Foto: Baumann

In der Bundesliga rollt ab Freitag wieder der Ball – Bei Verstößen drohen Fans strenge Sanktionen.

Stuttgart - Fußball ist die schönste Nebensache der Welt und südländische Atmosphäre ein geflügeltes Wort in den Stadien. Aber die, die dafür sorgen sollen, stehen am Pranger. Seit Jahren sinkt zwar die Zahl von Gewalttaten in der Bundesliga. Doch die Sicherheitsdiskussion beherrscht nach einigen Vorfällen gegen Ende der vergangenen Saison die öffentliche Meinung: bengalische Feuer, Zuschauer auf dem Platz, Sicherheitskonferenz und viele Drohungen gegenüber den Fußballfans – auch gegenüber solchen, die mit den Vorfällen gar nichts zu tun hatten. In der neuen Saison stehen die Stimmungsmacher auf den Rängen deshalb unter Bewährung. Viele von ihnen schütteln angesichts der Vorgaben nur noch den Kopf. Die Fußballverbände und Teile ihrer Kundschaft scheinen weiter voneinander entfernt zu sein denn je. Eine Chronologie der jüngsten Ereignisse.

Frankfurt, Mitte 2011. Der damalige ­Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Helmut Spahn, stellt dem harten Kern der Fußballfans eine begrenzte Freigabe von Pyrotechnik in Aussicht. Das Abbrennen soll in einem eng abgesteckten Rahmen möglich sein. Doch die Kehrtwende folgt prompt. Kurz darauf bricht der DFB die Gespräche ab. Nach Prüfung rechtlicher Fragen vertrete man nun eine Null-Toleranz-Politik, teilt der Verband mit. Die Fans sind erbost, fühlen sich getäuscht.

Düsseldorf muss ein Heimspiel ohne Zuschauer austragen

Dortmund, 25. Oktober 2011. Anhänger von Dynamo Dresden sorgen mit dem Zünden von Bengalos und Knallkörpern mehrfach fast für den Abbruch der Pokalpartie in Dortmund. Ein Ausschluss aus dem­ Wett­bewerb 2012/13 wird zurückgenommen, Dresden zu einem Geisterspiel ohne Zuschauer und 100 000 Euro Strafe verurteilt.

Karlsruhe, 14. Mai 2012. Nach dem ­Abstieg des Karlsruher SC in die 3. Liga randalieren vermummte Anhänger bis in die Nacht hinein. Die Bilanz: 75 Verletzte, darunter 18 Polizisten. Der KSC musste ein Heimspiel vor leeren Rängen bestreiten.

Düsseldorf, 15. Mai 2012. Millionen ­Fernsehzuschauer sehen krasse Bilder. Beim Aufstieg von Fortuna Düsseldorf im Relegationsspiel gegen Hertha BSC provozieren erst Berliner Anhänger mit Leuchtkörper-Würfen Spielunterbrechungen, dann stürmen in der Nachspielzeit Tausende Fortuna-Fans das Spielfeld, weil sie glauben, die Partie sei bereits abgepfiffen. Düsseldorf muss ein Heimspiel ohne Zuschauer austragen.

Stehplatzverbot als Drohung

Berlin, 17. Juli. DFB, Deutsche Fußball Liga, Politik und 53 Profivereine treffen sich zur Sicherheitskonferenz. Sie beschließen einen Verhaltenskodex fürs Stadion. Die Stehplätze sollen entgegen erster Drohungen erhalten bleiben, die Zuwendungen für Fan-Projekte werden erhöht, Gewalt und Einsatz von Pyrotechnik sollen konsequent geahndet werden. Stadionverbote sollen nicht mehr für maximal drei, sondern für fünf, in besonders schweren Fällen sogar für zehn Jahre ausgesprochen werden können. „Es muss uns im Sinne des gesamten deutschen Fußballs gelingen, die kleine Gruppe der Störer und Gewalttäter noch besser in den Griff zu bekommen“, sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Fan-Vertreter sind zu den Gesprächen nicht eingeladen. Dementsprechend hart fällt deren Urteil aus: Manche reden von einer „Katastrophe“, andere gar von einer „Kriegserklärung“.

Frankfurt, Ende Juli 2012. DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock droht erneut mit einem Stehplatzverbot: „Es ist bereits eine Minute vor zwölf.“ Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) betont, bei neuen Vorfällen müsse man umdenken.

Commando Cannstatt ist die größte Ultra-Gruppierung des VfB

Stuttgart, Anfang August 2012. Eine urige Eckkneipe in Bad Cannstatt. Die Wände sind übersät mit Schals des VfB Stuttgart. Frisch gedruckte Flyer stapeln sich im Büro, es gibt einen Raucherraum, eine Theke und immer was zu tun. „Wir sind bürokratischer organisiert als ein Taubenzüchterverein“, sagt Oliver Schaal und lacht. Er steht inmitten der Clubräume des Commando Cannstatt, der mit Abstand größten Ultra-Gruppierung des VfB. 1100 Leute gehören inzwischen dazu, Tendenz ständig steigend. Laut Fernsehbildern und -kommentaren, laut Politikern und DFB sind die Ultras die Wurzel des Übels. Mit Pyrotechnik zündelnde Randalierer, die Probleme machen. In ihrer eigenen Sicht sind sie kompromisslose, kritische Fußballfans, eine Subkultur. „Das ist eine Geschichte voller Missverständnisse“, sagt Schaal und atmet tief durch.

Er ist nicht allein gekommen. Denn die Diskussionen über die Sicherheit beim Fußball betreffen nicht nur die Ultras, sondern alle Stadionbesucher. Deswegen sitzen Vertreter von Fanclubs mit am Tisch. Joachim Schmid ist Vorsitzender der Rot-Weißen Schwaben Berkheim und regionaler Vertreter Esslingens im Fan-Ausschuss des VfB Stuttgart, in dem Verein und Anhänger miteinander diskutieren. Für Stuttgart sitzt in diesem Gremium Heinz Münch, für Oberschwaben Tobias Bücheler aus Biberach. Auch Schaal und Ultra-Kollege Benjamin Nagel sind dort vertreten. Man kennt und schätzt sich, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist.

„Es wird immer nur über die Fans gesprochen, aber nie mit ihnen“, sagt Münch. Was auch schwierig ist, denn es handelt sich nicht um eine homogene Masse. „Manche sagen, Ultras brauchen wir nicht, andere finden sie gut und mögen Pyrotechnik“, weiß Schmid. Einig sind sie sich darin, dass alle Fußballanhänger in Sippenhaft genommen werden sollen. „Was an Sanktionen diskutiert wird, ist fernab jeder Verhältnismäßigkeit“, sagt Schaal. Er betont: „Keiner hat ein Interesse daran, jemanden zu gefährden.“ Deshalb wäre es der richtige Weg gewesen, miteinander zu reden und eine Lösung zu finden, die aus der Illegalität herausführt. Stattdessen sehe man nun eine „Sonderjustiz“ für Fußballfans: Wer Mist baue, werde gleich dreifach bestraft. Strafrechtlich, zivilrechtlich und mit Stadionverbot.

Fans fühlen sich inzwischen geradezu drangsaliert

Viele Fans fühlen sich inzwischen geradezu drangsaliert – und haben doch eigentlich ganz andere Sorgen. „Pyrotechnik ist in der Fan-Szene das kleinste Thema, wird aber von Politik und Verbänden wahnsinnig aufgebauscht“, sagt Schaal. Eine kritische Fan-Szene, wie sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt habe, passe dort nicht ins Konzept. „Uns treiben im Alltag ganz andere Dinge um“, bestätigt Bücheler. Die Fanclubs, die er vertritt, reichen von München bis zum Bodensee. „Da geht es um Eintrittskarten oder Anstoßzeiten“, sagt er.

Wie die neue Saison verlaufen wird, wagt keiner zu sagen: „Der Druck von der Politik ist da. Wie die Leute reagieren, weiß keiner. Es fehlen die positiven Anreize. Wo wird den Fans die Hand gereicht?“, fragt Schaal. Der VfB Stuttgart und die Stuttgarter Polizei haben eine klare Marschroute. „Bengalische Feuer werden über 1000 Grad heiß, das Zeug ist sehr gefährlich“, sagt Matthias Huber, der Sicherheitsbeauftragte des Vereins. Die Polizei spricht beim Zünden von Pyrotechnik von einem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Nachgiebigkeit wird es bei dem Thema auch in Stuttgart, wo man in gutem Kontakt zu den Fans steht, nicht geben – selbst wenn man nicht alle 60 000 Besucher eines Spiels in der Mercedes-Benz-Arena kontrollieren kann.

Keine strengeren Einlasskontrollen in den Stadien

Frankfurt am Main, 20. August. Die ­Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) teilt auf Anfrage mit, dass man den Ergebnissen der Sicherheitskonferenz in Berlin nichts hinzuzufügen habe. Der DFB rührt sich erst gar nicht. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei der DFL immerhin, dass sich für den gemeinen Fan zunächst wohl wenig ändern werde. Strengere Einlasskontrollen etwa seien in den Stadien nicht vorgesehen.

Den Vorwurf, den Dialog mit den Fans zu verweigern, versteht man bei der DFL nicht. Schließlich seien sie in vielen Bereichen beim DFB mit im Boot. Das muss offenbar genügen. Und, an die Adresse der Ultras: Über das Thema Pyrotechnik müsse man ohnehin nicht miteinander reden. Dabei gehe es schlicht um eine verbotene Handlung. Offiziell klingt die Aussage so: „Dialog und Kommunikation bleiben immer die Grundlage unseres Handelns, ebenso unerlässlich ist aber eine konsequente Bestrafung von Fehlverhalten“, hat Liga-Präsident Reinhard Rauball im Juli erklärt. Der grobe Rahmen ist abgesteckt: null Toleranz. Darüber hinaus herrscht die große Sprachlosigkeit.

Dortmund, 24. August 2012, 20.30 Uhr. Der aktuelle Meister Borussia Dortmund beginnt die Saison mit der Partie gegen Werder Bremen. Das Spiel ist ausverkauft, 80 720 Besucher werden erwartet. Anpfiff zu einer spannenden Spielzeit. In jeder Hinsicht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: