Charles Michel war mit 38 Jahren bereits Regierungschef Belgiens. Foto: dpa

Der 43-jährige Belgier soll Ratspräsident der Europäischen Union werden.

Brüssel - Zum zweiten Mal bekommt ein Belgier das erst 2009 geschaffene Amt des ständigen Ratspräsidenten der EU. Vielleicht ist die komplizierte, permanent zum Ausgleich zwischen den Sprachgruppen verpflichtete belgische Politik die beste Schule für diesen Job, den seit 2014 der Pole Donald Tusk ausübt. Sein Nachfolger, der 43-jährige Charles Michel, hat die Aufgabe, die Treffen der 28 selbstbewussten Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer zu leiten. Er hat bei den meist einstimmig zu treffenden Entscheidungen selbst keine Stimme. Er muss aber dafür sorgen, dass die EU bei den Gipfeln, die regulär alle vier Monate in Brüssel stattfinden, nicht nur in Trippelschritten vorankommt, sondern Handlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Das ist nicht leicht, weil im Rat, dem zweiten Co-Gesetzgeber der EU neben dem Parlament, häufig die Bremser sitzen.

Donald Tusk hat Charles Michel eine „Idealbesetzung“ genannt. Vielleicht ist er das tatsächlich. Der Jurist und Sohn eines belgischen Außenministers, EU-Kommissars und zuletzt EU-Abgeordneten hat in seiner 20-jährigen Politikkarriere erstaunliche Wendigkeit an den Tag gelegt. Es ist ihm, der aus dem französischsprachigen Teil Belgiens kommt, gelungen, auf nationaler Ebene 2014 eine Koalition zwischen den flämischen Nationalisten und seiner liberalen Partei zu schmieden.

Er hat die Gelegenheiten genutzt, Netzwerke zu knüpfen

Mit 38 Jahren war er der jüngste belgische Regierungschef aller Zeiten. Seine Regierung wurde „Kamikaze“-Koalition genannt, weil die flämischen Nationalisten mehr Abgeordnete hatten, er aber als Vertreter des kleineren Koalitionspartners Ministerpräsident war. Die Regierung hielt fast vier Jahre. Gerade auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise waren von Michel Jonglierkünste gefragt: Sein Koalitionspartner geißelte Merkels „Wir schaffen das“-Ansatz, er selbst formulierte seine Hochachtung, als sie wegen ihrer Flüchtlingspolitik den Ehrendoktor einer belgischen Universität bekam. Michel gilt auch als „Chamäleon“ der belgischen Politik. Anpassungsfähig ja, aber mit einem klaren proeuropäischen Wertegerüst. So trat er als Regierungschef zurück, als die flämischen Nationalisten verhindern wollten, dass Belgien den UN-Migrationspakt in Marrakesch unterschreibt.

Er hat wiederholt deutlich gemacht, dass ihm als Regierungschef die Gipfel und das Treffen mit den anderen Regierungschefs viel Freude gemacht haben. Er hat die Gelegenheiten genutzt, Netzwerke zu knüpfen. Oft tauchten Fotos auf, die Michel bei einem Bier auf der Grand Place der Hauptstadt zeigte. Mal waren dies die beiden anderen liberalen Benelux-Regierungschefs Marc Rutte und Xavier Bettel, dann wieder pflegte er den Austausch mit den Spitzen der Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei, die zunehmend einen eigensinnigen Kurs in der EU verfolgen. Von all diesen Kontakten dürfte er in Zukunft profitieren.

Für Michel kommt der Ruf zu einem günstigen Moment

Für Michel, der mit 23 Jahren Abgeordneter und mit 24 Minister in Wallonien war, kommt der Ruf zu einem günstigen Moment. Belgiens Politik hat sich nach den Wahlen verhakt, keiner weiß, wie die nächste Regierung aussieht. Klar war aber, dass Michel ihr nicht wieder vorstehen wird. Sein Ansehen ist mittlerweile außerhalb Belgiens höher. Eine Schwäche hat Michel aber: Er spricht zwar erstaunlich gut Niederländisch, doch bis zu seinem Amtsantritt im Dezember muss er dringend sein Englisch aufpolieren.

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