Ulrich Tukur spielt die Hauptfigur in „Rommel“. Foto: Leif Piechowski

Ulrich Tukur war schon in vielen historischen Rollen zu sehen. Nun spielt er Generalfeldmarschall Erwin Rommel in der Endphase Hitler-Deutschlands in einem Fernsehfilm, der den „Wüstenfuchs“ im schweren Zwiespalt zeigt.

Ulrich Tukur war schon in vielen historischen Rollen zu sehen. Nun spielt er Generalfeldmarschall Erwin Rommel in der Endphase Hitler-Deutschlands in einem Fernsehfilm, der den „Wüstenfuchs“ im schweren Zwiespalt zeigt.

Herr Tukur, wie haben Sie sich Erwin Rommel genähert?
Zunächst rein äußerlich. Da war der schwäbische Dialekt, die Uniform, das kantige ­Gebaren des Soldaten. Ich stamme selbst aus schwäbischem Elternhaus, und in meiner ­Familie gab es einige Offiziere. Die Hülle war mir also schnell klar. Aber um ihn wirklich zu spielen, musste ich hinter die Fassade steigen und verstehen, in welchem Konflikt sich Rommel befand und wie seine Persönlichkeit beschaffen war. Alles natürlich nur Annäherungen an eine mögliche Wahrheit.

Hat Rommel Sie berührt?
Ja, ich sehe in Dokumentaraufnahmen von 1943/44 einen etwas linkischen Mann, merkwürdig unsicher und so gar nicht der militärische Draufgänger, als der er berühmt war. Er hält die Fassade aufrecht, aber ich spüre dahinter etwas sonderbar Verlorenes. Ich versuchte mir vorzustellen: Wie sieht es in einem aus, der erkennt, dass er einem Mann die Treue hält, der sein Land in den Abgrund reißt? Der fühlt, dass er eingreifen muss, dass er als populärer Truppenführer eine spezielle Verantwortung hat, die die Grenzen seiner Moralvorstellungen überschreiten könnte? Diesen Konflikt kann er nicht lösen, er zermürbt ihn. Er widerspricht Hitler mehrmals deutlich, sagt, dass der Krieg im Westen verloren ist, das hat sich niemand sonst getraut. Aber er nimmt die Rolle nicht an, die ihm das Schicksal bietet. Er bleibt Soldat und wird nach zu langem Zögern von den Ereignissen überrollt. In den Momenten der Angst und Hilflosigkeit rührt er mich wirklich.

War Rommel Teil des Widerstands?
So wie es aussieht, nicht, er wusste von Aktivitäten, aber nichts Genaues. Er hat sie nicht verraten, und das wurde ihm später zum Verhängnis. Als er dann entschied, mit anderen Generälen die Kapitulation im Westen einzuleiten, wurde er Opfer eines Fliegerangriffs, lag wochenlang im Krankenhaus. Das Stauffenberg-Attentat fand statt, und er spielte keine Rolle mehr. Das hat durchaus tragische Züge.

Das trifft auch auf den SS-Mann Gerstein zu, den Sie in „Der Stellvertreter“ gespielt haben.
Gerstein ist viel abgründiger. Ein tief religiöser Mensch, der zur Waffen-SS geht und Zeuge der ersten Vergasungsversuche wird. Er beschließt, Chronist der Tragödie zu werden, liefert Zyklon B an die Vernichtungs­lager, lässt Hunderte Kilo verschwinden, schreibt Berichte und ruft dann den Vatikan um Hilfe. Er nimmt furchtbare Schuld auf sich, um zu verhindern, dass noch mehr ­Unheil angerichtet wird, und um Zeugnis abzulegen von einem der größten Verbrechen der Menschheit. Er hat dafür bezahlt. Wer in die Hölle blickt, wird von ihr verschluckt.

Wie macht man aus solch unnahbaren Figuren Menschen?
Sie wirken unnahbar und in der historischen Entfernung sonderbar unwirklich, es waren aber auch nur Menschen, die wie wir Angst hatten und überleben wollten. Sie waren autoritär erzogen, hatten ein ganz anderes Lebensgefühl und andere Wertvorstellungen, sie lebten und handelten in einer Welt, in der schon ein harmloser Witz tödliche Folgen haben konnte. Man muss Menschen in ihrer Zeit verstehen und darf nicht vorschnell heutige Maßstäbe an alles legen. Und man findet immer Charaktere, die mit Mut, Witz und Empathie auf die Zeitläufte reagieren, und einen riesengroßen Rest verängstigter Mitläufer. Das ist auch heute nicht anders.

Kann man überhaupt jemals begreifen, was damals passiert ist?
Wir werden nie verstehen, wie ein Volk der Dichter und Denker über Nacht in einem Rausch aus Hass und Verbrechen versinkt. Das Dritte Reich ist nichts als der Blick in den Abgrund unserer Seele. Wir sind Dichter und Mörder. Und damit meine ich nicht die Deutschen, sondern den Homo sapiens schlechthin. Beides steckt in ihm, das ist verstörend und uns ein unlösbares Rätsel. Das Perfide am Nationalsozialismus war, dass seine Protagonisten einen hohen Sinn für theatralische und ästhetische Wirksamkeit besaßen, die die blanke Brutalität ihrer Philosophie und Taten so effektvoll dekorierte, dass sie für viele nicht mehr sichtbar war.

b> „Charakterlos, charmant und intelligent, kennt er nur seine eigenen Interessen“

Sie haben viele Figuren deutscher Zeitgeschichte gespielt, Andreas Baader, einen Stasi-Offizier – haben Sie eine Leidenschaft für Figuren an historischen Knackpunkten?
Ja – wie reagieren Menschen auf die Anwürfe ihrer Zeit? Welche Fehler machen sie, wo sind sie gescheitert, wo haben sie gewonnen? Ich habe Geschichte in Tübingen studiert und fand es immer wichtig, das Leben derer zu verstehen, die vor uns um ihr Glück auf diesem Planeten kämpften. Es machte mich möglich und definiert mich heute, und ich habe das Gefühl, dass ich nicht ganz orientierungslos auf diesem Kampfplatz stehe.

Wann haben Sie gewusst, dass der Stasi-Mann Anton Grubitz in „Das Leben der anderen“ so ein mieser Zyniker ist?
Der war schon auf den ersten Blick der Karrierist schlechthin, ein Typus, der in jedem System funktioniert: Charakterlos, charmant und intelligent, kennt er nur seine eigenen Interessen. Er kann Kommunist oder Nazi sein, sitzt aber auch gerne in der Chefetage eines internationalen Industriekonzerns. Diese Typen sind die schlimmsten Kreaturen auf Gottes Erdboden.

Wie viel steht in Drehbüchern schon drin, die Sie annehmen, wie viel verhandeln Sie nach?
Florian Henckel von Donnersmarck hatte gründlich recherchiert und ein absolut wasserdichtes Drehbuch geschrieben, das ist aber eher selten. Oft setzt man sich mit ­Regisseuren und Drehbuchautoren zusammen, bespricht das Buch, arbeitet an ­Struktur und Dialogen. Wenn man allerdings einem Michael Haneke damit käme, würde man mit der flachen Hand erschlagen. Da wird nichts geändert. Da sitzt jeder Satz.

Als Baron in „Das Weiße Band“ hatten Sie also keinerlei Spielraum?
Er hat mich 35-mal eine Treppe hinauf- und hinuntergehen lassen, bis es ihm passte. Er ist ein Diktator als Regisseur, aber eben ein genialer Autor, seine Drehbücher sind Meisterwerke. Da gibt es keine Improvisation, da wird ausgeführt, was er sich vorstellt, und wehe, es funktioniert nicht. Nach Drehschluss kann er absolut zauberhaft sein.

War die Kamera schon immer Ihr Freund, oder mussten Sie das lernen?
Ich habe am Anfang vor der Kamera viel zu viel agiert. Auf der Bühne spielt man ja für die 35. Reihe, man muss vergrößern, aber so, dass es glaubhaft bleibt. Die Stimme ist lauter, die Bewegungen überschaubarer. Beim Film muss man verkleinern, darf fast nichts machen, aber man muss die Dinge sehr deutlich denken – denn man sieht sofort, wenn da nichts ist. Es gibt ein paar Tricks. Man sollte sich, bevor man redet, nicht hörbar aufpumpen: Jetzt sage ich gleich einen Satz! Dann sagt man ihn zweimal.

Was machen Sie lieber, Film oder Bühne?
Als Filmschauspieler bist du ein Opfer – die können dich einfach rausschneiden. Auf der Bühne aber ist es dein Abend, du ziehst das Ding durch, das ist schon beglückender. Ich kann’s mir momentan nur nicht leisten, meine Töchter studieren an Privatuniversitäten, und es hängen zu viele andere Menschen wirtschaftlich an mir dran. Das kann man am Theater nicht verdienen.

Sie machen ja auch noch Musik – wie ­bekommt man das alles unter einen Hut?
Ich arbeite auf verschiedenen Ebenen, um nicht in die Abhängigkeit eines Genres zu geraten. Ich kann sagen: Ich mach jetzt Musik, und so lange könnt ihr mich alle gernhaben. Oder ich schreibe ein Buch. Nach meinen Erzählungen über Venedig arbeite ich jetzt an einer fantastischen Novelle, einer Zeitreise in verschiedene historische Ebenen – ein bisschen im Stil von E. T. A. Hoffmann.

Möchten Sie auch einmal selbst Regie führen?
Ich habe keine große Freude daran, Menschen zu sagen, was sie tun sollen. Mich als Alpha-Tier vor sie hinzustellen und die Puppen tanzen zu lassen, diese Vorstellung ist mir nicht nur peinlich, sondern auch unheimlich. Mir macht es Spaß, mit Menschen zusammen zu arbeiten. Auf Augenhöhe.

Die ARD zeigt den Film „Rommel“ am Donnerstag, den 1. November, um 20.15 Uhr, gefolgt von „Rommel – Die Dokumentation“. Bereits freigeschaltet ist das Web-Special im Netz unter DasErste.de/Rommel.

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