In vier Workshops erklärten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes, wo die Stadt im Kita-Prozess steht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Stadt will ihr Ganztagsangebot in Kitas stark zurück fahren. Nun wurde beim Kita-Forum erstmals bekannt, wie sie das machen will – und wie viele städtische Einrichtungen das betreffen könnte.

Wie, wo und in welchem Ausmaß werden Ganztagsplätze in Stuttgarter Kitas reduziert? Das ist eine Frage, die Eltern, aber auch Fachkräfte und freie Träger umtreibt, seit die Stadt Stuttgart vor gut einem Jahr den so genannten Kita-Prozess gestartet hat. Dessen Ziel: In Zeiten von Personalmangel zusätzliche Plätze zu schaffen und die Betreuungszeiten in den Einrichtungen verlässlicher zu machen. Dazu sollen Ganztagsplatzangebote, also Plätze mit acht und mehr Stunden Betreuungszeit, reduziert werden. In den Krippen für Kinder unter drei Jahren soll der Ganztagsanteil von derzeit 90 auf 60 Prozent sinken, im Kindergartenbereich für ältere Kinder von 70 auf 60 Prozent.

 

In einem Kita-Forum hat das Jugendamt nun etwa 120 Vertretern der freien Träger – von Politik und Arbeitgebern sowie Einrichtungsleitungen und Elternbeiräten – vorgestellt, wie weit der Prozess ist. Und dabei auch gezeigt, wie Angebote künftig verändert werden könnten.

Flexible Mischgruppen

Dabei wurde nun erstmals deutlich, dass das Jugendamt in städtischen Einrichtungen neben den weiter bestehenden Ganztagsgruppen auf „Mischgruppen“ setzen möchte, die es bislang nicht gibt. Dort werden dann zum Beispiel für Kinder von drei bis sechs Jahren 20 Plätze angeboten, ein Teil davon im Ganztag, der Rest als so genannte VÖ-Plätze mit sechs oder sieben Stunden täglicher Betreuung. Der Vorteil im Vergleich zu reinen Ganztagsgruppen: Es können auch Teilzeitkräfte gut eingesetzt werden, außerdem ist das Modell flexibel. Je nach Personalausstattung einer Kita können mehr oder weniger Plätze im Ganztag angeboten werden. Auch für Eltern soll es einfacher werden, zum Beispiel mit einem VÖ-Platz zu starten und später auf einen Ganztagsplatz zu wechseln.

Das Jugendamt hat einen Prozess mit den Einrichtungen gestartet, um herauszufinden, in wie vielen der rund 190 städtischen Kitas Ganztags- in Mischgruppen umgewandelt werden können. Es geht auch darum, solche Gruppen als Mischgruppen zu ermöglichen, die derzeit gar nicht angeboten werden können, weil Personal fehlt. Tatsächlich gibt es derzeit 2900 Kita-Plätze in Stuttgart, die nur auf dem Papier bestehen, und gleichzeitig rund 3000 unversorgte Kinder.

In ihrer Präsentation rechnete eine Jugendamtsvertreterin vor, dass für knapp 60 Prozent der Einrichtungen Mischgruppen in Frage kommen. Konzentrieren will man sich dabei auf Stadtbezirke, in denen die Ganztagsversorgung derzeit relativ hoch ist. Die genaue Ausgestaltung soll in den Jugendhilfeausschuss des Gemeinderates eingebracht und im nächsten Haushalt abgebildet werden.

Für die freien Träger von Kitas ist die Reduzierung des Ganztags nicht verpflichtend. Allerdings machte Jörg Schulze-Gronemeyer, verantwortlich für die mehr als 100 evangelischen Kitas in Stuttgart, deutlich, dass sein Träger in einen ähnlichen Prozess gestartet ist. Und zwar in Einrichtungen, die wegen Personalmangels ihr derzeitiges Ganztagsangebot nicht aufrecht erhalten können. Dort wolle man VÖ-Gruppen etablieren, um so das Angebot verlässlich zu machen. Dazu habe man die Eltern zu deren Betreuungsbedarf befragt.

Eltern, Fachkräfte, Stadtmitarbeiter diskutierten über die Pläne beim Kita-Forum. Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Julian Rettig

Neben diesen Informationen zum Thema neue Öffnungs- und Betreuungszeiten, informierten Jugendamtsvertreter auch, wie weiter Personal gewonnen werden soll (etwa im Ausland), über welche alternativen Betreuungsformen nachgedacht wird (etwa so genannte Spielräume) und wie die Qualität von Betreuung und Bildung in den Kitas hoch bleiben soll. Eltern, Fachkräfte und Träger konnten Anregungen, aber auch Bedenken oder Erfahrungen zu diesen Themenfeldern einbringen.

So meldeten zum Beispiel einige Kita-Leiterinnen zurück, dass sich viele Eltern schwer tun, das neu eingeführte digitale Elternkonto anzulegen, über das man einen Kitaplatz beantragen muss. Lob gab es für das Konzept Spielräume, mit dem die Stadt eine Betreuungsmöglichkeit für bislang unversorgte Kinder schaffen will: Kita-Träger, aber zum Beispiel auch Familienzentren können nun Gruppen für bis zu zehn Kinder und maximal zehn Stunden wöchentlich schaffen, in denen neben einer Fachkraft auch Fachfremde die Kinder mitbetreuen.

Der Kita-Prozess der Stadt

Ziele
Die Stadt will mit dem Kita-Prozess die Angebotslandschaft weiterentwickeln, und – orientiert am Bedarf von Kindern und Eltern – verlässliche Betreuungsangebote schaffen. Dazu gehören die Gewinnung neuer Fachkräfte, alternative Betreuungsangebote mit Externen und der Einsatz des Personals gemäß den Versorgungszielen. Die Stadt will in Zukunft stärker auf sogenannte VÖ-Plätze mit 30 Stunden Betreuung pro Woche setzen, teils auch mit der Möglichkeit zum Mittagessen. Auch ein Angebot mit sieben Stunden täglich inklusive Mittagessen ist geplant. Der Gemeinderat hat dafür den notwendigen Grundsatzbeschluss gefasst.

Struktur
An der Projektlenkung sind neben Isabel Fezer und Jugendamt auch Trägervertreter sowie die jugendhilfepolitischen Sprecher der Fraktionen beteiligt. In Arbeitsgruppen werden die einzelnen Themen behandelt und nach Bedarf externe Akteure wie der Kommunalverband Jugend und Soziales einbezogen. Zweimal im Jahr findet ein Kita-Forum statt, zu dem Eltern, Träger, Kitaleitungen, Politiker, Gewerkschaften und Arbeitgeber eingeladen werden.

Platzvergabekriterien und Elternkonto
Seit August können Familien online ein eigenes Elternkonto einrichten. „Im Elternkonto können Sie Ihre Daten selbst pflegen, Ihre Betreuungswünsche als Anfragen an die Kitas senden sowie mit den Einrichtungen und dem Kitaservice kommunizieren und Dokumente austauschen“, heißt es auf der Homepage der Stadt dazu. Seit September wendet das Jugendamt die neuen Vergabekriterien an. Unter anderem werden nun der Beschäftigungsumfang und das Alter des Kindes stärker gewichtet, dafür der Geschwisterbonus weniger stark als früher. Eine Übersicht der Punkte findet man auf der Homepage der Stadt.