Beispiel das Alter des Kindes und den Arbeitsumfang der Eltern stärker gewichten. Die 60 Prozent seien deshalb nicht unumstößlich. „Wenn wir feststellen, 75 Prozent der Eltern haben einen Ganztagsbedarf, versuchen wir, das anzubieten“, so Fezer. Katrin Schulze ergänzt aber, dass schon jetzt viele bestehende Ganztagsplätze nicht angeboten werden können, weil das Personal fehlt.
Bis wann werden die Ganztagsplätze abgebaut? Ein Zieldatum, wie es eine Mutter hören will, gibt es von Seiten der Stadt nicht. Das sei ein Prozess über mehrere Jahre, der nun starte. Nichts werde von einem Tag auf den anderen reduziert, so Fezer. Jede Einrichtung könne sich nun überlegen, ob ihr bisheriges Angebot stabil sei. „Keine Einrichtung, die genug Personal hat und funktioniert, muss umstellen“, sagt Katrin Schulze. Ist das nicht der Fall, könnten Ganztagsplätze in sogenannte VÖ-Plätze umgewandelt werden. Von VÖ spricht man, wenn sechs oder sieben Stunden Betreuung täglich angeboten werden. Welche Öffnungszeiten dann gelten – also zum Beispiel von 8 bis 14 Uhr oder 7 bis 13 Uhr – ist flexibel.
Müssen die freien Träger den Richtwert auch umsetzen?
Die großen freien Träger, also zum Beispiel die Kirchen, sind in den Prozess eingebunden und tragen das Ziel mit, sagt die Bürgermeisterin. Allerdings gibt es für sie – ebenfalls wie für kleine Kita-Träger – keinen Zwang, Ganztagsplätze zu reduzieren.
Wie können dadurch zusätzliche Plätze entstehen?
Die Stadt erhofft sich von der Umstellung zweierlei: 1. Stabilität für das Kita-System, in dem derzeit immer wieder kurzfristig Betreuungszeiten reduziert werden, weil Personal fehlt. 2. Insgesamt mehr Plätze zu schaffen durch frei werdende Stunden. Derzeit stehen 3000 Kinder auf der Warteliste. Ein Vater, der sich zu Wort meldet, könnte sich gut vorstellen, den Ganztagsplatz seines Kindes gegen einen VÖ-Platz zu tauschen, fragt aber: „Was bringen einer anderen Familie die 90 Minuten, die frei werden?“ Katrin Schulze erklärt, dass in Gruppen, in die Ganztags- und VÖ-Kinder gehen, mit gleichem Personalschlüssel fünf Kinder mehr betreut werden können. Außerdem könnten momentan auf dem Papier bestehende Ganztagsplätze nicht angeboten werden, weil viele Fachkräfte Teilzeit arbeiten. Für VÖ-Plätze stünden sie aber zur Verfügung. Ein Platzsharing, bei dem sich zwei Familien einen Ganztagsplatz teilen, ist für städtische Einrichtungen nicht geplant.
Können Eltern, die schon einen Ganztagsplatz haben, diesen verlieren?
Dazu sagen Fezer und Schulze auf mehrere Nachfragen „Nein“ und „Es gibt den Bestandsschutz“.
Können Eltern, die Betreuungszeit reduzieren, später wieder erhöhen?
Das sei möglich, wenn Nachweise über eine entsprechende Arbeitszeit eingereicht werden. Allerdings stehen Familien dann zunächst auf der Warteliste für einen Ganztagsplatz in der eigenen Einrichtung.
Bekommt jede Familie lange Betreuungszeiten, wenn sie sie braucht?
Eine Mutter erzählt: Ihr Mann arbeitet 100 Prozent, sie 80, das Kind wird in einer Krippe ganztags betreut. Aber ab Mai suchen sie einen Kindergartenplatz, noch haben sie keinen bekommen. „Ich habe Bauchschmerzen“, sagt die Frau. Und: „Ich weiß nicht, was wir machen sollen, wenn wir keinen bekommen!“ Katrin Schulze beruhigt, dass auch unter dem Jahr Kita-Plätze vergeben werden. Die Familie erfülle offenbar die Kriterien für einen Ganztagsanspruch, dennoch: „Wir können nichts garantieren.“ Dafür gebe es insgesamt zu wenig Plätze.
Sollen Ehrenamtliche und andere Externe in die Betreuung eingebunden werden?
Dass zum Beispiel Vereine über die sechs Stunden VÖ mit Fachkräften hinaus weitere Stunden Betreuung anbieten, wie es in anderen Kommunen schon der Fall ist, soll möglich gemacht werden, sagt Katrin Schulze. Dafür erarbeite man gerade einen Leitfaden für die Träger.
Wie will die Stadt neue Fachkräfte gewinnen?
Der Vertreter eine Elterninitiativ-Kita erzählt, dass ausländische Erzieherinnen in andere Landkreise abwandern, weil sie in Stuttgart zu lange auf ein Visum warten. Auch andere Eltern und eine Erzieherin fragen sich, ob die Stadt genug tut, um Fachkräfte zu halten und zu gewinnen. Der Personalmangel in der Ausländerbehörde sei ein großes Problem, räumt Isabel Fezer ein. „Ich mache Druck auf die zuständigen Kollegen!“ Sie ist überzeugt, dass ihre Behörde viel tut, unter anderem wurden Ausbildungsplätze geschaffen, im Ausland werde nach Kräften gesucht und mit Zulagen das Erzieher-Gehalt aufgestockt, das mittlerweile im Vergleich zu anderen sozialen Berufen sehr gut sei. Manchen ist das dennoch zu wenig. Ein Ingenieur sagt: „Ich könnte mir gut vorstellen, als Erzieher zu arbeiten, aber die Gehaltseinbußen wären einfach zu groß.“
Kim Laranjeira geht nach den rund zwei Stunden im Hospitalhof mit einigen Antworten nach Hause. Seine Kita „Die Scheune“, in der er sich engagiert, darf weiterhin nur Ganztagsplätze anbieten. Aber der Vater weiß nun auch, dass er keinen Ganztagsplatz garantiert hat, wenn sie die Einrichtung wechseln. „Für mich ist es ein Armutszeugnis, dass eine reiche Stadt wie Stuttgart nicht jedem, der ihn braucht, einen Ganztagsplatz anbieten kann.“ Seine Wut also bleibt.
Wo steht der Kita-Prozess?
Projektziele
Die Stadt verfolgt mit dem Kita-Prozess folgende Ziele: Die Angebotslandschaft am Bedarf von Kindern und Eltern orientiert weiterentwickeln. Verlässliche Betreuungsangebote schaffen. Weitere Gewinnung neuer Fachkräfte. Unterstützung alternativer Betreuungsangebote mit Externen. Einsatz des Personals, orientiert an den Versorgungszielen. Die Stadt will in Zukunft stärker auf sogenannte VÖ-Plätze mit 30 Stunden Betreuung pro Woche, teils auch mit der Möglichkeit zum Mittagessen, setzen. Auch ein Angebot mit sieben Stunden täglich inklusive Mittagessen ist geplant.
Projektstruktur
An der Projektlenkung sind neben Isabel Fezer und Jugendamt auch Trägervertreter sowie die jugendhilfepolitischen Sprecher der Fraktionen beteiligt. In verschiedenen Arbeitsgruppen werden die einzelnen Themen behandelt und nach Bedarf externe Akteure wie der Kommunalverband Jugend und Soziales einbezogen. Zweimal im Jahr findet ein Kitaforum statt, zu dem Eltern, Träger, Kitaleitungen, Politiker, Gewerkschaften und Arbeitgeber eingeladen werden.
Platzvergabekriterien und Elternkonto
Seit August können Familien online ein eigenes Elternkonto einrichten. „Im Elternkonto können Sie Ihre Daten selbst pflegen, Ihre Betreuungswünsche als Betreuungsplatz-Anfragen an die Kitas senden sowie mit den Einrichtungen und dem Kitaservice kommunizieren und Dokumente austauschen“, heißt es auf der Homepage der Stadt dazu. Seit September wendet das Jugendamt die neuen Vergabekriterien an. Unter anderem werden nun der Beschäftigungsumfang und das Alter des Kindes stärker gewichtet, dafür der Geschwisterbonus weniger stark als früher. Eine Übersicht der Punkte findet man auf der Homepage der Stadt.