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Hassprediger Ibrahim Abou Nagie will 25 Millionen Exemplare des Korans verteilen.

Stuttgart/Ulm - Die Wahrheit liegt in Ulm mitten in der Fußgängerzone. Unweit des Bahnhofs, einen gespuckten Kirschstein entfernt vom Kaffeeröster, vor den Schaufenstern mit kurzen Hosen, Shirts und leichten Sakkos. Mitten im Menschenstrom hat Ranie Mansour seine Wahrheit platziert. Unter dem gelben Dach eines Baldachins drapiert, wie ihn andere Menschen dieser Tage für ihre Grillplätze nutzen. Auf Tapeziertischen liegt der Koran. Blauer Kunstledereinband, güldenes Blütenmuster, weiße und goldene Lettern. Ranie Mansour ist im Auftrag seines Herrn unterwegs.

Göttlich ist der Herr allerdings keineswegs, der sich dieser Tage und Wochen ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. 25 Millionen Exemplare des Heiligen Buches der Muslime will Ibrahim Abou Nagie unters Volk bringen. Kostenlos verteilt in deutschen Fußgängerzonen. Von Männern wie dem Ulmer Ranie Mansour: weißes Häkelkäppchen auf dem Kopf, gepflegter Bart, die Hosen reichen nur bis zu den Fußknöcheln. Ibrahim Abou Nagie, der im Internet und in seiner Kölner Koranschule den Hass predigt, hat dazuaufgerufen, Deutschland die Erleuchtung zu bringen. Oder zumindest, was er dafür hält.

Noch bis Mai wird der Koran im Land verteilt

Den 47 Jahre alten gebürtigen Palästinenser halten die Verfassungsschützer in Nordrhein-Westfalen für „sehr gefährlich“. Er missioniert für die Idee der Salafisten, einer ultrakonservativen Interpretation des Islam. Eine Religion, in der nach Einschätzung der Verfassungsschützer in Stuttgart „wesentliche Grundrechte und Verfassungsgarantien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung keinen Platz mehr haben“.

Vordergründig will Abou Nagie „Allahs Wort in jeden Haushalt in Deutschland, Österreich und der Schweiz einziehen“ lassen. Dafür ist er seit Oktober vergangenen Jahres mit seinen bärtigen Jüngern in den Fußgängerzonen Deutschlands unterwegs. Noch bis Mitte Mai will der Prediger so missionieren, in Baden-Württemberg stehen Baden-Baden, Karlsruhe, Göppingen, Konstanz, Mannheim und Friedrichshafen auf Abou Nagies Koran-Tourneeplan. Beim Verfassungsschutz in Stuttgart gibt es bereits „Referenzexemplare zuhauf“.

Per Mausklick in Allahs Paradies

Eigentlich aber will der graubärtige Gottesdiener Nachwuchs für seinen Steinzeit-Islam rekrutieren, den er auf seiner Internetplattform „Die wahre Religion“ feilbietet. Hier lässt er Scheichs das Seelenheil und den Heiligen Krieg predigen, gibt Tipps, wie sich Muslima zu verhalten haben – und auch, wie die zu züchtigen sind, die die strengen salafistischen Regeln nicht befolgen. Sich also beispielsweise nicht verschleiern. Vor allem aber bietet Abou Nagie die Möglichkeit, im Internet den Islam anzunehmen. Per Mausklick in Allahs Paradies.

Deutlicher wird er freilich, wenn der Stecker aus der virtuellen Welt des Abou Nagie gezogen ist. Dann lässt er keinen Zweifel daran aufkommen, was er wirklich will: „Wir Muslime müssen uns schützen. Wir müssen unsere Kinder schützen, wir müssen Allahs Schöpfung schützen. Deshalb fordert der Prophet für Schwule die Todesstrafe“, schwadroniert er in einer seiner Predigten. In einer anderen fordert er nassforsch „die Steinigung für jemanden, der seine Frau betrügt.“ Nagies Ziel: In Deutschland soll das Recht des Islam herrschen, nicht mehr das Grundgesetz.

Warnung vor Verharmlosung der Koran-Verteilung

Verbieten können die Behörden die Geschenkaktion unter dem Motto „Lies!“ nicht. Rechtlich ist die Verteilung der heiligen Schrift einer Religionsgemeinschaft und Glaubensinformation erlaubt. Die Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg aus Frankfurt sagt: „Die Rechtslage ist eindeutig, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit lässt das zu.“

Das muss der integrationspolitische Sprecher der baden-württembergischen CDU-Landtagsfraktion, Bernhard Lasotta, notgedrungen akzeptieren – auch wenn er die Islamistenaktion für „Rattenfängerei“ hält: „Man versucht über Informationen über den Islam an Menschen ranzukommen, die in ihrem Weltbild nicht gefestigt sind, undinsbesondere Jüngere zu radikalisieren.“Lasotta warnt daher davor, die Koranverteilung zu verharmlosen. Hier gehe es um gefährliche Botschaften von Radikalen: „Man muss die Bürger aufklären: Da sind Organisationen am Werk, denen es nicht darum geht, einen moderaten Glauben zu verbreiten, sondern einen Gottesstaat in Europa zu schaffen.“

Starprediger Pierre Vogel unterstützt Aktion

Einen Vorgeschmack auf den wollten eifrige Nagie-Jünger wohl schon einmal Salafismus-kritischen Journalisten der „Frankfurter Rundschau“ und des „Tagesspiegels“ geben. Sie platzierten ein vier Minuten langes Video auf der Internetplattform You Tube. In dem drohten die Islamisten: „Wir haben nun detaillierte Informationen über die Affen und Schweine, die verlogene Berichte über DawaFFM und viele andere Geschwister veröffentlicht haben.“ Die Gruppe DawaFFM ist eine Abou Nagies „Wahrer Religion“ nahestehende Salafistengruppe im Rhein-Main-Gebiet. Zu ihr hatte derFrankfurter Flughafenattentäter Arid U. im Internet regen Kontakt gehalten. Inzwischen wurde das Video im Internet gelöscht.

In dem hatte der Starprediger der Szene, der Kölner Konvertit Pierre Vogel, bereits im vergangenen Sommer die Aktion „Lies!“ indirekt angekündigt. Er hatte dazu aufgerufen, in den „deutschen Wohnzimmern Millionen von Dawa-Zentren“ aufzubauen. Dawa ist das arabische Wort für Missionierung. Vogel, der nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden inzwischen in einer konservativen Koranschule im Norden Ägyptens leben soll, reagierte damit auf die scheinbare Auflösung des Vereins „Einladung zum Paradies“. Vor seiner Abreise aus Deutschland im Spätsommer vergangenen Jahres hatte er sich demonstrativ bei mehreren Veranstaltungen vor mehreren Hundert Zuschauern mit Ibrahim Abou Nagie gezeigt.

Der allerdings wird sein Verschenkprojekt künftig nur noch mit Problemen fortsetzen können. Zwar hatte die Ulmer Druckerei Ebner & Spiegel bereits Hunderttausende Korane drucken lassen. Die Betreiber prüfen aber jetzt, ob sie den Auftrag noch zu Ende führen müssen. Dass der Auftraggeber „im kritischen Licht“ stehe, sei dem Verlag bekannt, sagte Geschäftsführer Stefan Auer. „Wir hatten das bereits am Anfang prüfen lassen durch den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen und die Kripo Köln.“ Der Druck sei jedoch als „unbedenklich“ eingestuft worden. „Für uns ist das ein Auftraggeber wie jeder andere auch. Wir produzieren für unsere Kunden. Wie vermarktet und verteilt wird, darauf haben wir keinen Einfluss.“ Seit vergangenem Herbst hatte derselbe Auftraggeber dort bereits rund 300 000 Exemplare der unkommentierten Koran-Ausgabe in deutscher Sprache drucken lassen.

Die wollen Abou Nagie und seine Freunde auch am kommenden Samstag wieder verteilen.

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