Gelungene Umnutzung in Zeiten knappen Wohnraums: So wird aus einer Kirche in der Esslinger Altstadt ein lichtes Zuhause für eine Familie mit vier Kindern. [Archiv]
Esslingen am Neckar - Ein Traum, den viele junge und sich ewig jung fühlende Leute haben: Es ist der von einer stillgelegten Halle, in die man einzieht und sich dort, von Backstein und Stahlträgern umgeben, eines coolen Daseins erfreut.
Wie macht man das aber, wenn man Kinder hat? Wie heizt man? Wie wird so ein Raum wohnlich? Und wie bekommt man genug Licht, wenn eine Seite der Halle fensterlos bleiben muss?
Gemeindesaal wird zum Wohntraum
Lauter Fragen, die eine junge Familie so originell beantwortet hat, dass das Projekt von einer Innenarchitektur-Jury für den Preis „Best of Interior 2020“ ausgewählt wurde (nachzulesen im gleichnamigen Buch, erschienen im Callwey-Verlag).
Bei der Halle, die auf einer Plattform im Internet angeboten wurde, handelt es sich aber nicht um eine alte Fabrik. Es ist ein Gotteshaus, besser ein Gemeindesaal einer freien Kirche in Esslingen am Neckar aus den 1950er Jahren.
Die Kirche wurde aufgegeben und die drei Etagen in Wohnungen umgewandelt. „Wir hatten zuvor schon in der Esslinger Altstadt gewohnt“, sagen die Bauherren, die ungenannt bleiben mögen. „Wir wollten hier bleiben, weil hier alles fußläufig oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln super zu erreichen ist.“
Studio 211 aus Stuttgart konzipierte den Umbau
Wie so eine Halle zu einem Zuhause für eine Familie mit inzwischen vier Kindern werden könnte, da kommen die Schwester und der Schwager der Bauherrin ins Spiel. Astrid Kirchner, Architektin, und Felix Becker, Innenarchitekt, von Studio 211 in Stuttgart, hatten sich die Halle auch angeschaut und waren sicher, es könnte etwas werden.
„Eine Sanierung birgt ein Füllhorn an Neuigkeiten“, sagt der Innenarchitekt, „daher bleibt für die Bauherren immer ein Restrisiko, was da finanziell auf sie zukommt.“ Die Familie sah aber vor allem die Möglichkeiten, wie der Bauherr sagt: „Ich fand es ein schönes Gefühl, dass wir frei planen konnten.“ Astrid Kirchner erinnert sich: „Erste Planungen fanden auf einer Papierserviette während einer Taufe statt.“
Unliebsame Überraschungen gab es in der etwa ein Jahr währenden Umbauzeit wenige, auch nicht beim Besuch der Gutachter vom Tragwerkplaner über den Prüfingenieur bis zum Denkmalschutzbeauftragten.
Erst einmal hieß es: alles raus und ertüchtigen fürs Hier und Heute. Mit Innendämmung mit ökologisch nachhaltiger Mineralsteinwolle, einer Lüftungsanlage und einer feuerfesten Abhangdecke. Hierbei wurden auch die Holzträger eingepackt. Die Beleuchtung erfolgt über Abhangleuchten, die flexibel in Schienen eingehängt werden.
Ein Eichenholzboden für die Wohnlichkeit
Die alten Fenster wurden ausgetauscht; damit genug Licht einfällt, sind sie zwei Meter breit, 2,25 Meter hoch. Auf der gegenüberliegenden Raumseite sind aus Baurechtsgründen keine Fenster möglich. Erneuert wurde auch der Boden. An einen „uralten Teppich“ erinnert sich der Bauherr. Der wurde durch einen Eichenholzboden aus der Schweiz ersetzt. Felix Becker: „Damit der Raum wohnlich wirkt und an Tempo verliert, haben wir einen Holzboden mit rhythmisierten Querlinien ausgewählt.“
Um die Großzügigkeit der 137 Quadratmeter Grundfläche zu erhalten, wurde der 3,60 Meter hohe Raum längs geteilt und eine zweite Ebene eingezogen. Stufen führen hinauf auf ein von einem Zimmermann konstruiertes Podest mit einer Art Reling. Dort befinden sich drei Schlafräume und ein Badezimmer.
Ein Raum hat noch einen Podest, der als Ablage oder Leseecke dient – hier gibt es zusätzlich ein weiteres Fenster zum Hauptraum. Außerdem war hier auch noch an der Stirnwand ein Fenster erlaubt, da die Seite von außen nicht bebaut werden kann.
Viel Licht durch große Fenster
Auch die anderen Räume bekommen jede Menge Licht durch zwei und drei Meter breite und jeweils 1,35 Meter hohe Fenster, die in den Wohnraum zeigen – und mit Vorhängen verschlossen werden, wenn es Zeit zu schlafen ist.
„Das ,Box in der Box‘-Prinzip wird im Bad noch einmal thematisiert“, sagt der Innenarchitekt. So ist die Dusche (über Kopf sogar) gefliest, der vordere Bereich mit Linoleumboden versehen, die Wand blau gestrichen und in derselben Farbe möbliert. „Die dunkle Zone ist als Kontrast zu den hellen Räumen geplant“, sagt Felix Becker. Ein fensterloser Raum, der dies selbstbewusst inszeniert und zur Helligkeit der übrigen Wohnung einen interessanten Kontrast bildet.
Das Besondere der Konstruktion ist auch, dass sich unter dem Podest befindet sich beneidenswert viel Stauraum für Bücher, Ordner, Spiele und diverse Dinge findet, die man sonst auf dem Dachboden oder im Keller lagert. Das kluge Konzept dabei: Dinge des täglichen Bedarfs sind in herausziehbaren Wägen untergebracht.
Eine offene Küche
Platz ist da auch für einen Schreibtisch mit versenkbarem Bildschirm, der lässt sich aus dem Podest herausziehen. „Das ist wirklich klasse“, sagt die Bauherrin. „Wir haben eine große Familie und feiern gern. Und so kann man gut neben dem Esstisch noch einen zweiten Tisch für Besuch aufbauen.“
Ein weiteres Möbel ist das von allen vier Seiten bespielbare Sideboard, das Platz für Musikanlage und Bücher bietet und die Optik der herausziehbaren Elemente des Podests aufnimmt. Und das als dezenter Raumteiler zwischen Ess- und Wohnbereich dient.
Das Einzige, was noch daran erinnert, dass hier mal gepredigt wurde, ist ein kleines Podest für die Kanzel an der Stirnseite. Hier ist rechts ein schalldichter Raum, wo die Bauherrin, eine Musikerin, übt – und einer der Söhne Trompete spielt. Links ist die Küche mit wandhohen Einbaumöbeln und einer Öffnung hin in den Raum. Wer kocht, kann zugleich sehen, was sich im Wohnraum abspielt.
Hier, an der Schnittstelle von Kochen und Wohnen, ist auch der Ausgang auf den etwa zwölf Quadratmeter großen Balkon. Die Esslinger Altstadt steht unter Ensembleschutz, da kann also nicht einfach am Haus herumgetüftelt werden – der Antrag dafür aber war schon genehmigt.
Haustechnik auf der ehemaligen Fluchttreppe
Auch dass so ein Kirchenraum eine Fluchttreppe benötigte, kommt der Familie zupass. Denn irgendwo müssen ja auch Technik, etwa für die Gasetagenheizung, und die Waschmaschinen untergebracht werden. So wurde auf dem Absatz zur Treppe all das untergebracht, nachdem die Treppe entfernt und die Geschossdecke zubetoniert wurde.
Auf der gegenüberliegenden Seite, wo einst die Gäste-WCs für die gläubigen Damen war, befindet sich jetzt ein zweites Badezimmer mit Dusche. Unter dem Waschtisch wiederum gibt’s maßgeschneiderte Einbaumöbel mit Stauraum.
Und damit einem der Besuch nicht gleich mit der Tür ins Loft fällt, hat der Innenarchitekt ein Möbel entworfen, das zur Eingangstür hin als Windfang, Garderobe und Sitzmöglichkeit dient und in den Wohnraum hinein noch eine Stellfläche bietet.
Und was sagt die Nachbarschaft? Der Bauherr: „Wir sind mit unseren vier Kindern sicherlich auch nicht gerade leise, doch die Nachbarn freuen sich, weil der Lärm durch parkende Gemeindeglieder sonntags wegfällt.“ Eine gelungene, in Zeiten knappen Wohnraums nachhaltige Umnutzung. Sie zeigt, ein Loft ist auch ein cooler Ort für eine Familie.
Dieser Text erschien erstmals am 16.04.2021.