Weniger Kinder als bislang sollen in Stuttgarter Kitas acht Stunden und länger betreut werden. Foto: dpa/Armin Weigel

Derzeit sind 90 Prozent der Krippenplätze in Stuttgart Ganztagsplätze. Davon will die Stadt weg und hat einen Prozess mit Trägern, Eltern, Fachkräften gestartet. Wie weit sind die Pläne? Wie geht es für Eltern weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Im Herbst kündigten Bürgermeisterin Isabel Fezer und Jugendamtsleiterin Susanne Heynen an, die Stadt wolle in der Betreuung von Kindern bis drei Jahren weg vom flächendeckenden Ganztagsangebot mit 40-Stunden-Betreuung. Was ist geplant? Und wie ist der Stand der Dinge? Ein Überblick.

 

Was hat die Stadt vor?

Trotz Fachkräftemangel so vielen Kindern wie möglich einen Kitabesuch zu ermöglichen – das nannte Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) vergangenen September im Jugendhilfeausschuss als Ziel des Kitaprozesses. Die Stadt wolle sich deshalb vom bisherigen Ziel, möglichst viele Ganztagsplätze im Krippenbereich vorzuhalten und auszubauen, verabschieden. Stattdessen solle es zunehmend 30- und 35-Stunden-Angebote geben. Bislang war nicht klar, wie viele Ganztagsplätze wegfallen sollen. Nun nannte Susanne Heynen auf Anfrage unserer Zeitung „60 Prozent Ganztagsplätze von 40 Stunden und mehr im U-3-Bereich“ als Ziel. Derzeit werden 90 Prozent angeboten. Als Ganztag zählt für den Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) eine Betreuung ab sieben Stunden und einer Minute täglich. Die sogenannte verlängerte Öffnungszeit (VÖ) umfasst sechs Stunden. Isabel Fezer begründet den Umbruch unter anderem mit der Bildungsgerechtigkeit: „Wir können es nicht hinnehmen, dass ein Teil der Kinder vor ihrer Einschulung keine Betreuung und Förderung im Kindergarten erhält.“ Laut Jugendamt haben in Stuttgart mindestens 750 Kinder mit vier Jahren und älter keinen Platz.

Wie ist die Versorgungslage bislang?

Seit 2012 hat die Stadt 6500 neue Kitaplätze geschaffen, ein Anstieg um 75 Prozent im Krippenbereich für Kinder unter drei Jahren und um 30 Prozent im Kindergartenangebot bis sechs Jahre. Gleichzeitig wurden mehr als 2000 Erzieherinnen und Erzieher zusätzlich eingestellt. Dennoch können wegen offener Stellen derzeit Hunderte Plätze nicht belegt werden. Laut Stadt sind statistisch rund 3000 Kinder ohne Betreuungsplatz.

Wie geht die Stadt vor?

In den gestarteten Kitaprozess werden in verschiedenen Gremien und Foren alle Beteiligten einbezogen: freie Träger von Kitas, Elternvertreter, die Aufsichtsbehörde KVJS, Arbeitgeber, Vertreterinnen und Vertreter der Fraktionen und externe Expertinnen und Experten. Derzeit gebe es vier Arbeitsgruppen, besetzt mit Vertretern der Träger, sagt Susanne Heynen. Eine Arbeitsgruppe überlege, wie Angebote verändert und flexibler gemacht werden können. Eine weitere beschäftigt sich mit trägerübergreifenden Vergabekriterien für die Plätze, die „transparent und objektiv“ sind. Wer Anspruch auf wie viel Betreuungszeit hat, soll in Zukunft stärker von den Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienzeiten der Eltern sowie vom Alter des Kindes abhängen. Aber auch besondere Belastungen der Familien würden zählen. „Niemand soll an seiner Berufstätigkeit gehindert werden“, betonte die Jugendamtschefin. Wie gute Betreuungs- und Bildungsqualität in den Kitas aufrechterhalten werden kann, ist Thema einer weiteren Arbeitsgruppe. Auch über alternative Betreuungsmöglichkeiten etwa durch Spielgruppen oder Zeiten, in denen Eltern abwechselnd Kinder betreuen, werde nachgedacht, so Heynen.

Was ist Grundlage des 60-Prozent-Ziels?

Die Verwaltung ist überzeugt, dass viele Familien derzeit nur aus Mangel an Alternativen einen Ganztagsplatz gebucht haben. Das bekäme das Jugendamt aus den Kitas gespiegelt. Im Jugendhilfeausschuss wurde auch mit Daten des Statistischen Amtes der Stadt argumentiert. So zeigte sich in einer Umfrage 2021, dass in Stuttgarter Haushalten mit Kindern unter drei Jahren nur 27 Prozent der Mütter erwerbstätig waren, die Mehrheit in Teilzeit. Eine Ausnahme sind Alleinerziehende. Eine Erhebung unter Eltern mit Kindern bis zum Grundschulalter zeigte, dass nur 13 Prozent der Paare beide in Vollzeit arbeiteten. Auch im Kinderbetreuungsreport 2022 des Deutschen Jugendinstituts zeigt sich für ganz Baden-Württemberg: 70 Prozent der Eltern mit Kindern im Krippenalter, die einen Kitaplatz brauchen, suchen einen bis maximal 35 Stunden. Das Linksbündnis hatte es im Ausschuss in Zweifel gezogen, dass tatsächlich viele Eltern auf einen Ganztagsplatz verzichten können.

Wie soll der Umbau passieren?

In einer „Potenzanalyse in jedem Stadtteil“ soll laut Susanne Heynen nun ermittelt werden, welche Kitas sich eignen, 40-Stunden- in VÖ-Angebote umzuwandeln. So sollen Stunden und Personal frei werden, um weitere Plätze vor Ort zu schaffen. Wann Ganztagsplätze reduziert werden, kann Susanne Heynen noch nicht sagen. Das werde nach und nach passieren. Erleichterung in der Verwaltung verspricht sich das Jugendamt von einem digitalen Elternkonto, das bis Sommer startklar sein soll. Es biete Eltern einen persönlichen Bereich, in dem sie Infos und Stand der Anmeldung einsehen, Änderungen vornehmen, weitere Kinder anmelden, mit der Stadt Nachrichten austauschen oder den Platzbedarf löschen können. Auch die verschiedenen Träger können einsehen, ob eine Familie schon eine Platzzusage von einer anderen Kita hat. Dadurch würden mehrfache Platzangebote für Kinder ausgeschlossen, so Heynen.

Wird der neue Erprobungsparagraf des Landes schon genutzt?

Das Land hat im Dezember 2023 den sogenannten Erprobungsparagrafen in sein Kitagesetz aufgenommen. Er gibt Trägern die Möglichkeit, auf Antrag für zunächst bis zu drei Jahre von den Vorgaben des Gesetzes und der Kindertagesstättenverordnung abzuweichen, etwa was Angebotsformen, Leitungszeit, Fachkräftekatalog, Personalschlüssel und Höchstgruppenstärke anbelangt. So sollen vor Ort „neue Konzepte erprobt werden können“, heißt es vom KVJS. Neben einer Erhöhung der Gruppenstärke um zwei Kinder sollen andere Formen der Betreuung, etwa in Randzeiten durch Privatpersonen oder Vereine, möglich werden. Im Kitaprozess werde besprochen, wie der Erprobungsparagraf in Stuttgarter Kitas angewandt werden könne, sagt Heynen, noch sei in den städtischen Einrichtungen nichts umgesetzt.

Wie geht es weiter?

Am 26. Februar findet im Rathaus ein nicht öffentliches Kitaforum statt. Geladene Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung sowie Träger, Fachkräfte und Eltern können sich in verschiedenen thematischen Gruppen über die bisherigen Überlegungen informieren und ihre Ansichten und Ideen einbringen. Die Stuttgarter Initiative Kitastrophe, in der sich Familien und Fachkräfte zusammengeschlossen haben, hat auf ihrem Instagram-Account für diesen Tag eine Aktion vor dem Rathaus angekündigt. Die Initiative spricht sich gegen eine Reduzierung bestehender Angebote aus. Werde der Erprobungsparagraf angewendet, befürchtet die Kitastrophe außerdem, dass die Betreuungsqualität in den Kitas sinke.