Das Loch in der Fassade des Bonatzbaus soll bis Ende Februar geschlossen werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im August 2021 sind bei Umbauarbeiten Fassadenteile des Stuttgarter Hauptbahnhofs in die Tiefe gestürzt. Nun macht sich die Bahn an den Wiederaufbau – und gewährt Einblick in die aktuelle Baustelle.

„Zahnlücke“ nennt Sebastian Heer das Loch, das in der Fassade des Hauptbahnhofs auf der Seite hin zum Arnulf-Klett-Platz klafft. Man kann darüber streiten, ob es sich angesichts der Ausmaße nicht eher um einen veritablen Kieferschaden handelt, um im Sprachbild zu bleiben. Der Bauingenieur Heer leitet den Umbau des Bonatzgebäudes und sorgt nun dafür, dass der Schaden aus dem Stadtbild verschwindet, der am Anfang der Sanierungsarbeiten eingetreten war.

 

Ermittlungen nach Fassadenschaden eingestellt

Damals, im August 2021, waren nachts große Steinquader aus der Fassade gebrochen und rund 15 Meter in die Tiefe gestürzt. Verletzt wurde wie durch ein Wunder niemand. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat vor rund einem Jahr das Ermittlungsverfahren eingestellt. In der Zwischenzeit ist hinter der Fassade des Bonatzbaus ein Neubau entstanden. Dessen Baufortschritt erlaubt nun, die Lücke wieder zu schließen.

Auf der der Straße abgewandten Seite auf dem Dach des Neubaus wird das Schließen der Fassade vorbereitet. Dort werkeln die Experten des Crailsheimer Unternehmens SDC, das auf Steinmetzarbeiten in einer Denkmalschutzumgebung spezialisiert ist. Ehe sich die Lücke schließt, wird sie zunächst einmal nochmals größer. Die Ränder des Lochs müssen so weit zurückgebaut werden, bis wieder tragfähiges Mauerwerk erreicht ist, in dem die Steine dann verankert werden. Es sind jene Quader, die im August 2021 aus der Fassade gebrochen sind. Zwischenzeitlich waren sie im Stuttgarter Hafen zwischengelagert, ehe sie in den SDC-Werkstätten wieder aufgearbeitet wurden.

Neubau in einem halben Jahr hochgezogen

Bis Ende Februar soll das Loch in der Fassade geschlossen sein. Dann können auch die schweren Stahlstützen wieder abgebaut werden. Das wiederum ist Voraussetzung dafür, dass in den unteren Geschossen die neuen Fenster eingebaut werden können. Zwischen den stehen gebliebenen Fassaden ist im vollkommen entkernten Bonatzbau innerhalb eines halben Jahres ein mehrgeschossiger Neubau entstanden, der nun auch wieder die Fassaden stützt.

In den neu entstandenen Gebäudeteilen liegen die Rohbauer in den letzten Zügen, der Ausbau kann beginnen – und damit die Suche nach Mietern. 30 Ladenflächen unterschiedlicher Größe kommen auf den Markt. „Und die Nachfrage danach ist richtig groß“, sagt Sebastian Heer. Während die künftigen Ladenbetreiber noch nicht feststehen, sieht das bei dem ebenfalls im Bahnhof entstehenden Hotel anders aus. Daran ändert auch der Umstand nicht, dass die in Schwierigkeiten geratene Lindner Hotel Gruppe ihre Marke „Me an All Hotel“ mittlerweile an Hyatt veräußert hat. „Me and All Stuttgart ist derzeit im Bau, und wir rechnen mit einer Eröffnung im Jahr 2027. Das genaue Datum hängt aber natürlich auch von der Fertigstellung des Bahnhofs ab, worauf wir keinen Einfluss haben“, sagt ein Hyatt-Sprecher auf Anfrage.

Hinter der zu schließenden Fassade wachsen die Hotelzimmer in die Höhe, werden Flure und die künftige Aufteilung der Flächen erkennbar. „Mitte 2026 wollen wir den Bau an den Mieter übergeben“, sagt Sebastian Heer. Weil das Hotel über die bisherigen Abmessungen des Bonatzbaus hinausragt, gab es bei Bekanntwerden der Pläne große Vorbehalte, ob das Vorhaben auch mit den Vorgaben des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen sei.

Umbau teurer als prognostiziert

Die Hüter über die historische Bausubstanz reden auch an anderen Stellen beim Umbau des Bonatzgebäudes mit. Im Bahnhofsturm ist nun ein erstes neues Fenster eingebaut. Zuvor habe es ausführliche Debatten über die Frage gegeben, wie zu starke Reflexionen des Sonnenlichts durch die Glasflächen zu vermeiden seien, sowie über Beschaffenheit und Abmessung der Fensterrahmen.

Seit 2020 baut die Bahn den Bonatzbau um, der auch künftig als Empfangsgebäude dienen soll, wenn die Züge nach Abschluss von Stuttgart 21 im Durchgangs- statt im Kopfbahnhof halten. Wie beim Bau des Tiefbahnhofs haben sich auch beim Sanierungsvorhaben im Bonatzgebäude die Kostenprognosen als zu optimistisch erwiesen. Aus den ursprünglich angesetzten 200 Millionen Euro sind nach letztem Stand mehr als 580 Millionen Euro geworden.

Neue Umwege zeichnen sich ab

Unter anderem wird dafür auch die ehemalige Kopfbahnsteighalle komplett umgebaut. Damit Fahrgäste ebenerdig zu den Verteilerstegen über den Gleisen des Tiefbahnhofs kommen, wird in dem lang gezogenen Bau alles eine Etage tiefer gelegt. „Dort ist der Rohbau in vollem Gang“, sagt Sebastian Heer. Die Bodenplatte ist zur Hälfte hergestellt, im Bereich des Nordeingangs entsteht nun die Galerie-Ebene. Erst wenn diese eingebaut ist, können die umfangreichen Stützgerüste entfernt werden, die den seines Innenlebens beraubten Bau in der Vertikale halten.

Die rege Bautätigkeit im Inneren zwingt die Fahrgäste im Äußeren zu weiten Umwegen, um von der Stadt zu den Gleisen zu kommen. Und die nächste Einschränkung zeichnet sich bereits ab. In der großen Schalterhalle, in der etwa Fahrgäste von der Stadtbahn-Haltestelle wieder ans Tageslicht kommen, muss ein neuer Boden verlegt werden. Die Sperrung dieser wichtigen Verbindung ist von April an vorgesehen und wird laut Heer wohl einige Monate anhalten.